Frühling

Schöner als Salomos Kleider

Es ist Frühling, aber die Welt gibt gerade wenig Anlass zur Freude. Ein Blick auf die beginnende Blumenpracht lässt uns das für eine Weile vergessen.
Jedes Jahr im April färben sich die Wiesen im Berner Jura gelb, wenn hundertausende Narzissen erblühen. (Bild: Martin Kober / Keystone)

Es gibt aktuell wenig Erfreuliches in der Welt: In der Ukraine herrscht seit vier Jahren Krieg, die Situation im Nahen Osten ist eskaliert und auch der Sudan kommt nicht zur Ruhe. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Laut einer Studie hat die Zahl der weltweiten Konflikte im vergangenen Jahr einen Höchststand erreicht.

Ohne Zuversicht geht es aber nicht. Es ist kein Eskapismus, hin und wieder auch einen Blick auf das Schöne zu werfen. Das liegt oft direkt vor unseren Füssen – zum Beispiel die beginnende Blumenpracht in den Gärten. Schon vor einigen Wochen haben die Schneeglöckchen den Anfang gemacht, nach und nach blüht es auf Wiesen und Feldern.

ref.ch hat eine Auswahl der schönsten Frühlingsblumen zusammengestellt und dabei Überraschendes über ihre Bedeutung erfahren.

Schneeglöckchen brechen durch den Schnee. (Bild: Keystone)

Keine Blume steht so für Hoffnung in dunklen Zeiten wie das Schneeglöckchen. Mutig steckt es sein Köpfchen oft schon im Januar durch die Schneedecke und erfüllt uns mit Vorfreude auf den Frühling.

Das Schneeglöckchen wächst wild, es gibt aber auch zahllose Zuchtarten. Bei Züchtern und Sammlern ist die Leidenschaft für die zierliche Pflanze zuweilen so gross, dass sich dafür ein Fachbegriff gebildet hat: Galanthomanie (abgeleitet vom lateinischen Namen des Schneeglöckchens «Galanthus»). Schneeglöckchen-Verrückte sind nicht selten bereit, mehrere hundert Franken für die Zwiebel einer besonderen Art zu zahlen.

Vielleicht kommt seine Beliebtheit auch daher, dass sich um das Schneeglöckchen zahlreiche Legenden ranken. So soll Gott, nachdem er mit seiner Schöpfung fertig war, keine Farbe mehr für den Schnee gehabt haben. Der Schnee bat alle Blumen, ihm von ihren Farben abzugeben – aber nur das Schneeglöckchen war dazu bereit. Seither ist der Schnee weiss, und die einzige Blume, die er neben sich duldet – das Schneeglöckchen.

Krokusse haben eine reiche Symbolik. (Bild: Georg Kukuvec / Keystone)

Lange allein bleibt das Schneeglöckchen aber nicht – in unseren Breitengraden gesellt sich bald schon der Krokus dazu. Mit ihm kehren die ersten Farbtupfer in die Beete zurück, denn seine Blüten leuchten in einer erstaunlichen Vielfalt – von Gelb über Rot bis hin zu Lila.

Als Frühblüher steht der Krokus für Hoffnung und Neuanfang. In vielen Ländern ist daraus sogar eine Tradition geworden: Im Rahmen des sogenannten Krokus-Projekts pflanzen Schülerinnen und Schüler alljährich gelbe Krokusse, um an die im Holocaust ermordeten jüdischen Kinder zu erinnern.

In der Antike stand der Krokus auch für leidenschaftiche Liebe und ewige Jugend: Man mischte ihn in Liebestränke und schmückte Gräber damit. Aus einer besonderen Krokus-Art – dem Safran-Krokus – gewann man das kostbare Gewürz. Seinen Ruf als Jungbrunnen hat der Krokus bis heute behalten: Seine Inhaltsstoffe sollen verjüngende Eigenschaften haben und kommen in Anti-Aging-Cremes zum Einsatz.

Das Wiesenschaumkraut ist filigran, aber widerstandsfähig. (Bid: Gerd Harder / Keystone)

Mit seinen zart-lila Farben verwandelt das Wiesenschaum-Kraut feuchte Wiesen in ein Blütenmeer. Hierzulande hat man ihm aufgrund seiner harntreibenden Wirkung den etwas unrühmlichen Namen «Bettseicherli» gegeben.

Überhaupt ist die Pflanze eng mit Heilkunde und Volksglauben verbunden. Die von Insekten verursachten Schaumnester an Stengel und Blüten bezeichnete man früher als «Hexenspucke». Ebenso glaubte man, dass das Pflücken der Pflanze Blitz und Donner heraufbeschwöre. Wissenschaftlich erhärtet hat sich diese These nie: Das Kraut kann deshalb auch gut für Salate verwendet werden, um ihnen eine würzig-pikante Note zu verleihen.

Schon Paul Gerhardt huldigte der Schönheit von Tulpen und Narzissen. (Bild: Brigitte Protzel / Keystone)

Kaum eine Blume wurde so oft von Dichtern besungen wie die Narzisse. «Narcissus und die Tulipan / Die ziehen sich viel schöner an / Als Salomonis seyde», heisst es in Paul Gerhardts berühmtem Sommerlied «Geh aus, mein Herz, und suche Freud». Streng genommen handelt es sich bei der Narzisse aber um eine Frühlingsblume: Im Volksmund wird sie auch Osterglocke genannt, weil sie um die Osterzeit herum blüht.

Wer sich einen Eindruck von ihrer Schönheit machen will, sollte in diesen Tagen in den Berner Jura reisen: Dort bieten die blühenden Narzissenfelder alljährlich ein unvergleichliches Spektakel.

Die Narzisse hat jedoch auch eine dunkle Seite. In der griechischen Mythologie steht sie für den eitlen Jüngling Narziss, der sich in sein Spiegelbild in einer Quelle verliebte und dabei ertrank. Auf seinem Grab wuchs daraufhin eine Narzisse. Viele Narzissenarten erinnern in ihrer Haltung noch heute an diese Geschichte: Ihre Blüte ist nach unten geneigt, genau so wie bei Narziss, als er sich über das Wasser beugte.

Hyazinthen versprühen mit ihren Farben und ihrem Duft Lebensfreude. (Bild: Justus de Cuveland / Keystone)

Das pure Gegenteil davon verkörpert die Hyazinthe: Mit ihrem aufrechten Wuchs steht sie für Aufrichtigkeit und eine Liebe, die über den Tod hinausgeht. In der griechischen Mythologie liess Apollo nach dem tragischen Unfall seines Geliebten Hyacinthus aus dessen Blut eine Blume spriessen, um ihm Unsterblichkeit zu verleihen.

Überhaupt scheint die Hyazinthe in schweren Zeiten zu helfen: Aufgrund ihrer Farbenpracht und des intensiven Geruchs ihrer Blüten gilt sie als wahrer Stimmungsmacher. Hyazinthen sind zudem pflegeleicht und eignen sich auch als Zimmerpflanzen. Mit nur wenig Aufwand lässt sich somit eine Portion Lebendsfreude in die eigenen vier Wände holen – und das brauchen wir heute vielleicht mehr denn je.

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