Künstliche Intelligenz

«Die Kirchen sind überfordert»

Künstliche Intelligenz ist längst im Alltag angekommen, in den Kirchen tut man sich aber noch schwer mit ihrem Einsatz. Dabei könnte KI das Leben von Pfarrpersonen erleichtern, sagt Experte Jonas Simmerlein.

Ein Bildschirm anstelle des Pfarrers: Am Kirchentag in Nürnberg fand erstmals ein KI-Gottesdienst statt. Auch die Musik wurde vom Computer generiert. (Bild: Friedrick Stark / epd)

Herr Simmerlein, Sie haben das Computerprogramm ChatGPT kürzlich eine Predigt für den Kirchentag in Nürnberg schreiben lassen. Wie stark haben Sie eingegriffen?
Meine Rolle beschränkte sich darauf, dem Programm einen Rahmen vorzugeben. Ich habe das Motto des Kirchentages «Jetzt ist die Zeit» eingegeben. Der Inhalt der Predigt war vollständig der Künstlichen Intelligenz (KI) überlassen, ich habe auch nichts redigiert.

Wie lautet Ihre Bilanz?
Das Experiment war wichtig, weil ich dadurch erstmals Reaktionen einholen konnten. Zuvor konnte man nur spekulieren, wie ein solcher Gottesdienst bei den Leuten ankommt. Ich persönlich glaube nicht, dass KI in nächster Zeit zu einer neuen Gottesdienstpraxis führt. Ich kann mir aber vorstellen, dass immer mehr Leute Gefallen daran finden, wenn sich die Technik weiter verbessert.

Wo hat es noch gehapert?
Die Technik schafft es heute noch nicht, wirklich menschennah zu sein. Ein Gottesdienst ist keine Einbahnstrasse, sondern ein kommunikatives Geschehen. Ein Grundsatz in der Predigtlehre ist, dass die Gemeinde in der Predigt vorkommen soll. Das kann KI nicht leisten, weil sie nicht weiss, was die Menschen gerade bewegt. Vieles ist nicht authentisch.

Inwiefern?
In Nürnberg hat KI zum Beispiel gepredigt, wir müssten als gute Christen regelmässig beten, die Bibel lesen und die Kirche besuchen. Das hat für hörbares Gelächter gesorgt. Es wirkt seltsam, wenn eine Maschine über Erfahrungen spricht, die nur Menschen machen können.

« Gerade als Ideenlieferant ist das Programm hilfreich. Damit kunstvoll umzugehen, kann zu spannenden neuen Möglichkeiten führen. »
Jonas Simmerlein, KI-Experte

Und hat Sie der theologische Output überzeugt?
Viele Aussagen von ChatGPT waren theologisch vertretbar. Insgesamt war die Predigt aber wenig pointiert. Sie glich einer Gemüsebrühe-Theologie, die ein bisschen zu allem passte. Das hängt damit zusammen, dass ChatGPT auf einen riesigen Pool an Predigttexten zurückgreifen konnte. Einige Besucher meinten allerdings, die Predigt sei auch nicht schlechter gewesen als der Gottesdienst in der eigenen Kirchgemeinde.

Zur Person

Jonas Simmerlein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wien. Er forscht dort zu KI und Robotik in religiösen Praktiken und zum digitalen Wandel in Kirche und Gesellschaft.

Für packende Gottesdienste reicht die Technik also noch nicht. Kann ChatGPT zumindest ein Hilfsmittel sein?
Ich kenne einige Pfarrpersonen, die ChatGPT nutzen und sich Predigtideen holen. Gerade als Ideenlieferant ist das Programm hilfreich. Damit kunstvoll umzugehen, kann zu spannenden neuen Möglichkeiten führen. Dabei ist nicht nur an den Text zu denken, sondern zum Beispiel auch an Visualisierungen von Predigten. Das alles wird in Zukunft noch eine grössere Rolle spielen.

Apropos künftige Entwicklungen: In vielen Ländern ist der Pfarrmangel ein Problem. Ist KI die Lösung dafür?
Ich glaube nicht, dass KI eine Pfarrperson ersetzen kann. Dafür ist das Berufsbild zu komplex. Aus der Pflege wissen wir, dass der Einsatz von Robotern für bestimmte Tätigkeiten sinnvoll ist. Aber daneben gibt es das Zwischenmenschliche, das KI nicht so einfach auffängt. Für Bereiche wie die Seelsorge etwa bin ich skeptisch.

« In vielen Kirchen ist noch nicht einmal das Internet angekommen. Kein Wunder hat es auch KI schwer, sich in solch altbackenen Strukturen zu etablieren. »
Jonas Simmerlein, KI-Experte

Wie könnte KI das Leben von Pfarrpersonen erleichtern?
Vor allem im administrativen Bereich kann KI jetzt schon eine Entlastung sein. Einen Gemeindebrief zu schreiben ist kein Problem. Die 30 Minuten, die der Pfarrer dadurch einspart, kann er in andere Aufgaben investieren. Darüberhinaus ist Vieles denkbar. In Japan führen Roboter teilweise schon Beerdigungen durch. Es gibt auch Roboter, die Beerdigungen streamen, sodass man virtuell teilnehmen kann.

Wäre das auch bei uns denkbar?
In westlichen Gesellschaften sind Roboter noch lange nicht so angekommen wie in Japan. Sollten Sie mehr Verbreitung finden, ist das durchaus denkbar. Beerdigungen mit einem ferngesteuerten Roboter beizuwohnen wird beispielsweise in den USA bereits praktiziert.

In Europa ist der Widerstand gegen neue Technologien allgemein grösser als in Japan. Woran liegt das?
Im japanische Shintoismus gibt es die Vorstellung, dass Werkzeuge beseelt sein können. Von da ist es nicht mehr weit zur Idee, dass auch Roboter eine Seele haben. Wir in Mitteleuropa sind viel stärker von einem Dualismus zwischen materiellen Dingen und beseelten Lebewesen geprägt. Es hat aber auch viel mit Gewohnheiten zu tun. Wer hätte vor 40 Jahren gedacht, dass wir heute alle täglich ein elektronisches Gerät mit uns herumtragen?

Wie gross sind die Vorbehalte in der Kirche gegenüber den neuen Technologien?
Kirchen haben riesige Verwaltungsapparate und sind an Schrift und Bekenntnis gebunden. Was für gut und richtig befunden wird, muss erst in langwierigen Prozessen ausgehandelt werden. Mit den Herausforderungen von KI sind die Kirchen schlicht überfordert. Zugespitzt gesagt: In vielen Kirchen ist noch nicht einmal das Internet angekommen. Kein Wunder hat es auch KI schwer, sich in solch altbackenen Strukturen zu etablieren.