«Konflikte machen den Islam greifbarer»
Hansjörg Schmid, Sie haben gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen ein Buch über soziale Konflikte am Beispiel des Islams in der Schweiz geschrieben. Was macht den Islam in unserer Gesellschaft zu einem solchen Reizthema?
Mit dem Islam werden viele Fragen der gesellschaftlichen Identität verbunden, die von Migrations- bis zu Gleichstellungsthemen reichen. Häufig wird er als das Gegenteil vom westlichen Gesellschaftsmodell wahrgenommen. Verstärkt wird das Ganze durch eine globalisierte Debatte. Wenn etwas im Ausland geschieht, dann richtet sich der Blick auf die Muslime in der Schweiz. Das kennen wir schon seit der Revolution im Iran 1979 oder den Al-Qaida-Attentaten auf die USA am 11. September 2001. Aktuell polarisiert der Israel-Palästina-Konflikt hierzulande.
Wie soll die Gesellschaft damit umgehen?
Es ist immer besser, einen solchen Konflikt im lokalen Kontext zu betrachten, statt ihn auf die Schweiz zu projizieren und aufzuladen. Beim Krieg zwischen Israel und der Hamas handelt es sich in erster Linie um einen politischen Konflikt. Natürlich hatte das schreckliche Attentat der Hamas eine religiös grundierte antisemitische Orientierung. Gleichzeitig haben die antimuslimischen Vorurteile wieder zugenommen. In der Schweiz sind die Mechanismen zur Konfliktbewältigung aber ausgeprägt und stark. Muslimische Organisationen haben beispielsweise sehr klar Stellung gegen Antisemitismus bezogen.
Dennoch gab es im März eine antisemitisch motivierte Messerattacke gegen einen orthodoxen Juden in Zürich. Und in Bad Ragaz soll wenige Wochen später eine Familie mit einer Machete angegriffen worden sein, weil sie muslimisch ist.
Ich will solche Ereignisse keinesfalls verharmlosen. Schliesslich greifen die Einzeltäter auf Stereotypen und Wahrnehmungsmuster zurück, die in der Gesellschaft leider weit verbreitet sind. Sowohl der Antisemitismus als auch der antimuslimische Rassismus fordern unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus. Wenn ein Jude oder ein Muslim als solcher angegriffen wird, wird unsere ganze Gesellschaft angegriffen.
Zurück zu Ihrem Buch. Weshalb gilt ausgerechnet gerade der Islam als Gegenteil des westlichen Gesellschaftsmodells?
Identität wird immer in Abgrenzung zum anderen gebildet. Muslime bieten sich als Projektionsfläche für das Anderssein an, weil religiöse Symbole wie das Kopftuch sichtbar sind. In Zeiten des Rückgangs religiöser Strukturen werden solche Symbole als Störfaktor wahrgenommen. Dabei findet der Prozess der Säkularisierung auch bei jungen Muslimen statt. Hinzu kommen aber auch historische Gründe und Erfahrungen in der jüngeren Geschichte mit Radikalisierungen und Attentaten.
Sie haben verschiedene Debatten mit Islambezug in der Schweiz analysiert. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht?
Wo auch immer eine Moschee gebaut werden soll, kommt es zu Verdächtigungen und Pauschalisierungen. Die Diversität des Islams wird entweder nicht wahrgenommen oder geleugnet. Gleichzeitig nehmen in diesen Konflikten muslimische Akteurinnen Stellung, die zuvor nicht Teil des öffentlichen Diskurses waren. Das ist eine gute Sache, weil es den Islam greifbar macht und für mehr Transparenz sorgt. Trotzdem handelt es sich um lange und ermüdende Prozesse für die Betroffenen. Sie stehen jeweils auf der schwächeren Seite der Machtverhältnisse.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Nehmen wir das Minarettverbot aus dem Jahr 2009. Auf den ersten Blick können wir von einer gescheiterten Konfliktbewältigung sprechen. Das Verbot sollte die gesellschaftliche Sichtbarkeit des Islams verhindern. Dennoch hat es einiges in Gang gesetzt. Zum ersten Mal entstand deswegen ein Dialog zwischen Vertretern des Bundes und muslimischen Vereinen. Das Verbot war sozusagen der Samen für einen konstruktiven Prozess.
Hansjörg Schmid hat Theologie in Freiburg im Breisgau, Jerusalem und Basel studiert und ist Professor für interreligiöse Ethik an der Universität Freiburg. Zudem leitet er das «Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft» (SZIG). Dieses bietet unter anderem den CAS-Studiengang «Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen» sowie den Masterstudiengang «Islam und Gesellschaft» an. (pef)
In Ihrem Buch heben Sie hervor, dass religiöse Akteure nicht nur Gegenstand von Konflikten sein müssen, sondern selber zur Lösung von Konflikten beitragen können. Wie?
Beim Thema Moscheebau waren es etwa häufig kirchliche Akteure, die der säkulären Gesellschaft vermitteln konnten, dass es sich um ein legitimes religiöses Bedürfnis handelt. Genau so können Musliminnen und Muslime eine Rolle als Vermittler in gesellschaftlichen Konflikten übernehmen, die nichts mit dem Islam zu tun haben.
Die Hauptthese Ihres Buches lautet, dass Konflikte etwas Positives für die Gesellschaft und die Demokratie sind – solange alle Akteure zu Wort kommen. Ist das nicht eine etwas banale Erkenntnis?
Manchmal muss man sich das Offensichtliche wieder in Erinnerung rufen. In verschiedenen europäischen Ländern stellen populistische Strömungen demokratische Grundsätze infrage. Man sollte auch die kontroverse Auseinandersetzung mit ihnen suchen. Dabei ist es um so wichtiger, dass von Rassismus betroffene Menschen und Gruppen gleichberechtigt an gesellschaftlichen Debatten teilnehmen können.
Zurzeit arbeitet das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft laut Hansjörg Schmid an einer Studie im Auftrag der Fachstelle für Rassismusbekämpfung. Darin geht es um die Auswirkungen antimuslimischen Rassismus auf die Betroffenen – auch solche, die sich selber nicht als Muslime verstehen, aber aufgrund ihres Aussehens oder Namens so gelesen werden. Ausserdem wird untersucht, über welche Bewältigungsstrategien die Betroffenen verfügen. Diese reichen von Negieren über Rückzug bis hin zu einem aktivistischen Einsatz gegen Rassismus.
An der Universität Luzern gehen Forscher in einer Studie der Frage nach, wie sich die Religiosität von Menschen in Flucht- oder Migrationssituationen verändert. Auslöser für die Fragestellung waren politische Debatten, in denen besonders muslimische syrische Flüchtlinge als Bedrohung und Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft dargestellt wurden. Die Studie soll einen länderübergreifenden Vergleich mit Deutschland und Österreich ermöglichen. (pef)
Viele Einwanderer wurden in der Schweiz zunächst diskriminiert – heute sind sie integriert und akzeptiert. Gilt das in einigen Jahren auch für den Islam?
Ein solcher Prozess findet durchaus statt. Noch vor 20 Jahren war die Landschaft der muslimischen Vereine teilweise so, dass es schwierig war, einen Ansprechpartner zu finden. Heute sind die Präsidenten der Vereine in der Regel sehr gut ausgebildet und vernetzt und bemühen sich um Kommunikation. Zudem gibt es klar auffindbare Dachverbände. Muslimische Akteure lassen sich auch nicht mehr alles gefallen und nehmen kritisch Stellung zu verschiedenen Ereignissen. Das Bild ist aber noch widersprüchlich.
Inwiefern?
Paradoxerweise sind Musliminnen und Muslime sehr wohl integriert, oft aber noch nicht akzeptiert. Laut dem Bundesamt für Statistik gibt mehr als ein Drittel der muslimischen Personen ab 15 Jahren an, Diskriminierung erlebt zu haben. Das betrifft auch junge Musliminnen und Muslime in dritter Generation. Gerade seit dem 7. Oktober 2023 haben die Vorurteile wieder stark zugenommen. Aufgrund der aktuellen Weltlage glaube ich auch nicht, dass sich das bald ändert.
Das Buch «Soziale Konflikte» ist im Open Access verfügbar.