Kunstausstellung
Milchstein, Blütenstaub und das Bienenwachszimmer
Wenn der Löwenzahn blüht auf den weiten Wiesen Oberschwabens, verlässt Wolfgang Laib das Haus, das sein Vater am Rand eines verschlafenen Dorfes gebaut hat. Immer trägt der Künstler weiss – auch die Tasse, mit der er seit 50 Jahren den Stoff für seine Kunst einsammelt, ist weiss.
Laib ist 75 Jahre alt. Er schloss ein Medizinstudium ab und wusste da schon, dass er die Menschen nicht als Arzt, sondern als Künstler heilen wollte. Wie soll das gehen? Laib antwortet mit einem Beuys-Zitat: «Die Kunst soll Leben retten.»
Deshalb streift er mit der Tasse in der Hand durch die Wiesen. Er hockt sich zwischen die Löwenzahn-Büschel und schüttelt die Pollen der Blüten in seine Tasse. Einen ganzen Tag ist er draussen und abends kommt er mit einer halben Tasse Löwenzahnpollen zurück. Wenn es Zeit ist, schüttelt er auch Kiefern- oder Haselpollen in seine Tasse.
Dann setzt er sich in sein Atelier und häufelt die Pollen zu Kegeln. Oder er verteilt sie mit einem Sieb in Form eines Quadrats auf dem Boden. So hat er es für die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Zürich getan. Die Haselpollen scheinen zu leuchten. Je näher man als Betrachter an das Kunstwerk herantritt, umso unschärfer und unfassbarer wird es: Der feine Blütenstaub lässt keine klaren Kanten zu.
Die Installation soll auf den Wert der Natur hinweisen, auf die Jahreszeiten und die Vergänglichkeit. «Pollen gibt es nicht immer und man kann ihn nicht in jeder Ausstellung sehen», sagt der Künstler.
In der Nähe des Pollenbilds steht ein «Reishaus» auf dem Boden. Um einen Klotz, der an ein langes Haus erinnert, sind Reiskörner aufgehäuft. In Laibs Interpretation handelt es sich um ein Objekt, das man als Haus, als Reliquienschrein oder als muslimisches Grab lesen kann. Auf die Todesmetapher trifft der nahrhafte Reis. «Es soll zeigen, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist, sondern weitergeht», erklärt Laib.
Noch rätselhafter ist der Milchstein: Einen Marmorquader mit einer leichten Vertiefung auf der Oberseite begiesst der Künstler täglich und über Wochen mit gerade so viel Milch, dass diese nicht über die Steinkante fliesst. Langsam bildet sich eine Schicht aus getrockneter Milch, die man auf dem Marmor nur gerade erahnt.
Am unmittelbarsten spricht Laib die Menschen mit seinen grossen Skulpturen aus Bienenwachs an. Er modelliert geheimnisvolle Tempel, eine riesige Treppe und baut einen Raum, dessen Wände und Decke aus Wachsplatten bestehen. Die Betrachtenden werden so mindestens zur Hälfte zu Riechenden.