Andrew Bonds Naturreich hinter den Hecken
Die nächste grosse Stadt ist nur eine gute halbe Stunde entfernt, doch hier fühlt es sich an nach Postkartenschweiz. Maisfelder, Kuhweiden, Bauernhöfe verstreut und da hinten geht es schon hinein in die Voralpen. Hier lebt der Autor und Liedermacher Andrew Bond. Wegen ihm singen Kinder landauf, landab «Zimetschtern hani gern».
Andrew Bond ist ein doppelter Insulaner. Seine Kindheit hat er in England verbracht – und als Missionarskind auch in Afrika. Nach England reist er heute nur noch in den Ferien, aber zuhause ist er auf einer Biodiversitätsinsel mitten im Landwirtschaftsland.
Dorthin führen zwei Wege. Der offensichtliche verläuft an der ehemaligen Schafweide vorbei, auf der eine umgestürzte Eiche liegt. Dann biegt er links ab neben der trockenen, eingefallenen Brunnenstube, die unter Efeu verborgen und von Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren sehr heimlich bewohnt ist. Man ginge dann noch unter der Brücke hindurch, die früher ins Tenn führte, und stünde vor einem historischen Bauernhaus.
Der andere ist unscheinbarer. Plötzlich bleibt der ehemalige Sekundarlehrer mit Theologiestudium stehen. Er deutet mit der Linken auf eine diskrete Lücke in der hohen Hecke, die sein Grundstück umgibt, und schon verschwindet er. Man geht durch einen Pflanzentunnel, sieht alle Schattierungen von Grün, es summt und brummt. Vielleicht würde es Bond in einem Kindersong «summbrummt» nennen – viele seine Lieder handeln von der Natur.
Kindern die Liebe zur Natur vermitteln
Während er durch das feuchte Gras streift, sagt er, mit dem Liederschreiben begonnen habe er für seine Kinder: Über Traktoren oder Schmetterlinge, über alles Mögliche. Und häufig eben auch über die Natur. «Bis heute fliesst die Freude am Forschen und Entdecken in die Lieder ein», sagt er. Bond bückt sich, um unter einem Ast hindurch zu schlüpfen und zitiert ein paar Zeilen: «Wenn ich verusse bin / und alli Sinn wiit offe han / gits immer wieder zauberhafti Augeblick».
Wie ein paar Tage zuvor, als er in seinem Garten ein Heupferd gesehen habe. Die grünen Heuschrecken werden bis zu vier Zentimeter lang. «Wenn ich so ein Insekt beobachten kann, vergesse ich die alltäglichen Sorgen komplett», sagt Bond. Nicht umsonst stehen in seinem Garten gleich zwei himmelblaue Liegen. Von der einen aus kann er die Spechte am abgestorbenen Nussbaum klettern sehen, und von der anderen die Insekten im alten Bauerngarten.
Kein Biodiversitäts-Romantiker
Andrew Bond äussert sich selten politisch. Doch als das Ja-Komitee der Biodiversitätsinitiative um seine Unterstützung bat, sagte er zu. Der Initiativtext sei sehr ausgewogen: «Eigentlich wird nur verlangt, dass man durchzieht, was man früher schon beschlossen hat.»
Soll die Natur in der Schweiz stärker geschützt werden? Im Kern um diese Frage dreht sich die Abstimmung zur Biodiversitätsinitiative, über die das Schweizer Stimmvolk am
22. September 2024 entscheidet.
Die Initianten, darunter Natur- und Umweltorganisationen wie die Stiftung für Landschaftsschutz, der Heimatschutz und Pro Natura, fordern unter anderem, dass Landschaften, Ortsbilder und Kulturdenkmäler zu «praktisch unantastbaren» Schutzobjekten deklariert werden und mehr Flächen für den Aufbau und Erhalt der Biodiversität bleiben.
Den Gegnern, darunter Vertreterinnen von Bauern- und Gewerbeverband, geht der Vorstoss zu weit. Sie argumentieren unter anderem, die Landwirtschaft würde zu stark eingeschränkt, Berggebiete und Tourismus würden geschwächt und die Umsetzung der Initiative würde zu hohe Kosten verursachen.
Die Redaktion von ref.ch beleuchtet das Thema in einer Artikelreihe, die bis zur Abstimmung vervollständigt wird. (jow)
Von seinem Wohnort aus blickt Bond auf die Landwirtschaftsbetriebe rundherum. Obwohl er seinen Raum als Idealist gestaltet und sich selbst als Romantiker bezeichnet, wenn es um Pflanzen und Tiere geht – und obwohl er mit einfachen Worten Kinderlieder schreibt: Andrew Bond ist nicht naiv. «Wer von der Landwirtschaft lebt, schaut die Natur mit anderen Augen an», sagt er.
Ihm tut es zwar weh, nur Weiden und Monokulturen zu sehen, wenn er durch seine Hecke blickt. Aber er weiss auch, dass die Nachbarn wenig Spielraum für biodiverse Experimente haben. Dass sie den Kopf schütteln wegen des Totholzes, das er nicht von seinem Land entfernt. Er erklärt ihnen, dass tote Bäume wertvolle Lebensräume sind, weiss aber, dass deswegen niemand auf die Idee kommt, es ihm gleich zu tun.
Veränderung in kleinen Schritten
Sie leben hier nicht im Streit, der Vogelgucker und die Agronomen. Sie haben halt verschiedene Erwartungen an das Land. Manchmal kommt sogar einer von ihnen zu ihm und fragt Bond nach Rat. «Da unten stand lange ein altes Torfstecherhäuschen», erzählt er und zeigt auf ein paar Bäume zwischen Maisfeld und Kuhweide. Dann sei es in sich zusammengefallen und der Bauer, der das Land bewirtschaftet, fragte, was Bond tun würde. «Ich sagte ihm, er solle es einfach in Ruhe lassen», erinnert er sich.
Tatsächlich sind die Reste des Häuschens immer noch da, versteckt unter Büschen und Bäumen, die seither gewachsen sind. Bond beobachtet Füchse, die dort eingezogen sind und sieht, wie die Vögel aus seinen Bäumen und Hecken hinüberfliegen. Langsam und in kleinen Schritten wird die Umgebung biodiverser.