Gottesdienst

Pfarrerin fordert Abschaffung des Sonntagsgottesdienstes – und erntet Sturm der Entrüstung

Der Gottesdienst am Sonntag habe an Strahlkraft verloren, die Zeit könne man besser investieren, hat die deutsche Pfarrerin Hanna Jacobs in der Wochenzeitung «Die Zeit» geschrieben. Hunderte Kommentare zeigen: Der Vorschlag kommt nicht gut an.

In Luchsingen GL wies früher eine Tafel beim Ortseingang auf die Zeiten des sonntäglichen Gottesdiensts hin.(Bild: Photopress-Archiv/ Keystone)

Hanna Jacobs ist Mitte 30, Pfarrerin und sie scheut eine gute Auseinandersetzung nicht. Sie wurde eine «Querdenker-Pfarrerin» genannt beim Abschied aus einer Kirchgemeinde. Eine, die gerne polarisierend in den Medien unterwegs sei und Diskussionen anstosse.

In der Beilage «Christ und Welt» der Wochenzeitung «Die Zeit» ist ein Gastbeitrag von ihr erschienen, der hunderte von Kommentaren provozierte: «Ich kann nicht begreifen, dass eine Pfarrerin solche Worte von sich geben kann», hiess es da. Oder: «Die Pfarrerin stellt sich und ihrer Gemeinde ein öffentliches Armutszeugnis aus.» Sowie: «Ich bin mächtig geschockt.»

Um Himmels Willen, was hat Jacobs nur geschrieben?

Der Titel ihres Gastbeitrags lautet: «Schafft den Gottesdienst am Sonntag ab!» Sie argumentiert, der sonntägliche Gottesdienst habe an Zulauf und Strahlkraft verloren. Die Vorstellung, eine Gemeinschaft konstituiere sich nur darüber, dass alle ihre Mitglieder «zur selben Zeit am selben Ort» sein müssten, sei vormodernes Denken.

In Deutschland gingen nur noch etwa zwei Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder sonntags in die Kirche – es sei längst klar, dass Kirche nicht nur aus dieser Gruppe bestehe. Mit dem sonntäglichen Gottesdienst werde für «die kleine Schar der Anwesenden» eine Volkskirche «inszeniert», die es nicht mehr gebe. Darin sieht die Pfarrerin eine «Realitätsverweigerung».

Hanna Jacobs wurde auch schon eine Realismus-Pfarrerin genannt: Wenn eine Tür offenstehe, könne sie diese schliessen.

Umfrage: Sollte man den Sonntagsgottesdienst abschaffen oder nicht – was ist Ihre Meinung?

Mit ihrem Text schlägt sie vor, die Tür zum sonntäglichen Gottesdienst zuzumachen und sich anderem zu öffnen: «Die Erneuerung von Kirche wird nicht über den Sonntagsgottesdienst geschehen», schreibt sie.

Wer steht dem Entscheid aus ihrer Sicht im Weg? Die Pfarrpersonen selbst, welche die Gottesdienste liebten – «Ich nehme mich da keinesfalls aus», meint Jacobs. Aber auch Kirchgemeinden und Synoden falle es schwer, die drängenden Fragen zu stellen.

Jacobs sei aber auch eine Hoffnungs-Pfarrerin, heisst es in jenem Abschiedsschreiben, denn sie habe eine «wunderbar-leichte Art, Herausforderungen anzugehen.» Und so schreibt die junge Frau, es mache den Kopf frei, wenn man anerkenne, dass der Sonntagsgottesdienst «längst eine Spartenveranstaltung» sei. Es sei ein Gewinn, wenn man ihn durch weniger, aber profiliertere Angebote ersetze.

Abschaffen ist der falsche Ansatz

Anderer Meinung ist Karl Friedrich Ulrichs, ein Theologe, der als Replik ebenfalls einen Gastbeitrag für «Christ und Welt» verfasste.

Viele Menschen liebten den sonntäglichen Gottesdienst, sagt er und rechnet vor, dass durchschnittlich 700'000 Personen dafür in die Kirche gingen und 800'000 zuhause den Fernsehgottesdienst verfolgten. Er gehöre zum Sonntag, der im Zeichen der «Arbeitsruhe und Erhebung» stehe.

Laut Ulrichs ist es nicht neu, am Prinzip des Gottesdienstes am Sonntagvormittag zu rütteln. Er schreibt: «Die Geschichte der Gottesdienstreform der vergangenen fünfzig Jahre ist eine Geschichte vieler Ideen und Angebote – und einer zunehmenden Erschöpfung.» Jüngere Pfarrerinnen und Pfarrer wollten damit die Kirche retten und der Erfolg bleibe aus. «Wer sollte da nicht mutlos werden?», fragt er.

Das Kümmerliche lieben

Den Sonntagsgottesdienst deshalb gleich abzuschaffen, hält er für den falschen Weg. Er gehöre zum diversifizierten Angebot des «gottesdienstlichen Lebens». Ihn stört auch nicht, dass mit wenigen Besuchern der Gottesdienst bisweilen «kümmerlich» erscheine. Ulrichs meint: «Der Theologe Fulbert Steffensky hat uns die Liebe zum Kargen und Kümmerlichen gelehrt.»

In erster Linie sollten sich Gläubige im Gottesdienst willkommen fühlen, wahrgenommen und sicher. Ein solcher Anlass könne auch im kleinen Rahmen stattfinden, zum Beispiel gemeinsam an einem Tisch sitzend. Dazu könne es kommen, denn: «In der ostdeutschen Kirchenlandschaft stellen sich einige Fragen nach dem Gottesdienst, seiner Form und den äusseren Bedingungen gar nicht mehr.»

Auch zu Ulrichs Beitrag gab es viele Kommentare. Einer lautet: «Sonntags um 10h will ich mit meiner Familie frühstücken und nicht in einer eiskalten Kirche rumsitzen. Vielleicht ist es ja mal einen Versuch wert, wie Weihnachten den Gottesdienst um 16h abzuhalten.» Ein anderer Leser schreibt: «Das wöchentliche Ritual schafft Gemeinschaft und verbindet. Im besten Fall hält es auch die Botschaft lebendig und aktuell.»