Debatte um Künstliche Intelligenz

«Sind Sie nur ein Avatar?»

Was ist nach dem Siegeszug von Neurowissenschaften und Künstlicher Intelligenz von der Seele geblieben? Mehr als wir denken, sagt die Theologin Christina Aus der Au.
Wie nahe kommen sich Mensch und Künstliche Intelligenz? (Bild: Julian Stratenschulte / Keystone)

Frau Aus der Au, was meinen wir, wenn wir von der Seele sprechen?
Dazu gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Für Aristoteles war die Seele das Organisationsprinzip des Körpers. Nach Platon ist sie aus der Ideenwelt in den Körper gefallen, wo sie gefangen ist. Im Christentum lebt diese Vorstellung weiter – etwa wenn man glaubt, die Seele verlasse beim Tod durch ein geöffnetes Fenster den Körper. Im hinduistischen und buddhistischen Kontext ist Seele der Impuls, der bei der Reinkarnation weitergegeben wird. Seele kann aber auch als Zuschreibung verstanden werden.

Was heisst das?
Demnach hat all das eine Seele, womit ich in einen Dialog treten kann und das mir als Du gegenübersteht. Das muss nicht unbedingt etwas Belebtes sein. Es gibt eine ganze Bandbreite von Vorstellungen. Der gemeinsame Nenner ist, dass Seele etwas anderes ist als der Körper oder blosse Naturprozesse.

«Die Hirnforschung reduziert unser Bewusstsein auf neuronale Aktivitäten. Für eine Seele ist da kein Platz.»
Christina aus der Au

Mit den Neurowissenschaften scheint diese Vorstellung obsolet geworden zu sein.
Ja, für die Hirnforschung reduziert sich unser Bewusstsein auf neuronale Aktivitäten. Für eine Seele ist da kein Platz. Die Aussage, dass es nur natürliche Prozesse und Materie gibt, ist aber bereits eine metaphysische Vorannahme. Ein ehrlicher Naturwissenschaftler würde zugeben, dass er über die Seele nichts sagen kann, weil das schlicht nicht in seinen Fachbereich fällt.

Zur Person

Christina Aus der Au hat Philosophie und Theologie studiert und zum Thema «Menschenbild in den Neurowissenschaften» habilitiert. Sie ist seit 2022 Kirchenratspräsidentin der Evangelischen Landeskirche Thurgau und lehrt Religion, Ethik und Politik an der Pädagogischen Hochschule Thurgau.

Am 8. Mai um 19 Uhr hält Aus der Au an der Universität Bern ein Referat zum Thema «Gibt es eine Seele? Die Entwicklung von Gott über Gehirn zu KI».

Der US-amerikanische Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran glaubt dennoch, ein «Gottesmodul» im Gehirn entdeckt zu haben.
Ramachandran stellte fest, dass Menschen mit bestimmten Aktivitätsmustern in den Schläfenlappen besonders empfänglich für religiöse Erfahrungen oder Visionen sind. Auf diese Weise stellte er einen Zusammenhang von Gläubigkeit und Gehirnaktivitäten her. Für ihn war das aber keine Aussage über die Existenz Gottes oder über eine Seele. Es geht um eine naturwissenschaftliche Erklärung dafür, warum wir zu spirituellen Erfahrungen neigen.

Trotzdem halten viele Menschen noch an der Vorstellung einer Seele fest. Warum?
Viele Menschen haben zu diesem Thema einen emotionalen Bezug, es geht um existentielle Erfahrungen. Zudem ist der Kontext heute ein anderer. Der Hype um die Neurowissenschaften ist abgelöst worden vom Hype um die Künstliche Intelligenz. Die grossen Fragen lauten jetzt: Kann KI ein Bewusstsein oder eine Seele haben? Haben Roboter Emotionen? Kann man im Zusammenhang mit KI von Intelligenz sprechen oder ist sie nur ein «stochastischer Papagei»?

«Wir schreiben einander ein Bewusstsein, eine Seele und eine Personalität zu, weil wir zueinander in eine Beziehung treten.»
Christina Aus der Au

Einige glauben tatsächlich, dass KI Bewusstsein entwickeln kann.
Der ehemalige Google-Entwickler Blake Lemoine zum Beispiel ist überzeugt, dass die KI, mit der er sprach, ein Bewusstsein hat. Auch der Historiker Yuval Noah Harari hält das für möglich. Daraus ergeben sich spannende ethische Fragen: Wenn KI Bewusstsein hat – hätte sie dann nicht auch Rechte? Aber davor müssten wir klären: Was wären überhaupt die Kriterien, um Bewusstsein festzustellen?

Was wäre Ihre Antwort?
Das ist gar nicht so einfach. Wir führen unser Gespräch virtuell. Ich kann deshalb nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob Sie, mein Gegenüber, ein Mensch mit Bewusstsein sind oder vielleicht ein Avatar. Letztlich schreiben wir einander ein Bewusstsein, eine Seele und eine Personalität zu, weil wir zueinander in eine Beziehung treten. Das machen schon Kinder, wenn sie ihr Stofftier als etwas Beseeltes empfinden. Im Science-Fiction-Film «Her» beispielsweise verliebt sich der Protagonist in eine Computerstimme.

Emotionen sind eng mit unserem Körper verbunden – wir sprechen zum Beispiel von «Bauchgefühl» oder von «Herzschmerz». Fehlt KI damit nicht etwas Entscheidendes?
Auch wir Menschen können nicht sicher wissen, ob unser Gegenüber fühlt, was es zeigt. Wenn Sie jetzt plötzlich schreiend aufspringen, würde ich Ihre Reaktion als Ausdruck von Schmerz deuten, weil meine Spiegelneuronen diese Szene mit eigenen Erfahrungen verknüpfen. Ich spüre in gewisser Weise den Schmerz in meinem eigenen Körper, und genau das erlaubt es mir, ihn Ihnen zuzuschreiben. Dieses Prinzip funktioniert selbst dann, wenn wir wissen, dass das Gefühl nur gespielt ist – zum Beispiel im Film. Obwohl die Schauspieler ihre Emotionen simulieren, leiden wir mit.

«Sinnfragen und das Interesse an der Seele rücken heute wieder stärker ins Zentrum.»
Christina Aus der Au

Die Theologin Johanna Haberer hat kürzlich in einem Buch eine «Reanimation» der Seele versucht. Wie erklären Sie sich das neue Interesse an dem Thema?
Angesichts der Fortschritte in den Naturwissenschaften könnte man meinen, dass es keine Seele mehr braucht. Anderseits sind die gesellschaftlichen Herausforderungen heute riesig. Bei vielen Menschen fällt das Hoffnungsbarometer, denken wir nur an die überlasteten Jugendpsychiatrien. In diesem Kontext erstaunt es nicht, dass Sinnfragen oder eben das Interesse an der Seele wieder stärker ins Zentrum rücken.

Was kann Theologie zur aktuellen Debatte beitragen?
Vielfach geht es in den Diskussionen darum, wie KI funktioniert und was sie leisten kann. Es geht um Sicherheit und Cyberkriminalität. Daneben gibt es aber eine philosophisch-theologische Dimension, die mindestens ebenso wichtig ist. Was macht den Menschen aus? Können wir ihn künstlich nachbauen? Und wenn ja – was bedeutet das für unser Gottesbild? Zu solchen Fragen könnte die Theologie einen relevanten Beitrag leisten. Leider findet diese Auseinandersetzung in der Kirche viel zu wenig statt.

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