Kinderarbeit

Die «Helgeli»-Maler von Einsiedeln

Im 19. Jahrhundert betrieb das Verlagshaus Benziger einen schwungvollen Handel mit religiösen Souvenirs. In den Fabriken und Druckereien mussten auch Kinder und Jugendliche mitarbeiten, wie eine Ausstellung im Landesmuseum zeigt.
In den Benziger-Fabriken kamen auch Kinder aus der Waisenanstalt «Maria-End» zum Einsatz. Die Institution war von einem Mitglied der Benziger-Familie gestiftet worden. Aufnahme um 1870. (Bild: Kulturverein Chärnehus, Einsiedeln / zVg)

Man kannte sie als «Fädlikinder», «Schwabenkinder» oder «Spazzacamini». Sie fädelten in Spinnereien gerissene Fäden ein, arbeiteten auf Feldern in Oberschwaben oder wurden in Norditalien als Schornsteinfeger eingesetzt. Kinderarbeit war in der Schweiz bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitet, denn viele arme Familien waren auf zusätzlichen Verdienst angewiesen.

Die Bedingungen waren oft hart: lange Arbeitstage, kaum Schule oder Freizeit, dazu ungesunde Arbeitsplätze. Staub und Dämpfe führten zu Atemwegserkrankungen, viele Kinder litten an Blutarmut oder Infektionen. Besonders gefürchtet war die Arbeit in Zündholzfabriken. Giftige Phosphordämpfe konnten zum eitrigen Zerfall der Kieferknochen führen, dem sogenannten «Chiferfrass».

Kinderarbeit hatte verschiedene Facetten, wie die Ausstellung «Aus der Not geboren» im Zürcher Landesmuseum zeigt. Kinder verrichteten Heimarbeit, halfen auf dem elterlichen Hof und der Alp mit oder wurden als billige Arbeitskräfte verdingt. Mit der Industrialisierung verschärfte sich die Lage noch einmal: Tausende Kinder wurden nun in Textilfabriken, in der Seidenindustrie oder in Stoffdruckereien eingesetzt.

Religiöse Panini-Bildchen

Ein besonderer Industriezweig entstand um 1800 in Einsiedeln im Kanton Schwyz. Der Wallfahrtsort zog jedes Jahr weit über 100'000 Besucherinnen und Besucher an. Das einheimische Unternehmen Benziger erkannte die Marktlücke und spezialisierte sich auf den Verkauf von religiösen Souvenirs wie Rosenkränzen. In wenigen Jahrzehnten wuchs die Firma und vertrieb in grossem Stil Erbauungsliteratur, Gebetsbücher und Heiligenbilder.

Solche Heiligenbilder wurden bei Benziger oft von Kindern koloriert. Beispiel aus den 1860er Jahren. (Bild: Museum Fram / zVg)

In den Druckereien und Fabriken von Benziger war Kinderarbeit gang und gäbe, weiss der Historiker Heinz Nauer. Er hat sich in einer Publikation eingehend mit der Geschichte des Verlagshauses befasst. Kinder seien etwa für einfache Arbeiten wie das Falzen von Druckbögen, vor allem aber für das Kolorieren von Heiligenbildern eingesetzt worden.

Diese «Helgeli», kleine Druckgrafiken mit christlichen Motiven, wurden in grossen Mengen von katholischen Institutionen zu Andachtszwecken erworben, fanden aber auch bei Privatpersonen Anklang. «Manche sammelten sie wie religiöse Panini-Bildchen in Alben», sagt Nauer. Denn bis weit ins 19. Jahrhundert hinein konnten Farbdrucke nicht industriell hergestellt werden, die Bilder mussten von Hand koloriert werden.

In einer zeitgenössischen Quelle ist von bis zu 180 Kindern die Rede, die für den Verlag arbeiteten. Die meisten waren zwischen zehn und 14 Jahren alt, schätzt Nauer. «Vermutlich war es eine Nebenbeschäftigung für sie, der sie vor oder nach der Schule nachgingen. Dafür bekamen sie dann einen kleinen Lohn.»

Kinderexport in die USA

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts expandierte der Verlag in die USA. In den neu eröffneten Filialen brauchte es deutschsprachige Arbeitskräfte. Dazu griff der Verlag auf Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren aus der Region Einsiedeln zurück. «Sie mussten eine Prüfung in Rechnen, Lesen und Schreiben absolvieren und die besten wurden in die USA geschickt», sagt Nauer.

Das Bild zeigt Knaben auf dem Fabrikareal von Benziger. (Bild: Museum Fram zVg)

Viele Kinder in den Benziger-Fabriken stammten aus dem Euthal, dem Armenviertel Einsiedelns, wo die Löhne besonders tief waren. Andere rekrutierte man aus einem von der Familie gestifteten Waisenheim. Heinz Nauer spricht von einem paternalistischen System. «Der Verlag nahm für seine Mitarbeitenden eine gewisse soziale Verantwortung wahr. Gleichzeitig profitierte er von den billigen Arbeitskräften.»

Das Eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 schob dem Einsatz von Kindern unter 14 Jahren in den Fabriken schliesslich einen Riegel. Die Verlagsleitung hatte noch kurz vor der Abstimmung davor gewarnt. In einem Brief an die Filialen in den USA heisst es: Das Unternehmen laufe Gefahr, mit dem neuen Gesetz die «schönen, günstigen Jahrgänge» der Zwölf- und Dreizehnjährigen zu verlieren.

Die Ausstellung «Aus der Not geboren» im Zürcher Landesmuseum läuft noch bis am 20. April.

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