Abstimmung zur Biodiversität

«Es geht darum, die Argumente abzuwägen»

Der Verein «église à venir» engagiert sich weder für noch gegen die Biodiversitätsinitiative. Er betont aber, dass sich Kirchen das Thema bereits in den 1970er-Jahren auf die Agenda gesetzt hätten.

Kommen Vorlagen an die Urne, die christliche Themen berühren, mahnt der Verein «église à venir» und dessen Präsident, Pfarrer Bruno Bader, kirchliche Organisationen zur Zurückhaltung – denn nicht alle Mitglieder liessen sich hinter einer politischen Botschaft versammeln.

«Die Diskussion gesellschaftlicher, politischer und kultureller Themen gehört zum Leben der Kirchen», schreibt der Verein in einer Stellungnahme im Zusammenhang mit der Abstimmung über die Biodiversitätsinitiative. Die Schweizer Landeskirchen hätten auch den Auftrag, die christliche Botschaft der Freiheit zu verkündigen, die für alle Menschen und für alle Bereiche des privaten und des öffentlichen Lebens gelte. Dazu gehört auch die Meinungsfreiheit.

Die Biodiversitäts-Initiative nehme ein Anliegen auf, welches die Kirchen bereits in den 1970er Jahren auf die politische Agenda gesetzt hätten, schreibt «église à venir». «Die ‘Bewahrung der Schöpfung’ ist seit jeher Gegenstand kirchlicher Verkündigung und kirchlichen Handelns; sie realisiert sich in der Verantwortung für die Umwelt, im Engagement für den Schutz von Tier- und Pflanzenarten, in der Pflege und Bewahrung von Schutzgebieten und Naturräumen», hält der Verein fest.

Abstimmung über die Biodiversitäts-Initiative

Soll die Natur in der Schweiz stärker geschützt werden? Im Kern um diese Frage dreht sich die Abstimmung zur Biodiversitätsinitiative, über die das Schweizer Stimmvolk am
22. September 2024 entscheidet.

Die Initianten, darunter Natur- und Umweltorganisationen wie die Stiftung für Landschaftsschutz, der Heimatschutz und Pro Natura, fordern unter anderem, dass Landschaften, Ortsbilder und Kulturdenkmäler zu «praktisch unantastbaren» Schutzobjekten deklariert werden und mehr Flächen für den Aufbau und Erhalt der Biodiversität bleiben.

Den Gegnern, darunter Vertreterinnen von Bauern- und Gewerbeverband, geht der Vorstoss zu weit. Sie argumentieren unter anderem, die Landwirtschaft würde zu stark eingeschränkt, Berggebiete und Tourismus würden geschwächt und die Umsetzung der Initiative würde zu hohe Kosten verursachen.

Die Redaktion von ref.ch beleuchtet das Thema in einer Artikelreihe, die bis zur Abstimmung vervollständigt wird. (jow)

Christinnen und Christen seien dem Schutz der Biodiversität verpflichtet. «Welche konkreten Massnahmen hierfür auf den Ebenen der gesetzlichen Grundlagen und des politischen Handelns gewählt werden, wird im politischen und gesellschaftlichen Diskurs verhandelt – und im kirchlichen», stellt der Verein klar.

Doch etwas gehört für «église à venir» untrennbar dazu: Evangelisch-reformierten Christenmenschen sei besonders an der Einsicht in die Verantwortung und Mündigkeit des Individuums gelegen: «Deshalb sind gerade evangelische Gemeinden Orte des Diskurses und des Disputes.» Solche Debatten seien auch von der theologischen Erkenntnis getragen, dass niemand für sich in Anspruch nehmen könne, über die «Wahrheit» zu verfügen. Keiner könne «letztgültig wissen», was richtig sei und was falsch.

Der Verein hält fest: «Die Diskussion tagespolitscher Fragen ist immer ein Austausch von Argumenten und ein Ringen um die besten.» Die Debatte solle mit Offenheit für die Argumente der Befürworter und der Gegner geführt werden. Denn es gehe bei dieser Abstimmung wie bei allen tagespolitischen Diskussionen im Land um eines: «Abzuwägen und für sich persönlich einen Entscheid zu treffen.»