Deutschland
Ein Fass Seehund-Tran für eine Bibelübersetzung
In Stuttgart entfaltet sich derzeit eine faszinierende Reise durch die Welt der Heiligen Schrift. Unter dem Titel «Gottes Wort für alle Welt!? –- Bibeln und Mission im kolonialen Kontext» zeigt die Württembergische Landesbibliothek (WLB) bis zum 14. Juni Bibeln aus aller Welt. Die Ausstellungsstücke stammen aus der hauseigenen Sammlung, die mit 22’000 Bänden in 800 Sprachen die drittgrösste Bibelsammlung der Welt.
«Die Bibeln waren in vielen Ländern die ersten gedruckten Bücher in der eigenen Sprache», sagt Kurator Christian Herrmann. So zeigt die Ausstellung die ältesten Bibeldrucke aus allen Kontinenten: Eine der 49 noch erhaltenen Exemplare der Gutenberg-Bibel (zwischen 1452 und 1454) ebenso wie eine «Bibel für betende Indianer» (1663), die einer der älteste Bibeln des amerikanischen Kontinents ist.
Laut Zahlen der Bibelgesellschaft gab es 2023 eine vollständig übersetzte Bibel in 743 Sprachen – schätzungsweise 80,5 Prozent der Menschen weltweit wurden dadurch in ihrer Muttersprache erreicht. Die Ausstellung zeigt auch, dass Missionare trotz ihres Wunsches «alle Welt zu erreichen», dennoch nicht mit den Kolonialmächten per se gleichzusetzen sind. So versetzten sich viele Missionare für ihre Übersetzungen intensiv in die Lebens- und Gedankenwelt ihres Gegenübers.
Bibeln in der Muttersprache wurden meistens nicht als Fremdkörper aufgefasst, sondern bewirkten im Gegenteil oft Neugier und Dankbarkeit. Das ist an einem kuriosen Beispiel zu sehen: So bedankten sich die Inuit-Gemeinden bei der britischen Bibelgesellschaft für die Übersetzung der Evangelien im Jahr 1813 in den Labrador-Dialekt der Eskimo-Sprachen mit einem Fass Seehund-Tran. (epd/ dst)