Brandkatastrophe in Crans-Montana
Nationale Trauerfeier findet ohne religiösen Rahmen statt
Die nationale Trauerfeier nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana im Kongresszentrum in Martigny ist für die Schweiz ein Novum – sowohl durch das Ausmass als auch durch die Anwesenheit von drei Dutzend ausländischer Staatsoberhäupter. «Es ist eine gigantische Herausforderung, aber wir schulden es den Familien der Opfer», sagt Mathias Reynard, Präsident des Walliser Staatsrates, in der Tageszeitung «Le Temps».
Am Freitagnachmittag um 13.45 Uhr werden rund tausend geladene Gäste zu einer einstündigen Zeremonie in Martigny empfangen – angesichts der angekündigten Schneefälle wurde der Anlass in den Talboden verlegt. Um 14 Uhr werden in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken läuten, gefolgt von einer Schweigeminute. Die Zeremonie wird im Fernsehen übertragen. Hunderte Polizistinnen und Polizisten aus der ganzen Schweiz werden für die Sicherheit sorgen.
Die Familien, Angehörigen, Freundinnen und Freunde der Opfer werden laut Reynard in den vordersten Reihen Platz nehmen: «Wir haben alles unternommen, um die Einladungen an sämtliche Betroffenen zuzustellen – auch ins Ausland.» Neben den Angehörigen werden auch Vertreterinnen und Vertreter der Rettungskräfte anwesend sein: Feuerwehrleute, Sanitäterinnen, Polizisten, Pflegepersonal und Ärztinnen.
Religionsvertreter nicht aktiv eingebunden
Von den Staatsgästen haben Frankreichs und Italiens Präsident Emmanuel Macron und Sergio Mattarella ihre Teilnahme bestätigt. Die Delegation des Bundesrates besteht aus Bundespräsident Guy Parmelin, Beat Jans sowie Ignazio Cassis. Die Walliser Kantonsregierung wird vollständig vertreten sein, ebenso Parlamentarierinnen und Parlamentarier sowie Gemeindevertreter, allen voran aus Crans-Montana.
Eine Minderheit stellen die Vertretenden der Landeskirchen und religiösen Gemeinschaften dar. Eingeladen sind Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), der Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz Charles Morerod, Bischof Frank Bangerter von der Christkatholischen Kirche sowie Önder Günes von der Föderation Islamischer Organisationen der Schweiz und Ralph Friedländer, Präsident des Zentralausschusses des Israelitischen Gemeindebundes SIG.
Vom Kanton Wallis eingeladen sind Stephan Kronbichler, Präsident des Synodalrats der Evangelisch-reformierten Kirche Wallis, und der Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey. Aktiver Teil der Trauerfeier wird niemand von ihnen sein.
«Zeremonienleitung» führt durch die Feier
Wie «Le Temps» schreibt, werde diese Stunde des gemeinsamen Gedenkens von einer Zeremonienleitung geführt. Den Namen dieser Person geben die Verantwortlichen im Vorfeld nicht preis. Er werde bewusst nicht genannt, um die Person vor medialem Druck zu schützen, sagte Staatsrat Reynard der Zeitung.
Er habe entschieden, dass die Feier spirituell und universell sein solle sowie «offen für alle Religionen». Der Staatsrat hat auch die Künstlerinnen und Künstler ausgesucht, die während der Feier musikalische Intermezzi darbieten.
Auf Nachfrage von ref.ch bestätigt EKS-Sprecher Stephan Jütte, dass Rita Famos an der Trauerfeier teilnimmt. Man habe sie ausserdem angefragt, ob sie ein Gebet für den Anlass schreiben könne. Die Vorgaben dafür: Es soll interreligiös kompatibel sein und auch für Menschen passen, die nicht glauben. Wird die EKS-Präsidentin das Gebet vortragen? «Nein», sagt Jütte, «es wird wahrscheinlich von einer Schauspielerin gelesen.»
Wenige nationale Trauerfeiern
In der Schweiz sind nationale Trauerfeiern eine Seltenheit. Aufgrund des Föderalismus werden solche Anlässe in der Regel auf kantonaler Ebene durchgeführt. Ein Historiker suchte für «Le Temps» die Trauerfeiern von nationalem Ausmass heraus.
1875 fand anlässlich der Beerdigung General Guillaume-Henri Dufours eine Trauerfeier mit nationaler und internationaler Ausstrahlung statt.
1960 nahm aufgrund einer Fernsehübertragung die ganze Schweiz Anteil an der Abdankung von General Henri Guisan in Lausanne. Allein in der Stadt am Genfersee sollen sich 300’000 Menschen versammelt haben.
1997 wurden im ägyptischen Luxor 36 Schweizer Touristinnen und Touristen von Terroristen getötet. Aussenminister Flavio Cotti reiste nach Kairo und Bundesrat Arnold Koller nahm an der offiziellen Gedenkfeier im Zürcher Grossmünster teil.
2005 erklärte der Bundesrat den 4. Januar zum nationalen Trauertag: Im Dezember 2004 waren 113 Schweizerinnen und Schweizer der Tsunami-Katastrophe zum Opfer gefallen. Die Gedenkfeier für die Verstorbenen fand im Berner Münster statt.
Zu Ehren der Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana hängen vielerorts in der Schweiz die Fahnen auf Halbmast, für 14 Uhr sind an zahlreichen Orten öffentliche Schweigeminuten angekündigt. Die SBB erlaubt den Lokführern, aus diesem Anlass das Signalhorn zu betätigen und: Im ganzen Land sollen um 14 Uhr die Kirchenglocken läuten. Für gewöhnlich läuten die Glocken katholischer und reformierter Kirchen im ganzen Land selten gleichzeitig, etwa am Ostersonntag. Aus einem anderen Grund wurde dies beispielsweise am 8. Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs, getan.