Krieg in der Ukraine
«Glaubensgemeinschaften zu verbieten, ist problematisch»
Herr Kube, vor rund einem Monat ist es zuerst zu einem Treffen zwischen den Präsidenten Putin und Trump gekommen, danach hat Trump Selenskyj und weitere europäische Spitzenpolitiker empfangen. Zeichnet sich ein Frieden ab zwischen der Ukraine und Russland?
Stefan Kube: Grundsätzlich muss man sich gewahr sein, dass Friedensbildung ein langwieriger Prozess ist. Schauen wir darauf, wie Konflikte in der Vergangenheit endeten, ist der erste Schritt meist eine Vereinbarung zu einem Waffenstillstand. Davon sind wir aber im Krieg Russlands gegen die Ukraine weit entfernt. Auch vom grossen Wurf eines einmaligen Friedenskongresses, wie Trump ihn sich vorstellt, muss man sich verabschieden.
Unter welchen Bedingungen könnte ein Friedensprozess in Gang kommen?
Das Minimum ist ein sogenannter ‹negativer Frieden›, also das Schweigen der Waffen, die Abwesenheit von Gewalt. Ein positiver Friedensbegriff ist mit normativen Voraussetzungen verbunden: Dazu gehören etwa die Einhaltung der Menschenrechte und ein funktionierender Minderheitenschutz.
Apropos Minderheit: Inwiefern sind Gebietsabtretungen gerechtfertigt, um mehr Blutvergiessen zu verhindern?
Es geht dabei nicht einfach darum, Landkarten neu zu zeichnen. In den besetzten Gebieten wie dem Donbass oder Cherson gibt es eine gezielte Russifizierung. Die Lage für die Ukrainer ist katastrophal. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) berichtet von willkürlichen Verhaftungen, systematischer Folterung von Kriegsgefangenen und Zivilisten, sexuellem Missbrauch an Frauen, Männern und Kindern. Vor einer Gebietsabtretung müsste geklärt werden, was mit der Bevölkerung passiert, die dort lebt: Wird ein humanitärer Korridor eingerichtet, damit jene gehen können, die nicht mehr dort leben wollen? Hinzu kommt, dass Russland viel grössere Gebiete beansprucht, als es momentan militärisch kontrolliert: Würden diese Gebiete aufgegeben, verliert die Ukraine wichtige Verteidigungsräume.
Was bräuchte es für einen nachhaltigen Frieden?
Die Langwierigkeit von Friedensprozessen lässt sich zum Beispiel an den Kriegen im früheren Jugoslawien aufzeigen. Das Dayton-Abkommen von 1995 hat den Bosnien-Krieg beendet. Darin war genau festgelegt, was passiert wäre, wenn eine Seite nach dem vereinbarten Waffenstillstand das Feuer eröffnet hätte. Nato-Truppen hätten eingegriffen. Im Abkommen wurde auch das Recht auf Rückkehr der Geflohenen und Vertriebenen festgeschrieben. Es war insofern ein Erfolg, als dass es den militärischen Konflikt beendete, und dass danach kein einziger Schuss mehr gefallen ist.
Mitte September hat Russland das Militärmanöver «Sapad 2025» durchgeführt. Beim Manöver soll auch eine Mittelstreckenrakete getestet worden sein. Zuvor waren russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen. Vor wenigen Tagen meldete schliesslich Estland eine Luftraumverletzung, drei russische Kampfjets näherten sich der estnischen Hauptstadt Tallinn bis auf wenige Kilometer. Derweil gab der Bundesrat bekannt, dass die Schweiz der Ukraine 30 Millionen Franken für ein Programm zur Verfügung stellt, mit dem die Wirtschaft unterstützt werden soll. (jow/ sda)
Können Kirchenvertreter zum Frieden beitragen?
Während der Kriege in Bosnien-Herzegowina und Kroatien in den 90er-Jahren gab es mehrere Treffen zwischen dem serbisch-orthodoxen Patriarchen und dem katholischen Erzbischof von Zagreb. Das Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken konnte zwar nicht mehr aus Sarajevo ausreisen, er tauschte sich dennoch mit den Anderen aus. Das Trio verabschiedete Erklärungen, in denen zum Waffenstillstand und Frieden aufgerufen wurde. Auch wenn letztlich jeder die Erklärung so gelesen hat, dass sie den jeweils anderen betrifft, anerkannten alle, dass Krieg kein Mittel ist, um einen Konflikt zu lösen. Am Kriegsverlauf hat sich zwar nichts verändert, und der Krieg hat sich um keinen Tag verkürzt. Aber die Erklärungen haben gezeigt, dass Religionsgemeinschaften keine Monolithen sind. Im Ukraine-Krieg ist das anders: Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill spricht von einem «heiligen Krieg». Er legitimiert ihn als Kampf gegen den Westen, der aus seiner Sicht moralisch verfallen ist.
Stefan Kube (47) hat katholische Theologie und Geschichte in Münster und Sarajevo studiert. Er arbeitet seit 2007 für das Zürcher Forum Religion & Gesellschaft in Ost und West, seit 2012 leitet er die Institution.
Zu Kubes Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Orthodoxie sowie Kirchen und Religionsgemeinschaften in Südosteuropa. (no)
Seit der Invasion Russlands haben sich die Kirchen in der Ukraine gespalten: Es gibt die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (UOK) und die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU). Die UOK soll wegen ihrer angeblichen Nähe zu Moskau verboten werden. Ist das der richtige Schritt?
Es ist in vielerlei Hinsicht problematisch, wenn gesamte Glaubensgemeinschaften verboten werden. Es gibt Fälle individueller Kollaboration von Geistlichen oder Gläubigen mit den Russen. Um das zu ahnden, gibt es das ukrainische Strafrecht. Der ukrainische Staat scheint jedoch gegen die UOK im Gesamten vorzugehen: Bei Gotteshäusern, die ihr zur Nutzung überlassen worden waren, wurden Mietverträge gekündigt und an die OKU übergeben. Der Staat bevorzugt die OKU, die aus dem Zusammenschluss zweier anderer orthodoxer Kirchen entstanden ist. Eine zentrale Rolle bei der Kirchengründung spielte auch der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko, der seinen Wahlkampf 2019 darauf ausrichtete. Wolodymyr Selenskyj dagegen signalisierte im Wahlkampf deutlich, dass ihn die Kirchenfrage gar nicht so sehr interessiert. Er stammt aus einem jüdischen Elternhaus, ist aber sehr säkular aufgewachsen. Nun geht seine Regierung gegen die UOK vor. (Red. Anmerkung: Die ukrainische Regierung hat dem UOK-Patriarchen Onufrij die ukrainische Staatsbürgerschaft entzogen.) Seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 gab es immer eine grosse Religionsfreiheit und einen starken kirchlichen Pluralismus. Der Staat konnte sich keine Kirche raussuchen, mit der er ein besonderes Verhältnis pflegte.
Kann Religion zu Vergebung und Versöhnung beitragen?
Zum Werteverständnis religiöser Gruppen gehört die Überzeugung, dass Krieg nicht sein soll. Eine ihrer zentralen Botschaften ist Frieden. Religiöse Menschen können daher eher bereit sein, auf jemanden zuzugehen. Ich denke zum Beispiel an den Briefwechsel nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Damals schrieben die polnischen Bischöfe den deutschen Bischöfen, die Polen gewährten zuerst Vergebung, die Deutschen baten um sie. So entstand ein Versöhnungsprozess. Insofern sind Kirchen oder Religionsgemeinschaften unverzichtbare Akteure der Zivilgesellschaft. Sie spielen eine wichtige Rolle im langwierigen Friedensprozess und können Dialoggruppen schaffen, wo Vertrauen wachsen kann und Gemeinsamkeiten entstehen können.
Rund dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit die Ukraine Russland angegriffen hat. Wie blicken Sie persönlich auf diesen Krieg?
Tagtäglich sterben Menschen. Das ist tragisch. Den Kriegsverlauf zu verfolgen, ermüdet uns. Es bleibt dennoch unsere Aufgabe hinzusehen und darauf hinzuarbeiten, dass Frieden einkehrt. Auch hier in der Schweiz leben ukrainische Flüchtlinge. Wir können sie oder Hilfsprojekte in der Ukraine unterstützen, damit uns das Gefühl, handlungsunfähig zu sein, nicht komplett überwältigt. Wir haben keinen Einfluss darauf, was hochrangige Politiker in Washington besprechen. Aber auf lokaler Ebene können wir wirken.