«Mit Trump hätte ich als Pfarrerin gerne über seine Nahost-Politik gesprochen»

In Davos herrscht wegen des World Economic Forums (WEF) Ausnahmezustand. Mittendrin: Die reformierte Davoser Pfarrerin Astrid Fiehland. Wie sich die Kirche am WEF beteiligt und mit was die Pfarrerin US-Präsident Donald Trump bei einem Treffen konfrontiert hätte, erzählt die 61-Jährige im Interview.

US-Präsident Donald Trump hielt am diesjährigen WEF eine Rede. Mit ihm auf der Bühne: WEF-Gründer Klaus Schwab. (Bild: Keystone)

Frau Fiehland, wie lebt es sich im momentanen Zentrum der Welt?
Sie meinen im Ausnahmezustand? Naja, darin leben wir in Davos ja schon seit Wochen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. 5000 Soldaten sind hier stationiert, am See gibt es einen eigenen Landeplatz mit einem kleinen Tower. Und dann ist da noch der viele Verkehr mit all den Limousinen, in denen die WEF-Teilnehmenden herumgefahren werden. Die sonst so berühmte gesunde Davoser Bergluft wird dadurch ganz schön verschmutzt. Ausserdem mussten wir der Kantonspolizei den Schlüssel zu unserer Kirche abgeben, weil sie sich im Sperrgebiet befindet.

Sie sind also kein Fan des WEF?
Das würde ich so nicht sagen. Die Atmosphäre ist spannend. So findet im Rahmen des WEF beispielsweise das Open Forum statt, bei dem man interessante Vorträge besuchen kann. Und es gibt das interreligiöse Zentrum, in dem ein reger Austausch zwischen verschiedenen Religionsvertretern stattfindet.

Sie selbst wurden als Davoser Pfarrerin nicht ans WEF eingeladen?
Nein, aber mein katholischer Kollege, der einen Kardinal dorthin begleitete.

Wären Sie gerne hingegangen?
Ich hätte nicht nein gesagt. Die Davoser Zeitung verlost jedes Jahr Tickets. Vielleicht muss ich da mal mitmachen (lacht).

Darf man als Pfarrerin das WEF überhaupt gut finden? Schliesslich treffen sich dort die Mächtigen, die von vielen NGOs für viel Leid auf der Welt verantwortlich gemacht werden.
So pauschal kann man das nicht sagen. Als Pfarrerin habe ich in meiner früheren Gemeinde Menschen getroffen, die in internationalen Firmen tätig sind und denen es durchaus ein Anliegen ist, verantwortungsvoll zu handeln. Von ihnen bekam ich oft zu hören, dass sie sich wünschen, dass sich die Kirche noch mehr für einen Bewusstseinswandel engagiert.

Sollte sie?
Heute reden alle von Nachhaltigkeit – pardon – Sustainability. Die Kirche setzt schon etwas länger auf diese Themen. Ich selbst war bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1983 in Vancouver dabei. Schon damals haben die Delegierten verstanden, dass die Bewahrung der Schöpfung – neben dem Streben nach Frieden und Gerechtigkeit – ein zentrales Thema werden muss.

Wie sieht Ihr Engagement bei diesen Themen aus?
Während des WEF sind auch wir ganz fleissig. Zum einen nehmen Konfirmanden unserer Kirche an den Fridays-for-Future-Protesten teil. Zum anderen führen wir als Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen ein spezielles Begleitprogramm parallel zum WEF durch. Am Montag fand eine ökumenische Feier statt, in der das Thema Foodwaste im Zentrum stand. Danach gab es einen Apéro mit vor dem Abfall geretteten Lebensmitteln. An den anderen Tagen schweigen und beten wir miteinander im Chorraum für Gerechtigkeit und Frieden. Dazu gibt es alle Viertelstunde einen inhaltlichen Impuls.

Wie gross schätzen Sie den Einfluss der Kirchen auf die Politik?
Auf die konkreten Sachfragen darf man den Einfluss nicht überschätzen. Aber natürlich hat die Kirche ein prophetisches Amt. Sie soll den Finger auf wunde Punkte legen und eine Stimme für die Schwachen sein. Ich sehe die Aufgabe der Kirche auch darin, Hoffnung zu stiften.

Auch dieses Jahr nahm der amerikanische Präsident Donald Trump am WEF teil. Wenn Sie die Gelegenheit bekommen hätten, ihn zu treffen, über was hätten Sie mit ihm gesprochen?
Über seine Nahost-Politik. Denn ich selber habe lange in Jerusalem gearbeitet. Trump hat immer wieder betont, dass eines seiner Ziele ist, im Nahen Osten Frieden zu stiften. Dann hat er die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt. Wie er damit seinem Ziel eines langfristigen Friedens näher kommen will, das würde mich echt interessieren.

Zur Person: Astrid Fiehland (61) ist seit September 2018 reformierte Pfarrerin in der Kirchgemeinde Davos Dorf und Seelsorgerin an der Hochgebirgsklinik Davos. Zuvor war sie Pfarrerin einer grossen Kirchgemeinde in Hamburg-Nienstedten und Leiterin des Evangelischen Pilger- und Begegnungszentrums in Jerusalem.