Longevity
«Keiner der Hundertjährigen hatte es leicht im Leben»
Frau Jopp, früher war es eine Schlagzeile, wenn jemand 100 Jahre alt wurde. Wie viele Hundertjährige gibt es heute in der Schweiz?
Heute leben rund 2200 Hundertjährige in der Schweiz. Zum Vergleich: 1950 waren es gerade einmal 12. Die Chancen, ein sehr hohes Alter zu erreichen, sind also so gut wie nie zuvor. Das zeigt sich auch daran, dass die Gruppe der sogenannten «alten Alten» – also der 80- bis 85-Jährigen – in fast allen Industrienationen am schnellsten wächst.
Dennoch wissen wir über diese Menschen wenig. Warum?
Hundertjährige zählen zu den sogenannten «Hard-to-Reach-Populations». Das heisst, sie sind schwer zu finden und in Studien einzubinden. Viele Hundertjährige leben nicht mehr an dem Ort, wo sie ursprünglich angemeldet waren, weil sie inzwischen etwa in ein Pflegeheim umgezogen sind. Zudem sind sie aufgrund von Einschränkungen oft schwer zu erreichen. Durch die Ausstellung und unsere Studie versuchen wir, diesen Menschen eine Stimme zu geben (siehe Kasten).
Sie haben dazu Interviews mit rund 450 Hundertjährigen geführt. Was war die überraschendste Erkenntnis?
Eines der schönsten Ergebnisse der Studie ist, dass 92 Prozent der Hundertjährigen mit ihrem Leben zufrieden sind. Unsere Auswertungen zeigen, dass die Hundertjährigen psychische Stärken haben, die wohl damit zusammenhängen, dass sie über einen gewissen Grundoptimismus verfügen, ihr Leben als sinnhaft erleben und sich in Kontrolle fühlen. Überraschend fand ich auch noch einen weiteren Befund.
Daniela Jopp hat in Berlin Psychologie studiert und zum Thema erfolgreiches Altern promoviert. Heute ist sie Professorin an der Universität Lausanne und Mitglied des Schweizer Expertisezentrums für Lebensspannenforschung LIVES.
Als Expertin für Hochaltrigkeit hat sie mehrere Hundertjährigen-Studien geleitet, unter anderem die Fordham Centenarian Study (USA) und die Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie.
Sie ist hauptverantwortliche Studienleiterin der ersten schweizweiten interdisziplinären Hundertjährigen-Studie SWISS100. (no)
Welchen?
Bei über Hundertjährigen würde wir erwarten, dass ein grosser Teil von ihnen bereits dement ist. Das hat sich aber nicht bestätigt. Beinahe 60 Prozent haben kaum oder gar keine kognitiven Einschränkungen. Einige sind diesbezüglich sogar besser unterwegs als deutlich jüngere Personen. Aber natürlich gibt es eine grosse Bandbreite.
Ausschlaggebend für das Wohlbefinden ist auch die körperliche Fitness. Wie ist es um diese bestellt?
Hundertjährige in der Schweiz haben im Durchschnitt sechs gesundheitliche Einschränkungen. Häufig sind sensorische Beeinträchtigungen wie schlechtes Hören und Sehen sowie eine eingeschränkte Mobilität. Bei diesen Problemen kann man in der Regel gut eingreifen, mit passenden Brillen, Hörgeräten und körperlicher Betätigung sowie gezielten Übungen. Für Pflegende oder Angehörige ist es umso wichtiger, den Gesundheitszustand überwachen zu lassen, damit die Menschen weiterhin am sozialen Leben und Austausch teilhaben können.
In der Corona-Pandemie ist die Einsamkeit im Alter oft thematisiert worden. Sind Hundertjährige davon besonders betroffen?
Es ist tatsächlich so, dass man mit zunehmendem Alter Verluste sammelt. Als Hundertjährige überlebt man mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Ehepartner und seine Freunde, und manchmal sogar die eigenen Kinder. Aber wenige Kontakte oder soziale Isolation heisst nicht automatisch Einsamkeit. Es gibt Menschen, die es geniessen, ihre Ruhe zu haben. Andere haben viele Kontakte, fühlen sich aber dennoch einsam. Wenn Kinder da sind, haben viele Hundertjährige regelmässigen Kontakt und oft eine enge Beziehung zu ihnen. Das ist in der Schweiz sogar etwas ausgeprägter als in anderen Ländern.
In Ihrer Studie haben Sie auch biologische Faktoren für Langlebigkeit untersucht. Was ist dabei herausgekommen?
Wir haben herausgefunden, dass ein Schlüssel für Langlebigkeit möglicherweise im Blut steckt. Dort fanden wir bei Hundertjährigen Proteine, deren Profile stark denen von jungen Menschen glichen. Ansonsten wissen wir, dass die Genetik bei Hochaltrigen eine geringere Rolle spielt als die Lebensstilfaktoren. Das sind im Grunde die bekannten Dinge: gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, Bewegung. Auch Bildung ist ein zentraler Faktor, wenn es darum geht, die kognitiven Fähigkeiten zu erhalten.
Vom 12. März bis zum 12. April ist in der Zürcher Wasserkirche die Ausstellung «Welcome to your future – Hundertjährige der Schweiz» zu sehen.
Sie zeigt Porträts und Lebensgeschichten und präsentiert Ergebnisse aus dem Projekt SWISS100, einer interdisziplinären Forschung, die die Lebensrealität von Hundertjährigen untersucht.
Die Ausstellung wurde von Daniela Jopp und Anna-Rita Stoffel unter Mitwirkung des Fotografen Jos Schmid konzipiert. (no)
Die Befragten haben Krieg, Wirtschaftskrisen und andere Umbrüche erlebt. Braucht es diese Krisenfestigkeit, um so alt zu werden?
Das spielt vermutlich eine Rolle. Keiner der Interviewten hatte ein einfaches Leben. Viele mussten sich aus bescheidenen Verhältnissen nach oben arbeiten. Hunger gehörte für manche ebenfalls zur Erfahrung. Aus der Forschung zum intermittierenden Fasten wissen wir, dass zeitweiser Verzicht auf Nahrung positive Effekte haben kann. Zudem wurde gegessen, was im eigenen Garten wuchs. Fertiggerichte und hochverarbeitete Lebensmittel gab es nicht.
Wie stehen Sie dem aktuellen Longevity-Trend gegenüber?
Ich finde es wunderbar, dass es immer mehr Erkenntnisse dazu gibt, wie wir gut altern können. Gleichzeitig sollten wir uns nicht zu viel versprechen lassen. Gerade in diesem Bereich wird viel Geld mit wissenschaftlich ungenügend belegten Befunden gemacht. Befremdlich finde ich auch, wenn junge Leute sich bereits Sorgen über das Älterwerden machen. Da ist etwas aus der Balance geraten.
Was nehmen Sie aus der Beschäftigung mit Hundertjährigen für sich persönlich mit?
Mir gefallen die Lebensweisheiten, die uns die Hundertjährigen mitgeben: Zum Beispiel, dass wir alles massvoll tun sollten. Wir können von ihnen auch lernen, dass schwierige Situationen in unserem Leben nicht schlecht sein müssen – sie können uns im Gegenteil stärken. Das macht mir persönlich Mut.