Kirchenregionen bringen frischen Wind
Helmut Andres, Präsident der Kirchgemeinde Bivio-Surses, zieht eine positive Zwischenbilanz: «Bei uns hat sich die neue Kirchenstruktur bewährt. Mit dem Konfirmandenunterricht haben bereits wir ein erstes Angebot regionalisiert, und wir haben viele weitere Ideen».
Zusammen mit der Gemeinde Val d’Alvra bildet Bivio-Surses eine der insgesamt zwölf Bündner Kirchenregionen, die mit Einführung der neuen Kirchenverfassung geschaffen wurden. Mit der Neuerung reagierte die Landeskirche auf eine Bündner Besonderheit: Viele der knapp 80 Kirchgemeinden sind klein und verfügen nur über begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen. Die regionale Zusammenarbeit soll ihnen künftig ermöglichen, dennoch passende Angebote für ihre Mitglieder zu schaffen.
Das war auch die Ausgangslage in der Kirchenregion Ela, zu der sich Bivio-Surses und Val d’Alvra zusammengeschlossen haben. Insgesamt gehören den beiden Gemeinden nur rund 1000 Mitglieder an. Zum Konfirmationsunterricht seien in seiner Gemeinde zuletzt gerade mal zwei Schüler erschienen, sagt Helmut Andres. «Ein vernünftiger Unterricht ist bei dieser Gruppengrösse natürlich nicht möglich.»
Im Rahmen der regionalen Zusammenarbeit haben die beiden Gemeinden den Unterricht deshalb zusammengelegt. «Die Schüler gehen nun abwechselnd in die Räume der einen und der anderen Kirchgemeinde. Das klappt bestens», sagt Andres. Zudem würden dadurch Ressourcen frei, weil sich die Pfarrpersonen gegenseitig vertreten könnten. Der Kirchgemeindepräsident kann sich deshalb vorstellen, in Zukunft weitere Angebote und Dienstleistungen zu regionalisieren. «Wir überlegen uns zum Beispiel, die Administration zusammenzulegen und einen gemeinsamen Webauftritt zu gestalten», sagt Andres.
Präsidentin: «Wege sind kürzer geworden»
Positive Erfahrungen gemacht hat man auch in der Kirchenregion Davos, zu der die Gemeinden Davos Platz, Davos Altein und Davos Dorf / Laret gehören. Zwar habe es vorher schon eine Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden gegeben, sagt Marianne Aguilera, Kirchgemeindepräsidentin von Davos Platz. Diese habe man nun aber intensiviert. «Am meisten verändert hat sich im Bereich Kommunikation, wo wir unser gemeinsames Label ‹Davos reformiert› geschaffen haben. Dieser einheitliche Auftritt hat uns gestärkt», sagt Aguilera.
Auch die administrative Leitung der Cevi-Jugendarbeit läuft nun über die Kirchenregion. Dadurch seien die Entscheidungswege deutlich kürzer geworden, sagt Aguilera. «Hatte man früher ein Anliegen im Bereich Jugendarbeit, dann musste man damit in jedem der drei Kirchgemeindevorstände vorstellig werden. Das ist nun viel einfacher.»
Die zwölf neuen Bündner Kirchenregionen ersetzen die früheren Kolloquien. Sie haben die Aufgabe, die Zusammenarbeit zwischen den Kirchgemeinden zu fördern und bilden zudem das verbindende Glied zwischen Landeskirche und Kirchgemeinden. Im Unterschied zu den früheren Kollquien haben die Kirchenregionen das Recht, selber neue Stellen zu schaffen. Das Gesetz ist seit dem 1. Januar 2021 in Kraft. (no)
Oberstes Organ der Bündner Kirchenregionen sind die Regionalversammlungen, die in der Regel zweimal im Jahr zusammenkommen. Sie wählen den Vorstand, der für die inhaltlichen Fragen verantwortlich ist. In der Kirchenregion Davos besteht dieser aus Aguilera und zwei Pfarrpersonen. Ideen für die Zukunft habe man viele, so könnten zum Beispiel Sozialdiakonie und Freiwilligenarbeit künftig über die Region laufen, sagt Aguilera. Weil sich die Aufgaben aber nur auf wenige Schultern verteilten, müsse man eins anch dem andern nehmen. «Das sehe ich als Nachteil der neuen Strukturen».
Kirchgemeinden fürchten um Autonomie
Erste Ergebnisse vorweisen kann man auch in der Kirchenregion Prättigau, in der 13 Kirchgemeinden zusammengekommen sind. Unter anderem hat man dort einen gemeinsamen Internetauftritt sowie eine regionale Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit eingerichtet. Ideen gebe es genug, sagt Hanspeter Wildi, der im Vorstand der Kirchenregion für die Finanzen zuständig ist. «Interessant wäre beispielsweise, eine regionale Auskunftsstelle für Arbeitnehmer- und Arbeitgeberfragen zu schaffen. Oder auch zu Fragen der Sozialversicherung. Gerade bei diesen Themen ist in den Kirchgemeinden oft zu wenig Wissen vorhanden».
Einfach sei diese Aufgabe aber nicht, betont Wildi, der lange in der Privatwirtschaft tätig war. «Für die Vorstandsmitglieder ist diese Form der Aufgabenstruktur teilweise noch unbekanntes Gebiet, sie sind an Synoden und Kolloquien gewöhnt. Daher sehe ich es als meine Aufgabe, hier etwas mehr Drive reinzubringen», sagt er.
Schade findet Wildi, dass nicht alle Kirchgemeinden am gleichen Strang ziehen. «Einzelne Gemeinden haben sich abgenabelt und klar signalisiert, dass es eine regionale Zusammenarbeit eigentlich nicht braucht. Sie fürchten um ihre Autonomie». Trotzdem ist er zuversichtlich, dass die Kirchenregionen Zukunft haben. «In vielen Gemeinden spüre ich ein echtes Interesse daran, gemeinsam etwas aufzubauen», sagt Wildi.