Umnutzung kirchlicher Immobilien
Architektur für die Kirche von morgen
Als Pfarrer Damian Brot 2012 seine Stelle in Kreuzlingen antrat, stand die evangelische Kirchgemeinde vor einer Grundsatzfrage: Was tun mit dem zweiten Standort? Nebst der grossen Stadtkirche mit Kirchgemeindehaus und Jugendhaus im Zentrum gehört auch eine Kirche mit zwei weiteren Gebäuden im Ortsteil Kurzrickenbach zur Gemeinde.
Die Verantwortlichen entschieden sich für eine Öffnung, die dem Kirchenauftrag verpflichtet bleibt. Inspiriert von einem Sozialprojekt einer Kirche im schottischen Edinburgh, dem «Grassmarket Community Project», startete man 2014 das «Open Place». Ein experimenteller Leerraum, offen für alle Menschen und Ideen.
Gratis-Lebensmittel und -Beratung
Einen ersten Schub erhielt das Projekt durch den Verein Verwertbar. Ein Lehrer begann mit Freiwilligen, sich gegen Food Waste zu engagieren. Zweimal pro Woche verteilen sie gerettete Lebensmittel im «Open Place». Die Resonanz ist gross. «Teilweise kommen über hundert Personen», erzählt Pfarrer Brot im Gespräch mit ref.ch.
Das Kirchenteam betrieb gleichzeitig ein Café vor Ort, so kam man niederschwellig mit den Menschen ins Gespräch. «Daraus entstand viel Seelsorge, insbesondere als immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer zu uns kamen.» Brot erlangte während eines Studienurlaubs den MAS «Recht für die Soziale Arbeit». «Dadurch kann ich auch Leute unterstützen und beraten, die im Umgang mit Ämtern und Behörden Schwierigkeiten haben.»
Mit der Zeit wuchs das Angebot, das sich zunehmend an Armutsbetroffene richtete. Ein Second-Hand-Laden entstand, ein Mittagstisch etablierte sich und viele Gäste äusserten den Wunsch, sich im «Open Place» auch künstlerisch zu betätigen. Der Platz wurde knapp. Als dann noch die Covid-Pandemie ausbrach, wich man in die Kirche aus, um die Abstandsregeln einhalten zu können.
Stauraum und aufklappbares Mobiliar
Seither wird der Kirchenraum multifunktional genutzt, «mit einem provisorischen Charakter», sagt Brot. Um die Nutzung architektonisch anzupassen, spannte die Kirchgemeinde mit der Wissenschaft zusammen. Gemeinsam mit Architekturstudierenden der Fachhochschule Konstanz (HTWG Konstanz) und der Theologischen Fakultät der Universität Zürich entstanden in einem Seminar mehrere Entwürfe. Daraus reifte ein Bauprojekt, das sich derzeit im politischen Prozess befindet. Die Umsetzung ist für 2027 geplant.
Mit dem Umbau steht die Multifunktionalität im Fokus, die sakrale Bedeutung soll aber erhalten bleiben. Möglich werden soll dies durch Stauraum und aufklappbares Mobiliar. Auch Akustik und Licht sind wichtige Themen, damit es sich im Innern nach Kirche anfühlt.
Das Interesse der Denkmalpflege ist gross. Laut Brot könnte das Projekt Modellcharakter für den Thurgau haben, da die Umnutzung von Kirchenräumen zunehmen wird. «Für den Erhalt eines Gebäudes braucht es eine Nutzung, ansonsten wird es vernachlässigt», sagt er. Das Vorhaben in Kurzrickenbach zeige, wie eine solche Umnutzung behutsam gelingen könne.
«Visionen» für den Aussenbereich
Finanziell unterstützt wurde die Zusammenarbeit durch den Wissenschaftsverbund Vierländerregion Bodensee, ein Netzwerk von 25 Hochschulen und Universitäten. Daraus entstand ein weiteres Projekt: In einem Seminar entwickelten Architekturstudierende Ideen für den Aussenraum als sozialen Treffpunkt.
Diese «Visionen», wie Brot sie nennt, sind kurzfristig nicht realisierbar. Einerseits aus finanziellen Gründen, andererseits weil sie über bestehende Grundstücksgrenzen hinausgehen. Dennoch liefern sie wichtige Impulse. So schlug ein Team etwa eine Notschlafstelle neben der Kirche vor. «Eine schöne Idee», sagt Brot. Dokumentiert sind die Arbeiten und der Prozess im kürzlich erschienen Buch «Open House».
Ganz ohne Umsetzung blieb es indes nicht: Realisiert wurde ein Gartenmöbel, das je nach Bedarf als Grill, Hochbeet oder Tisch genutzt werden kann.