Tagung

«Die Kirche müsste ein Ort sein, an dem man kontrovers diskutieren kann»

Echokammern, Cancel Culture, Einsamkeit – diese Entwicklungen machen der «Eglise à venir» Sorgen. Deshalb veranstaltet der Verein eine Tagung zum Thema «Im Gespräch bleiben».
Simon Urban und Juli Zeh haben den Roman «Zwischen Welten« geschrieben. Er dreht sich um die Probleme der Kommunikation zwischen Menschen, die in unterschiedlichen Verhältnissen leben. Das Buch hat dem Verein «Eglise à venir» den Anstoss gegeben, eine Tagung darüber zu veranstalten, wie man im Gespräch bleiben kann. Simon Urban wird aus dem Roman vorlesen. (Screenshot: Youtube/ Christhard Laepple/ dst)

Carolin Lauer, Bruno Wolfgang Bader, der Verein «Eglise à venir» veranstaltet eine Tagung zum Thema «Im Gespräch bleiben». Wird heute nicht eher zu viel als zu wenig gesprochen?
Lauer: Es gibt bestimmte Themen, die nach meiner Erfahrung dazu führen, dass Gespräche schwierig werden. Sogar in der Familie oder im Freundeskreis brechen Menschen Gespräche ab, ziehen sich zurück oder meiden Themen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben.
Bader: Das ist für eine Demokratie oder für ein gesellschaftliches Zusammenleben extrem schwierig. Moral und Emotionen ersetzen mehr und mehr das Denken, das Argument und den Diskurs.

Das trifft vor allem auf die Sozialen Medien zu. Aber gilt das auch für den gesellschaftlichen Austausch?
Lauer: Die Sozialen Medien beschleunigen die Kommunikationsspirale. Weil man vom Algorithmus mit Inhalten gefüttert wird, die sich ähneln, verfestigen sich Positionen viel stärker als im analogen Gespräch mit verschiedenen Menschen.
Bader: Die Sozialen Netzwerke sind kein guter Ort für einen rational basierten Diskurs. Aber auch bei Podiumsdiskussionen wird häufig darauf verzichtet, Gäste mit kontroversen Meinungen einzuladen. Ich beobachte, dass es vielfach Diskussionen gibt, wo im Vornherein schon klar ist, was herauskommen wird. Das ist ein grosser Verlust.

Weshalb?
Bader: Das Einzige, was uns als demokratische Gesellschaft bleibt, ist in den Wettbewerb von Argumenten und Ideen zu treten. Andere Meinungen muss man aushalten. Wir wollen das wieder stärker ins Bewusstsein bringen. Das war unser Antrieb, die Tagung zu organisieren.

An welche Zielgruppe richten Sie sich?
Bader: Es ist für alle wichtig, sich wieder zu vergegenwärtigen, wie das gesellschaftliche Zusammenleben funktioniert. Wir als Veranstalter nehmen uns da gar nicht aus.

Ist die Kirche so ein Ort, um diese Gesprächskultur wieder zu üben?
Lauer: Die evangelische Kirche müsste unbedingt ein Ort sein oder werden, an dem man über politische und gesellschaftliche Fragen kontrovers diskutieren kann.
Bader: Kirche und Vereine spielen eine ganz grosse Rolle, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich möchte ein Beispiel machen. Wie bei uns den FC Nationalrat gibt es in Deutschland den FC Bundestag. Dort spielen Parlamentarier aller Parteien miteinander Fussball. Das ist ein besonderer Rahmen, um mit politisch anders Denkenden im Gespräch zu bleiben. Doch der FC Bundestag hat beschlossen, AfD-Abgeordnete auszuschliessen. Das halte ich für fatal, weil es zu einer Polarisierung führt, obwohl es nur um gemeinsames Fussballspielen geht.

Meines Wissens waren in erster Linie Klubmitglieder dafür, die einen Migrationshintergrund haben. Sie wollten nicht mit Politikern einer Partei zusammenspielen, die fremdenfeindliche Positionen vertritt. Aber um den Hinweis auf die Vereine aufzugreifen: Folgt die Polarisierung auf die Individualisierung der Gesellschaft?
Bader: Ja, das spielt sicher eine Rolle. Dabei ist der Austausch so wichtig. In der Politik sieht man, egal ob im National- oder Gemeinderat, dass sich die Leute teilweise hitzige Debatten liefern, aber danach gemeinsam ein Bier trinken können. Ähnlich ist es in einer Dorfgemeinschaft wie bei uns in Gstaad. Man kann sich nicht aus dem Weg gehen und muss miteinander auskommen. In einer grossen Stadt ist das wahrscheinlich anders.
Lauer: Ja, das kann man sagen. Ich fände es schön, wenn man akzeptieren könnte, dass es unterschiedliche Ansichten gibt und man diese nicht als eine Gefährdung begreift. Wenn man seine Argumente vorbringt und diskutiert, merkt man häufig, dass es Gemeinsamkeiten gibt und man vielleicht nicht weit auseinander liegt.

Zu den Personen

Bruno Wolfgang Bader ist Präsident des Vereins «Eglise à venir» und reformierte Pfarrer in der Kirchgemeinde Saanen-Gstaad im Kanton Bern.

Carolin Lauer ist die Geschäftsführerin von «Eglise à venir». Sie hat Kultur- und Wissenschaftsmanagement studiert und lebt in Zürich.

Der Verein «Eglise à venir» will laut eigener Aussage die ökonomischen Kompetenzen in kirchlichen Kreisen fördern. (dst)

Möglicherweise ist die Polarisierung nur eine Erzählung populistischer Politiker. Der deutsche Soziologe Steffen Mau hat in einer Studie herausgefunden, dass sich die Menschen einiger sind als erwartet.
Bader: Ich würde sagen, die direkte Begegnung rückt Vieles ins rechte Licht. Gleichzeitig haben – laut einer anderen Studie – 60 bis 70 Prozent der Deutschen das Gefühl, sie könnten ihre Meinung nicht so äussern, wie sie möchten. Das finde ich alarmierend.
Lauer: Du beziehst dich auf eine Allensbach-Studie und ich weiss nicht, ob es wirklich 70 Prozent sind. Aber die Zahlen waren auf alle Fälle hoch. Es ist sicherlich ein Warnsignal. Ich sehe einen Zusammenhang mit der ständigen Aufregung in den Sozialen Medien. Dadurch bekommt man den Eindruck, bei allem, was man tut oder sagt, bewertet zu werden. Das kann eine Reaktion der Überforderung auslösen und das Gefühl, gar nichts mehr sagen zu dürfen.

Was werden die Teilnehmenden idealerweise von der Tagung im September mitnehmen?
Bader: Ich wünsche mir konkrete Vorschläge und Strategien, um miteinander im Gespräch zu bleiben. Das erwarte ich zum Beispiel von Ivo Scherrer vom Think Tank für demokratische Kultur Pro Futuris, der Studien zum Thema durchgeführt hat. Die ehemalige deutsche Bundesministerin Kristina Schröder wird aus politischer Sicht sprechen und Pfarrer Ulrich Knöpfel über die theologische Ebene: «Wer Ohren hat zu hören, der höre.»
Lauer: Ich bin gespannt auf den deutschen Autor Simon Urban, der zusammen mit Juli Zeh den Roman «Zwischen Welten» geschrieben hat. Dieser dreht sich darum, trotz allen Unterschieden im Gespräch zu bleiben.

Tagung «Im Gespräch bleiben», 6. September, 11-15 Uhr, Hirschengraben 50, 8001 Zürich. Anmeldung bis 31.8. unter miteinanderreden@egliseavenir.ch

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