Biodiversität in der reformierten Kirche
«Gläubige Landwirte sind eher resilient»
Frau Sabir, praktizieren gläubige Landwirtinnen und Landwirte eine umweltfreundlichere Landwirtschaft?
Ghezal Sabir: Ob sie die Biodiversität fördern und die Umwelt schützen, hängt nicht primär mit religiösen Werten wie dem Sinn für Gerechtigkeit oder Nächstenliebe zusammen. Bei ihren Entscheidungen spielen andere Faktoren oft eine wichtigere Rolle, beispielsweise die Höhenlage der Höfe, der Boden, der vorgibt, was sie anbauen können und vor allem ihre finanziellen Mittel.
Andere Faktoren sind also wichtiger als religiöse Werte. Kann der Glaube das Wohlbefinden der Landwirte schwächen, weil sie ihren Werten nicht gerecht werden können?
Sicher können negative Gefühle aufkommen, aber die Hoffnung überwiegt. Eine reformierte Landwirtin sagte: «Egal was passiert, ich habe Hoffnung, weil ich an Gott glaube.» Es gibt Studien, die belegen, dass sich der Glaube positiv auf die geistige und körperliche Gesundheit auswirkt und das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. In meiner Studie war dieses Gefühl von Hoffnung durch den Glauben sehr präsent. Das kann die Landwirtinnen resilienter gegenüber Herausforderungen wie dem Klimawandel oder knappen Finanzen machen.
Ob die Biodiversität stärker erhalten wird, hängt auch von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ab. Welche Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit können hier einfliessen?
Die Studie soll Bürgerinnen sensibilisieren, dass die biologische Vielfalt mit unseren spirituellen Werten eng zusammenhängt. Wenn wir uns das bewusst machen und die Zusammenhänge anerkennen, kann uns das motivieren, mehr für die biologische Vielfalt zu tun – und zwar auf persönlicher, gemeinschaftlicher und politischer Ebene.
Was wünschen sich denn die Landwirte?
Viele Studienteilnehmende wünschen sich mehr Verständnis und vor allem mehr Wertschätzung seitens Konsumentinnen für ihre harte Arbeit und die erzeugten Lebensmittel. Hier könnten die Glaubensgemeinschaften ansetzen und eine Vermittlerrolle einnehmen.
Ghezal Sabir (42) wurde in Afghanistan geboren. Ihre Familie floh Ende der 1990er-Jahre nach Kanada. Seit rund acht Jahren lebt sie in der Schweiz.
Sie war unter anderem Programmpolitikerin beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und doktoriert am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau und am Center for Development and Environment der Universität Bern. (red)
Wie kann das im Alltag konkret aussehen?
Aus den Interviews ist eine Fotoausstellung entstanden. Die Befragten zeigen mit Bildern ihres Alltags, wie ihre Werte, einschliesslich religiöser oder spiritueller Werte, ihr landwirtschaftliches Verhalten beeinflussen. Die Ausstellung wurde schon in der Reformierten Kirche in Frick (AG) gezeigt. Die Besucherinnen und Besucher diskutierten, wie ihr Verhalten in Bezug auf die biologische Vielfalt mit ihren religiösen Werten im Einklang steht oder eben nicht. Genau solche Handlungen seitens Kirchen und Glaubensgemeinschaften wünschen sich die Studienteilnehmenden.
Sie haben die Teilnehmenden auch danach gefragt, wie Kirchen die Biodiversität fördern und die Umwelt schützten. Was waren die Antworten?
Viele Katholiken und Reformierte sind der Überzeugung, ihre Religion sei neutral dem Thema gegenüber, tue in dem Sinne kaum etwas oder dann wussten sie es nicht genau.
Das klingt ernüchternd.
Ja. Aber ich habe daraufhin die katholischen Probandinnen auf die Enzyklika «Lautdato Si» von Papst Franziskus angesprochen, in welcher er fordert, für Ökologie, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde einzutreten. Die reformierten Gläubigen habe ich nach dem Verein oeku gefragt. In beiden Fällen hatten die meisten keine Kenntnis davon. Das hat mich überrascht.
In ihrer Doktorarbeit «Locating Religion and Spirituality in Foodscapes» forscht Ghezal Sabir zur wertebasierten Landwirtschaft und wie religiöse und spirituelle Werte eine biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft fördern können. Ihre Doktorarbeit ist Teil des europaweiten Projekts Planet4B, welches sich für bessere Entscheidungen zugunsten der Biodiversität und der Menschen einsetzt.
Sabir hat mit 22 Landwirtinnen und Landwirten qualitative Interviews geführt, darunter vor allem katholische und reformierte Personen. Sie hat auch einen buddhistischen und zwei konfessionslose Landwirte befragt. Sie hat die Verbindung zwischen religiösen Werten und landwirtschaftlichen Praktiken evaluiert und geprüft, welche Faktoren diese Verbindung beeinflussen. Die Erkenntnisse sollen in einer quantitativen Analyse vertieft werden. (red)
Was wären denn ganz praktische Massnahmen, die den Bauern helfen würden?
Ein gutes Beispiel sind die Aktionen während der Schöpfungszeit oder das Label «Grüner Güggel». Unabhängig der Glaubensrichtungen ist hier noch viel Luft nach oben. Kirchengemeinschaften könnten beispielsweise für Veranstaltungen Lebensmittel direkt vom Hof und die Ecke beziehen, was eine Verbindung zwischen Produzierenden und Konsumierenden schafft. Andere Ideen sind Frondienste bei der Ernte oder schlicht, wenn wir direkt ab Hof kaufen. Das sind einfache Hilfestellungen, die Verständnis schaffen und im besten Fall die Motivation der Gläubigen stärken, Natur und Artenvielfalt mehr zu achten.
Sie sind Muslimin und leben Ihren Glauben. Wie haben die Studienteilnehmenden auf Sie reagiert?
Sie waren zu Beginn zurückhaltend. Auch ich war nervös, weil viele Menschen meine religiösen Überzeugungen nicht ausreichend verstehen. Gleichzeitig war mein Kopftuch ein Vorteil, weil ich meine Religiosität offen zeige. Das war für die Teilnehmenden eine Einladung, auch offen über ihren Glauben zu sprechen. Unabhängig davon war es sehr schwierig, Studienteilnehmende zu finden. Religion ist Privatsache.
Fast die Hälfte der Befragten waren reformierte Landwirtinnen und Landwirte. Zeigten sich Parallelen zu Ihrem eigenen Glauben?
Da gibt es viele. Zentral ist der Glaube, dass Gott uns die Welt geliehen hat. Die ethische Verantwortung ist die Gleiche, nämlich der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren.
Wie leben Sie diesen Grundsatz in Ihrem Alltag?
Zwischen den Gebetszeiten versuche ich, Dinge so zu tun, dass sie im Einklang mit meinen religiösen Werten stehen. Ich versuche, meine Gebete umzusetzen. Im Islam hat jeder ein Buch der guten Taten, das möchte ich füllen. Ich versuche, Fairtrade Produkte zu kaufen, Plastikverpackungen zu vermeiden, oder setze mich in meiner Gemeinde dafür ein, dass wir kein Einweggeschirr verwenden.
Umweltschutz ist für Sie demnach ein zentrales Thema.
Ja. Ich führe oft lange Diskussionen mit meinen Kindern, wenn es um Plastikspielzeug geht. Mich zu engagieren, bereitet mir Freude. Es ist nicht mehr anstrengend mit dem Velo statt dem Auto zur Arbeit zu fahren. Wir sollten gute Taten besser vermarkten, statt immer über Verzicht sprechen.
Die Foto-Ausstellung zur Forschungsarbeit ist Anfang September im Zwinglihaus in Basel zu sehen. Es gibt einen Diskussionsabend zur Frage «Was hat der Glaube mit dem Schutz der Natur zu tun?» am 2. September 2025 von 19 bis 21 Uhr.