Kreativ gestalten statt abreissen
Derzeit wird im kirchlichen Kontext wieder diskutiert, ob man den
Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton hat einmal folgende Parabel formuliert: Nehmen wir an, du triffst im Nirgendwo auf einen Zaun, der dir den Weg versperrt. Was tust du? Reisst du ihn nieder, um deinen Weg fortzusetzen oder denkst du zuerst darüber nach, wozu es diesen Zaun überhaupt gibt? Hält er vielleicht wilde Tiere fern, warnt vor einer Gefahr im Gelände dahinter oder markiert er eine wichtige Grenze?
«Chestertons Zaun» ist eine einfache Faustregel: Sie besagt, dass man niemals einen Zaun zerstören beziehungsweise eine Regel oder Tradition abschaffen sollte, bevor man nicht verstanden hat, warum und wozu sie überhaupt besteht. Wollen wir also den «Zaun» Sonntagsgottesdienst abreissen?
Ort für gelebte Gemeinschaft
Dieser Gottesdienst hat eine lange Tradition, er ist die sichtbare und hörbare Präsenz der Kirche Christi in der Welt, eine kulturelle Konstante: Seit hunderten von Jahren findet er meist zur gleichen Zeit am gleichen Ort in jeder Kirchgemeinde statt. Der Gottesdienst ist der verlässliche Ort für gelebte christliche Gemeinschaft, ein Begegnungsort, der offen ist für alle. Er ist auch ein Ort der Reflexion christlicher Glaubensinhalte, der Selbstvergewisserung und des Zuspruchs. Ein wichtiger Aspekt des Christentums, ja von Religion überhaupt, ist das Stiften von Gemeinschaft. Christsein ist kein «Soloding», sondern immer mit einer Gemeinschaft verbunden. Dies alles ereignet sich im Gottesdienst. Zu guter Letzt ist der Gottesdienst biblisch in der Apostelgeschichte begründet.
Wenn man die Regelmässigkeit des Sonntagmorgens – sei sie wöchentlich, zweiwöchentlich oder monatlich – aufgibt zugunsten von Sonderveranstaltungen, die motiviert werden etwa durch ein Dorffest, den Muttertag oder auch einen kirchlichen Feiertag, vergibt man ein wichtiges Signal: Der Grund für den Sonntaggottesdienst liegt in der Sache selbst und ist unabhängig von äusseren Ereignissen. Es muss nicht zuerst etwas in der Welt passieren, sondern wir, die Kirche, sind da, egal was ist.
Roland Portmann (49) ist seit 20 Jahren Gemeindepfarrer in Volketswil (ZH). Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Kinder- Jugend- und Familienarbeit. Er ist seit rund zehn Jahren Mitglied der Zürcher Synode und dort Teil der religiös- sozialen Fraktion. Als Mitglied in der Konkordatsprüfungskommission engagiert er sich in der Ausbildung angehender Pfarrpersonen. Roland Portmann ist verheiratet und hat drei Kinder.
Natürlich scheint der Sonntagmorgen ökonomisch betrachtet «teuer» zu sein: Viele kirchliche Ressourcen werden hier für eine Veranstaltung eingesetzt, an der physisch nur ein Bruchteil der Mitglieder teilnimmt. Reine Teilnehmerzahlen sollten aber kein dominierendes Argument sein: Für viele Menschen ist es wichtig, dass es diesen regelmässigen Gottesdienst gibt und man ihn – wenn man möchte – jederzeit, sprich jeden Sonntag, besuchen könnte; wie bei einem
Schwer abschätzbare Folgen
Welche Folgen das Fehlen des Sonntagsgottesdienstes haben würde, ist aus meiner Sicht schwer einschätzbar. Vielleicht fehlt der Kirche dann wirklich ihr Proprium und vielleicht auch nicht. Wie würden Kirchensteuerzahlerinnen und -zahler reagieren, wenn eine zentrale Dienstleistung abgeschafft wird? Wir wissen es nicht.
Eine Ahnung davon hat uns die Corona-Zeit gegeben. Sie hat aus dieser Frage ein Reallife-Experiment gemacht: Trotz der immensen Bemühungen, den Gottesdienst als Stütze der christlichen Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, hat diese Phase gezeigt, dass eine rein virtuelle Gruppe kaum eine reale Gemeinde ersetzen kann: Virtuelles Nomadenchristentum ersetzt wirklich zwischenmenschliche Begegnung nur partiell, ein Like ersetzt keine Umarmung, ein Bildschirm bleibt nur zweidimensional.
Die Corona-Zeit hat auch vor Augen geführt, dass soziale Veränderungen kaum steuerbar oder gar rückgängig zu machen sind; einen «Zaun» kann man also, ist er einmal abgerissen, nicht einfach später wieder aufstellen. Zahlreiche Verhaltensweisen oder Einstellungen beispielweise, die sich in dieser Zeit etabliert haben, etwa Homeoffice, Begrüssungskonventionen oder das Hygieneempfinden, haben sich nach der Pandemie nicht einfach wieder auf den Zustand davor zurückentwickelt.
Nicht einfach konservieren
Beim Sonntagmorgengottesdienst geht es vielleicht nicht ums Ganze, so doch aber um vieles: An ihm können wir diskutieren, was die Kernaufgaben der Kirche sind. Ich denke, das Weitertragen und die Reflexion der christlichen Botschaft, das Leben verbindlicher Beziehungen und das Schaffen realer Begegnungen zwischen Menschen gehören genuin dazu.
Die letzten Jahrzehnte der Gottesdienstpraxis in unserer Landeskirche haben gezeigt, dass der «Zaun» Sonntagmorgengottesdienst nicht einfach konservativ erhalten, sondern kreativ gestaltet wird. Wir bemalen einzelne Latten farbig, dekorieren ihn, entfernen mal wieder eine Latte und fügen eine andere hinzu und lassen heute alle, die wollen, mitmachen. In diesem Sinne votiere ich bei diesem Zaun eher fürs Nutzen und kreativ Gestalten als fürs Abreissen!