Gesundheit

«Das Wort einer Frau ohne Theologiestudium erhält weniger Beachtung»

Marie-Claude Ischer, Präsidentin der evangelisch-reformierten Waadtländer Kirche, tritt Ende August aus gesundheitlichen Gründen zurück. Damit ist sie nicht alleine. Es seien strukturelle Gründe, die zu ihrer Erschöpfung geführt haben, sagt sie.

Marie Claude-Ischer stand als Präsidentin der nichtständigen Untersuchungskommission zur Causa Locher medial im Fokus. (Bild: Anthony Anex/ Keystone)

Frau Ischer, Sie haben an der Genderkonferenz der EKS an einer Podiumsdiskussion zum Thema Erschöpfung der Frauen teilgenommen. Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen damit?
Im Jahr 2019 wurde ich in den Waadtländer Synodalrat gewählt. Nach Rücksprache mit meinen Amtskollegen wurde ich darum gebeten, das Präsidium zu übernehmen. Als Frau ohne Theologiestudium war ich völlig anders als mein Vorgänger (A.d.R: Bei Ischers Vorgänger handelte es sich um den Pfarrer Xavier Paillard, dem zuweilen ein autoritärer Führungsstil vorgeworfen wurde). Ich habe gesagt, dass ich mich vor allem für die Angestellten einsetzen wolle. Dabei habe ich viel auf mich genommen und die Anzeichen der Erschöpfung nicht genügend wahrgenommen. Also bin ich krank geworden.

«Im Kanton Waadt bietet die Kirchenordnung nicht genügend Möglichkeiten, um die Mitarbeiterinnen zu schützen.»
Marie-Claude Ischer, Synodalrätin Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Waadt.

Sie treten deswegen Ende August zurück von Ihrem Amt. Was hat zu Ihrer Erschöpfung geführt?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon sind Strukturen, die zu wenig agil sind. Man befindet sich wie in einem Schraubstock, eingeklemmt zwischen der Realität und einer Struktur, die nicht mithalten kann. Dadurch kann man keine Entscheidungen treffen, die nötig wären. Ich würde sagen, dass diese schwerfälligen Strukturen mich ziemlich geprägt haben.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem die Strukturen und die Realität auseinanderklaffen?
Ich fühlte mich nicht in der Lage, die Mechanismen zum Schutz und zur Begleitung der Mitarbeiterinnen zu fördern – wie übrigens andere Synodalräte auch. Wir sind vier, die seit 2019 zurückgetreten sind. Im Kanton Waadt bietet die Kirchenordnung nicht genügend Möglichkeiten, um die Mitarbeiterinnen zu schützen.

Können Sie das erläutern?
Die Kirchenräte und die Regionalräte haben eine erhebliche Macht über die Mitarbeiter. Also muss die Beziehung zwischen ihnen stimmen. Gibt es ein Ungleichgewicht, kann es zu Machtmissbrauch kommen. Beispielsweise wenn Kirchenräte von Angestellten Dinge fordern, die ausserhalb derer Pflichtenhefte oder Kompetenzen liegen.

Sind Ihnen solche Situationen während Ihrer Zeit im Synodalrat begegnet?
Ja, in zwei oder drei Situationen musste eine synodale Kommission Ehrenamtlichen mit Führungsaufgaben «Stopp» sagen. Sie befanden sich in einer Allmachtsposition. Dazu kam es aus unterschiedlichen Gründen. Vielleicht wollten sie nur die Kirche voranbringen. Aber wenn jemand die Wahrheit für sich beansprucht und anderen sagt «Nur so arbeiten wir», ist das kein partizipativer Ansatz, sondern ein Machtmissbrauch.

«Ich habe festgestellt, dass manche Ehrenamtliche sehr müde sind.»
Marie-Claude Ischer, Synodalrätin Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Waadt.

Sie haben im Kanton Waadt auch eine externe und professionelle Anlaufstelle für Opfer von Missbräuchen in der Kirche geschaffen.
Die Anlaufstelle nimmt vertrauliche Berichte über allfällige Missbräuche durch ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter entgegen. Sie besteht aus zwei Psychologinnen, zwei Juristinnen und zwei Personen, die sich in der reformierten Welt gut auskennen. Die Anlaufstelle hat keine hierarchische Verbindung zur Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Waadt und teilt ihr nur die Anzahl der Meldungen mit. Andernfalls würden die Leute nicht reden, wie wir bei der Causa Locher oder anderen Vorkommnissen gesehen haben.

In Bezug auf die Causa Locher: Wie haben Sie die Arbeit als Präsidentin der Untersuchungskommission erlebt?
Angesichts einer solchen Problematik konnte ich nicht stumm bleiben. Ich fühlte mich zusammen mit anderen verpflichtet, diese Missstände ans Licht zu bringen. Nicht in dem Sinne, dass ich mit dem Finger auf eine bestimmte Person zeigen wollte – auch wenn es in dieser Angelegenheit um eine bestimmte Person ging – sondern, um das Problem im Allgemeinen anzuprangern. Dabei geht es nicht nur um sexuellen Missbrauch, sondern auch um Machtmissbrauch und spirituellen Missbrauch. Wir stehen erst am Anfang der Bemühungen, um das zu verbessern.

Kommen wir noch einmal auf das Thema Erschöpfung zurück. Inwieweit handelt es sich dabei um ein allgemeines Problem in der Kirche?
Es gibt viele Erwartungen an die Personen, die in der Kirche Verantwortung übernehmen – egal auf welcher Ebene. Aber diese Erwartungen werden kaum explizit gemacht. Also schlüpft man in eine Rolle als die Person, die man ist, ohne den Erwartungen zu entsprechen, die zudem schlecht definiert sind.

«Wir müssen die Strukturen agiler und schlanker gestalten und von weniger Leuten abhängig machen.»
Marie-Claude Ischer, Synodalrätin Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Waadt.

Was meinen Sie damit?
Freiwilliges Engagement in Kirchenleitungen bedeutet viel Arbeit, bei manchen füllt sie ein dreissig Prozent Pensum aus. Und es wird viel von ihnen verlangt. Wenn Kirchenräte zum Beispiel Probleme lösen müssen, die Arbeitnehmer betreffen, sind juristische und menschliche Kompetenzen gefragt. Ich habe festgestellt, dass manche Ehrenamtliche sehr müde sind. Es ist nie gut, zu viele Aufgaben auf dieselben Schultern zu laden.

Zur Person

Marie-Claude Ischer ist 1960 im Libanon geboren. Ihr Vater arbeitete in Beirut als Pfarrer für die französische Kirche. Nach der Rückkehr der Familie in die Schweiz wuchs sie im Kanton Neuenburg auf.

Vor ihrem Amt als Präsidentin der Waadtländer Landeskirche war sie mehrere Jahre im Leitungsteam eines Frauenhauses im Kanton Waadt. Sie verfügt über eine Ausbildung als Mediatorin.

Ischer lebt in Lausanne, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. In ihrer Freizeit liest sie gerne. (pef)

Laut den Organisatorinnen der Genderkonferenz sind Frauen häufiger von Erschöpfung betroffen als Männer. Woran liegt das?
Strukturell betrachtet, erhält das Wort einer Frau ohne Theologiestudium weniger Beachtung als das eines Mannes und Geistlichen. Das führt zu Ermüdungserscheinungen bei den Frauen. Sie müssen immer mehr leisten als Männer oder setzen sich sogar selbst unter Druck.

Was lässt sich dagegen tun?
Wir müssen weiterhin das Bewusstsein dafür fördern, dass es Probleme gibt – für Frauen wie auch für Männer. Wie können wir gemeinsam darüber sprechen, ohne dass sich jemand sofort auf persönlicher Ebene angegriffen fühlt? Und dann müssen wir uns fragen, was wir in Bezug auf unsere Gesetze, Reglemente und Schutzmassnahmen tun können.

Und was lässt sich auf dieser Ebene tun?
Im Kanton Waadt braucht es viele Freiwillige, um die Kirchgemeinden und die Struktur auf regionaler Ebene am Leben zu erhalten. Doch nun sind viele von ihnen gealtert. Deshalb müssen wir die Strukturen agiler und schlanker gestalten und von weniger Leuten abhängig machen.

Würde es nicht noch mehr Arbeit und Erschöpfung für die Ehrenamtlichen bedeuten, wenn es weniger Personal gäbe?
Nicht unbedingt. Sofern man die Rollen und Funktionen klar definiert und den Ehrenamtlichen echte Handlungsmöglichkeiten gibt, ist eine Struktur mit weniger personellem und zeitlichem Aufwand denkbar.

Wie geht es für Sie nach Ihrem Rücktritt Ende August weiter?
Ich war sehr engagiert in der Untersuchungskommission zur Causa Locher. Durch meine frühere Berufserfahrung in einem Zentrum für gewaltbetroffene Frauen habe ich viel über das Thema der Einflussnahme gelernt. Deshalb möchte ich gerne noch einige Denkanstösse für Massnahmen geben, mit denen sich die persönliche Integrität der Menschen in der Kirche besser schützen lässt. In welcher Form, ist zurzeit noch offen.