«Locher wählte eine unkritische und staatstragende Haltung»

Die Zürcher Kirchenrätin Esther Straub kritisiert den Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, scharf: Mit seiner Predigt an der Versammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas (GEKE) habe er viele Reformierte vor den Kopf gestossen.

Keine Lust zum Feiern: Esther Straub ist enttäuscht, dass Kirchenbundspräsident Gottfried Locher keine klare Kante gegen die Lockerung der Waffenexporte zeigte. (Bild: ZVG)

Frau Straub, Sie haben am vergangenen Sonntag am Festgottesdienst im Basler Münster teilgenommen. Auf Facebook schreiben Sie, dass Sie die Feier vorzeitig verlassen haben. Warum?
Weil mir nach Gottfried Lochers Predigt nicht mehr nach Feiern zumute war. Mit seiner Predigt, die ja eine Friedenspredigt sein wollte, hat er alle sozialpolitisch Engagierten, die seit Jahrzehnten für den Frieden arbeiten, vor den Kopf gestossen.

Was genau kritisieren Sie?
Ich hätte mir von Herrn Locher eine klare Stellungnahme gegen die Lockerung der Kriegsmaterialausfuhr gewünscht. Die Friedenspredigt im Münster wäre dafür eine einmalige Gelegenheit gewesen, zumal ja auch Bundesrat Cassis anwesend war. Stattdessen machte Locher etwas Ungeheuerliches: Er entschuldigte den Bundesrat für sein Vorgehen.

Können Sie das ausführen?
Der Bundesrat hatte für die Lockerung der Kriegsmaterialexporte sicherheitspolitische Argumente vorgeschoben. Es schien ihm klar, dass die Sicherung von Arbeitsplätzen ein noch weniger stichhaltiges Argument wäre. Locher erdreistete sich, in seiner Predigt zu fragen, ob der Arbeitsfrieden unserer Sozialpartner wichtiger sei als das potenzielle Töten mit unseren Rüstungsgütern. Damit behauptete er, es gehe dem Bundesrat um das ehrenwerte Anliegen, den Arbeitsfrieden zu wahren. Das ist völlig absurd. So entschuldigte er den Bundesrat und schob die Schuld letztlich einer friedensgefährdenden Arbeiterschaft zu.

In Ihrem Facebookpost zeigen Sie sich auch enttäuscht darüber, dass Locher mit keinem Wort den Friedenskongress im Basler Münster von 1912 erwähnte.
Damals versuchte die im Basler Münster versammelte europäische Arbeiterschaft in einer eindrücklichen Manifestation, den Frieden in Europa zu retten. Locher hätte diesen genius loci ruhig erwähnen dürfen. Ebenso hätte er an die Argumentation der Zürcher Pfarrschaft gegen die erleichterte Waffenausfuhr anknüpfen und auf das Erbe der Reformation aufmerksam machen können. Es war Zwingli, der vor 500 Jahren den Profit mit Kriegsmaterial in Frage stellte. Statt prophetisch-reformatorisch aufzutreten, wählte Locher eine unkritische, staatstragende Haltung.

Gottfried Locher hat als Präsident der europäischen Protestanten gesprochen, musste somit also verschiedene Kirchen vertreten. Zudem war der Anlass im Rahmen der GEKE-Vollversammlung schon fast diplomatischer Natur. Ist Ihre Kritik vor diesem Hintergrund nicht etwas übertrieben?
Der Anlass nannte sich «Schweizertag», und es war der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag. Ein Gottesdienst ist zudem nie ein diplomatischer Anlass, sondern ein Ort der klaren Worte, die im Evangelium gründen. Locher hätte vor Ort beispielhaft zeigen können, dass die Botschaft der evangelischen Kirchen politische Relevanz hat.

Die Predigt von Gottfried Locher