Warum während des WEF eine Kirche gesperrt wird

Noch bis zum 23. Januar ist das Davoser Weltwirtschaftsforum WEF das Zentrum der Mächtigen und Einflussreichen. Wie wirkt sich das WEF auf die reformierte Kirchgemeinde Davos-Dorf aus? Pfarrerin Christa Leidig erzählt.


«Während des WEF ist das ganze Leben in Davos anders. Man muss viel mehr Zeit einplanen, die normalen Veranstaltungsräume sind besetzt, und es hat viel mehr Verkehr», sagt Christa Leidig zu ref.ch. Sie ist seit sechs Jahren Pfarrerin in der Kirchgemeinde Davos-Dorf. «Deshalb kaufe ich während des WEF auch nicht ein, sondern erledige alles vorher.»

Die grösste Einschränkung, die ihre Kirchgemeinde hinnehmen muss, ist die Sperrung der Kirche Sankt Theodul in Davos-Dorf, die vis-à-vis eines Vierstern-Hotels liegt. Zwar könne man die Kirche für Abdankungen normal benutzen, müsse dies aber mit der Polizei absprechen und eine Sicherheitsschleuse passieren. «Faktisch wird deshalb die Kirche während des WEF nicht benutzt. Man kann das kritisch sehen, allerdings liegt sie tatsächlich in der Sicherheitszone», so Leidig.

Und während der letzten sechs WEF sei kein Davoser gestorben, so dass man die Kirche auch nicht für eine Abdankung benötigt habe. «Die Davoser wissen, dass es eine ungünstige Woche zum Sterben ist», schmunzelt Leidig.

«Open Forum» ohne Kirchenbund nicht mehr das Gleiche

Die Kirchen in Davos nehmen das WEF jeweils zum Anlass, an drei Abenden bis zum 22. Januar eine Gebetsmeditation  in der Kirche St. Johann durchzuführen. «Dort kann man kommen und gehen, wie man will. Dort denken wir an jene Menschen, die beim WEF nicht vorkommen. Es ist eine stille Aktion, es gibt sonst so viel grosse Worte beim WEF.» WEF-Leute tauchten da – wenn überhaupt – nur zufällig auf, obwohl sie willkommen seien, sagt Leidig.

Sie bedauert zudem, dass der Schweizerische Evangelische Kirchenbund beim «Open Forum» – einer WEF-Veranstaltung, die für alle zugänglich war – nicht mehr dabei ist. Der Kirchenbund hatte 2011 die Organisation des Open Forum nach neun Jahren ganz dem WEF überlassen.

«Das Open Forum gibt es zwar immer noch, aber die Panels behandeln keine religiösen oder sozialkritischen Themen mehr, und es nehmen keine kirchlich-ethischen Vertreter mehr teil, sondern nur noch ‹klassische› WEF-Leute wie etwa der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel», sagt Leidig. Hier sei ein Loch und ein bedauernswertes Defizit entstanden, denn Religion sei anerkanntermassen ein Thema.