Malcolm X

Prediger einer schwarzen Revolution

Malcolm X war ein radikaler muslimischer Schwarzen-Aktivist, der von einer schwarzen Revolution in den USA sprach. Vor 100 Jahren wurde er geboren, vor 60 Jahren erschossen. Die Hintergründe der Tat werfen noch immer Fragen auf.
Streitbar, energisch und radikal war Malcolm X (rechts). Er kämpfte zur gleichen Zeit wie Martin Luther King um Bürgerrechte für die schwarze US-Bevölkerung. Doch Kings friedlichem Protest konnte er nur wenig abgewinnen. (Bild: Keystone/ AP Photo)

Erst kamen Todesdrohungen, dann geschah der Mord. Der radikale US-Bürgerrechtler und schwarze Nationalist Malcolm X, intensiv überwacht von FBI und Polizei, wurde vor 60 Jahren erschossen. Er starb am 21. Februar 1965, als er sich in New York auf eine Rede vorbereitete.

Der 39-Jährige wollte an jenem Tag über seine neue «Organisation für Afro-Amerikanische Einheit» sprechen. Es ging darum, Schwarze zusammenzubringen, um politische Macht zu erlangen und gegen Ausbeutung zu kämpfen. Rassismus wollte er als Menschenrechtsverstoss bei den Vereinten Nationen anprangern.

Der erste Schuss auf ihn kam aus einer abgesägten Schrotflinte, weitere Schüsse aus Pistolen. Drei Männer aus dem Umfeld der religiös-politischen «Nation of Islam» wurden wegen des Mordes zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Organisation betrachtete Malcolm X als Verräter. Er war einer ihrer wichtigsten Wortführer gewesen, bevor er 1964 mit ihr brach.

2021 entschuldigte sich der Staatsanwalt von New York City bei zwei der Verurteilten: Es sei ein Fehlurteil gewesen. Der dritte, Mujahid Abdul Halim, ein früheres Mitglied der «Nation», hatte sich schuldig bekannt.

Vor wenigen Monaten, im November 2024, reichten Malcolm Xs Töchter eine Klageschrift mit schwerwiegenden Vorwürfen ein: Die Ermittlungsbehörde FBI, der Geheimdienst CIA und die Polizei von New York City hätten von den Mordplänen gewusst oder seien sogar daran beteiligt gewesen.

Unter Beobachtung

Malcolm X war mehr als ein Jahrzehnt lang beschattet worden. Zwischen den Mördern und den Behörden habe es über Jahre hinweg eine «korrupte, gesetzwidrige und verfassungswidrige» Beziehung gegeben, heisst es in der Klageschrift. Die Polizei habe ein paar Tage vor dem Attentat zwei von Malcolms Personenschützern unter einem Vorwand festgenommen. 1964 befahl FBI-Direktor J. Edgar Hoover dem FBI-Büro in New York City: «Tut etwas zu Malcolm X.»

2025 ist auch das Jahr seines 100. Geburtstages: Er kam am 19. Mai 1925 als Malcolm Little in Nebraska zur Welt. Nach seinem Tod wurde er zu einer Ikone der «Black Power»-Bewegung, die für schwarzes Selbstbewusstsein stand. Hip-Hop-Gruppen feierten ihn, 1992 kam Spike Lees dreistündiger Kinofilm «X» mit Denzel Washington als Hauptdarsteller heraus, 2020 die Netflix-Serie «Wer hat Malcolm X umgebracht?».

Der Mord geschah in einer Zeit des Aufruhrs. Präsident John F. Kennedy wurde 1963 ermordet, Malcolm X reagierte hämisch. Martin Luther King hielt im selben Jahr seine «I have a Dream»-Rede. Die damaligen Erfolge der Bürgerrechtsbewegung gelten heute als Triumph der Gewaltlosigkeit. Damals hatten jedoch viele junge Menschen Zweifel an dieser Strategie. Malcolm X urteilte, Kings «Marsch auf Washington» sei ein «Zirkus» gewesen ohne radikale Elemente.

Er war nach einer harten Kindheit und dem frühen Tod des Vaters mehrere Jahre wegen Kleinkriminalität im Gefängnis gewesen, bevor er zum Islam konvertierte und Sprecher der «Nation of Islam» wurde. Die Organisation predigte «rechtschaffenes Leben» – und die Lehre, Schwarze und Weisse seien getrennt erschaffen worden, Schwarze müssten sich von Weissen abgrenzen. Malcolm X war ein charismatischer Meister der einprägsamen Worte. Er sprach von einer schwarzen Revolution: «by any means necessary», mit allen notwendigen Mitteln, müsse man kämpfen.

Bedroht von ehemaligen Weggefährten

Im März 1964, rund ein Jahr vor seiner Ermordung, hat Malcolm X die «Nation of Islam» verlassen und Kritik an Nation-Anführer Elijah Muhammad laut gemacht. Dieser habe zahlreiche Affären gehabt, sagte er in einem Fernsehinterview, und acht Kinder von sechs jungen Frauen. Diese Beschuldigung war gefährlich. Die «Nation» werde ihn umbringen, sagte Malcolm X selbst einmal. «Sie können es sich nicht leisten, mich leben zu lassen. Ich weiss, wo die Leichen begraben sind.»

Malcolm X begab sich danach auf eine Pilgerreise nach Mekka, das habe ihn zum Umdenken gezwungen, schrieb er in einem Brief. Er habe «den überwältigenden Geist wahrer Brüderlichkeit» unter «Menschen aller Hautfarben und Rassen» erlebt. In Afrika wurde er von mehreren Staatschefs empfangen.

Mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Martin Luther King, dem Protagonisten der  gewaltfreien US-Bürgerrechtler, ist er nur einmal zusammengetroffen. Ein Foto vom März 1964 zeigt die beiden, anscheinend freundlich, doch auf Distanz. Im Sommer 1963 hatte Malcolm X einen Brief an King geschrieben, aus dem später die «Washington Post» zitierte: In der «Rassenkrise» drohe eine «unkontrollierbare Explosion». Eine vereinte Front aller schwarzen Gruppen und Führer müsse zusammenkommen.

King bedauerte den Mord als «grosse Tragödie». Er sei zu einer Zeit geschehen, in der Malcolm X sich zu einem «besseren Verständnis der gewaltfreien Bewegung und grösserer Toleranz für Weisse» hinbewegt habe, zitierte ihn Autor David Garrow in seinem Buch «Bearing the Cross». Im Jahr 1968 wurde auch Martin Luther King ermordet.

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