Kinder zeichnen den Horror
«Tausende von Familien aus der Ukraine erreichen täglich den Nordbahnhof von Bukarest», sagt Gabriela Alexandrescu, Geschäftsführerin von «Save the Children Rumänien. «Die Eltern kommen erschöpft an und die Kinder sind zunächst sehr zurückhaltend. In unseren Räumen können die Kinder in einer sicheren Umgebung spielen und sich erholen, während sich die Eltern ausruhen und mit dem Nötigsten versorgen können.»
Die sorgfältig gestalteten kinderfreundlichen Räume sind speziell darauf ausgerichtet, Kindern nach einer schweren Reise, bei der sie ihr Zuhause und in vielen Fällen auch ihre Familien und Freunde zurücklassen mussten, einen schönen und sicheren Ort zu bieten. Fachkundige Mitarbeitende, darunter Psychologinnen und Kinderschutzexperten, bieten psychologische Unterstützung einschliesslich Mal- und Spielaktivitäten an, die den Kindern helfen sollen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Die Zeichnungen zeigen die grausame Realität des Krieges: Hilda (12) malte eine weinende Frau in den Farben der ukrainischen Flagge neben einem gesichtslosen grauen Soldaten und Bomben, die von einem Flugzeug abgeworfen werden. Ein anderes Kind zeichnete zwei Panzer, die über die leere Seite rollen. Ein weiteres malte zwei Frauen, von denen eine reglos am Boden liegt.
Ängste und Stress abbauen
«Die Kinder in der Ukraine sehen Dinge, die kein Kind jemals sehen sollte», sagt Esperanza Leal Gil, Psychologin bei «Save the Children». «Mit ihren Zeichnungen bringen sie ihre Gefühle über das Erlebte zum Ausdruck. Viele Kinder, die in unserem Raum in Bukarest ankommen, sind verängstigt und wissen nicht, wie sie ihre Gefühle ausdrücken sollen.» Eine solche Situation könne für die Kinder verwirrend und schwer zu verarbeiten sein. Die Reaktion hänge vom Alter ab, aber häufig hätten Kinder in einem Krieg oder nach einer Vertreibung, Angst, verletzt oder allein gelassen zu werden. «Sie fühlen sich traurig, wütend, hilflos oder haben Schuldgefühle.» Das Wichtigste sei, den Kindern einen sicheren und geschützten Raum zu bieten, in dem sie ihre Ängste und Sorgen ausdrücken könnten. «Malen und Spieltherapie helfen ihnen, Stress und Ängste abzubauen.»
Einige der Zeichnungen symbolisieren jedoch auch Hoffnung. Die achtjährige Maryska malte die ukrainische und die rumänische Flagge. Ineinander verschlungen und mit Herzen und Botschaften verziert, feiern sie die Freundschaft beider Länder. Arterm und Marynia zeichneten zwei Herzen in den Farben der Flaggen, die sich an den Händen halten.
500 Kinder getötet
Fast zwei Drittel der 7,5 Millionen Kinder in der Ukraine mussten seit Kriegsbeginn aus ihren Häusern fliehen; etwa 2,3 Millionen von ihnen sind noch im Land als Binnengeflüchtete. Mehr als 500 Jungen und Mädchen wurden in den vergangenen neun Wochen getötet oder verletzt. Neben dem kinderfreundlichen Raum am Bukarester Nordbahnhof betreibt «Save the Children» weitere solche Räume in provisorischen Unterkünften und Zelten zur Verteilung von Hilfsgütern an zahlreichen Grenzübergängen, Verkehrsknotenpunkten und Aufnahmezentren in Rumänien, Polen und Litauen.
«Save the Children» ist seit 2014 in der Ukraine tätig und arbeitet dort mit lokalen Partnern zusammen, um vertriebene Familien unter anderem mit Nahrungsmitteln, Baby- und Hygieneartikeln, Bargeld, Benzin und Unterkünften zu unterstützen sowie psychosoziale Unterstützung anzubieten. (sda/bat)





