Brandkatastrophe in Crans-Montana
«Die Tragödie wird Leben prägen»
Herr Cavin, bereits am Abend nach der Brandkatastrophe trafen Sie im Kongresszentrum in Crans-Montana ein. Die Polizei hatte Angehörige dort betreut, um Informationen aus erster Hand weiterzugeben. Sie kamen, um katholische Kollegen zu unterstützen. Wie erlebten Sie die Stimmungslage?
Es war äusserst bedrückend, auf Familien zu treffen, die noch nichts über den Verbleib ihrer Liebsten wussten und im Ungewissen darüber waren, ob ihre Angehörigen verletzt oder verstorben waren. Die Wartezeit, bis jemand identifiziert werden konnte, war schrecklich. Es gab zwar regelmässig Informationen, aber sehr wenige Gewissheiten.
Wie nahmen Sie die Angehörigen wahr?
Einige hatten Schwierigkeiten zu begreifen, was passiert war. Andere klammerten sich an die Hoffnung, dass ihre Angehörigen zu den Überlebenden gehörten. Und es gab Menschen, die in einem immensen, endlosen Schmerz versanken. Die Angst war sehr gross.
Welche Aufgabe haben Sie übernommen?
Da sein. Zuhören. Wo es möglich war, ein Gespräch führen. Mit jenen, denen danach war, beten. Es ging auch darum, Informationen zu wiederholen, um sie verständlicher zu machen. In einem Fall konnte ich einen Kontakt vermitteln zwischen einer Familie und der Kirchgemeinde ihres Wohnortes, damit die Begleitung dort weitergeführt wird.
Was haben die Erlebnisse in Ihnen ausgelöst?
Natürlich berührt es mich zutiefst. Man kann sich dem nicht entziehen. Das hätte meinen Kindern passieren können. Die Walliser Jugendlichen wird es lange beschäftigen. Jede und jeder kennt jemanden, die oder der verletzt worden oder verstorben ist. Die Tragödie trifft Crans-Montana sehr unmittelbar, bewegt aber auch den Kanton, sogar darüber hinaus.
Gilles Cavin (49) ist seit dem 1. Januar 2025 Präsident der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Er ist zudem Synodalrat der Evangelisch-reformierten Kirche des Wallis. Cavin, geboren in Lausanne, arbeitet als reformierter Pfarrer in Sierre. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. (jow)
In einer Gedenkmesse versammelten sich 400 Personen, Bundesrat Guy Parmelin sprach von «Gebeten» für die Opfer und die Angehörigen. Ist das Bedürfnis nach Spiritualität nach solchen Ereignissen besonders gross?
Ja, das denke ich. Angesichts solcher Tragödien fühlt man sich sehr hilflos. Man weiss nicht mehr ein und aus. Spiritualität kann eine Möglichkeit sein, dieser Ohnmacht zu begegnen. Uns Gott zuzuwenden, ist eine Art und Weise, um unsere Verzweiflung, unser Unverständnis und unsere Wut zum Ausdruck zu bringen.
Die Frage nach dem «Warum» wird sich zwangsläufig stellen. Was lässt sich darauf antworten, ohne etwas Falsches zu sagen?
Natürlich kehrt diese Frage wieder, auch im Rahmen der Ermittlungen. Es ist legitim, dass die Familien verstehen möchten, was passiert ist. Es gibt aber auch ein existenzielleres «Warum» – ein verzweifelter Schrei. In einem solchen Ereignis lässt sich kein Sinn finden. Die kollektive, nationale Trauer wird über die ersten Tage hinweg andauern.
Was können die Kirchen langfristig beitragen?
Mir fallen zwei Worte ein: Mitgefühl und Gebet. Das Gebet erlaubt, das Unverständliche, Unsagbare abzulegen. Mitgefühl bedeutet, an der Seite jener zu bleiben, die leiden, sie nicht allein zu lassen, echte Präsenz zu zeigen. Schlicht zu sagen: «Was auch geschieht, Gott ist mit euch, und wir sind es auch.»
Was sagen Sie jenen, die tief betroffen sind?
Diese Tragödie wird morgen nicht vorüber sein. Sie wird Leben dauerhaft prägen. Angesichts dessen wird es nötig sein, sich solidarisch und zugewandt zu zeigen. Darin liegt die Herausforderung: Die Präsenz und Unterstützung nicht abklingen zu lassen, wenn die Emotionen abklingen.
Übersetzung: Johanna Wedl
Redaktioneller Hinweis: Wir danken der Redaktion von «Le Temps» für die Genehmigung zur Zweitverwertung. Die Originalversion des Interviews in der Erstveröffentlichung lesen Sie hier.