Jugendliche in der Schweiz
«Schönreden hilft nicht»
Herr Giger, in verschiedenen europäischen Ländern gehen Jugendliche auf die Strasse, um ihrem Unmut Luft zu machen. Überrascht Sie das?
Völlig überraschend kommt es nicht. Ich nehme bei jungen Menschen eine Grundstimmung der Verunsicherung wahr. In meiner Generation hatten wir noch hoffnungsvolle Zukunftsaussichten. Heute stehen Jugendliche von verschiedenen Seiten unter Druck. Ein Kipppunkt war aus meiner Sicht Corona.
Inwiefern?
Mit der Pandemie entstand das Gefühl, dass gesellschaftliche Sicherheiten von einem Tag auf den anderen wegbrechen können. Dazu kommen der Krieg in der Ukraine, die Klimakrise und die Unsicherheit, wie sich der Arbeitsmarkt angesichts der künstlichen Intelligenz entwickelt. Das alles kann bei jungen Menschen Ohnmacht, Wut und Resignation auslösen.
Wie geht es den Jugendlichen in der Schweiz?
Verglichen mit Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien leben wir immer noch auf einer Insel der Glückseligen. Wirtschaftlich stehen wir stabil da. Dadurch bewegt sich auch die Jugendarbeitslosigkeit auf einem deutlich tieferen Level als in anderen Ländern. Allerdings können davon nicht alle Jugendlichen gleich profitieren.
Wie meinen Sie das?
Mit einer Ausbildung haben Jugendliche in der Schweiz grundsätzlich gute Zukunftsperspektiven. Dazu braucht es neben der Leistungsbereitschaft aber auch ein förderliches Umfeld. Es gibt Jugendliche, denen diese Voraussetzungen fehlen.
Wer sind diese Jugendlichen?
Eine Mehrheit der Jugendlichen, die zu uns kommt, hat einen Migrationshintergrund, teilweise bereits in der dritten Generation. Viele sind in der Schweiz geboren und reden perfekt Schweizerdeutsch. Oft kommen sie aus einem belasteten Elternhaus, haben negative Erfahrungen hinter sich – Trennungen oder Gewalt – und auch ihre Schulkarrieren sind leider meistens keine Erfolgsgeschichten.
Was passiert mit ihnen?
Manche halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Wenn sie entlassen werden, merken sie, wie schwierig es ist, eine neue Stelle zu finden. Das ist belastend, weil die Jugendlichen spüren, dass sie allmählich abgehängt werden. Familiäre Belastungen können die Situation verschärfen, zum Beispiel wenn ein Elternteil traumatisiert ist. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der das Projekt abbrechen musste, weil seine Mutter depressiv war und er nicht alles unter einen Hut brachte.
Markus Giger, 1968, ist theologischer Leiter der Streetchurch und Gefängnisseelsorger. Selbst in schwierigen familiären Verhältnissen in einer Arbeitersiedlung aufgewachsen, ist es ihm ein Anliegen, junge Menschen mit anspruchsvollen Lebenssituationen in ein gelingendes Leben zu begleiten. (dst
Hat sich die Situation in den letzten Jahren verschärft?
Ja, wir beobachten, dass wir mehr Jugendliche nicht mehr in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln können. Auch in unseren Programmen, in denen wir Jugendliche niederschwellig begleiten, verzeichnen wir eine Zunahme. Corona hat die psychische Gesundheit von jungen Menschen belastet, besonders wenn sie schon vorher gefährdet waren,
Was brauchen diese jungen Menschen?
Bei Streetchurch haben wir verschiedene Angebote wie Arbeitsintegrationsprogramme, Sozialberatungen, begleitetes Wohnen sowie psychologische Beratung und Seelsorge. Für die Jugendlichen ist wichtig, zu verstehen, was in ihrem Leben eigentlich passiert und was die Gründe dafür sein könnten. Dafür müssen sie lernen, über ihre Situation zu sprechen. Diese Fähigkeit ist vielen nicht einfach gegeben. Wir helfen ihnen dabei, Worte zu finden und Sprachfähigkeit zu erlernen. Schon das setzt oft eine positive Veränderung in Gang.
Haben Sie einen jungen Menschen erlebt, der durch Ihre Unterstützung wieder eine Perspektive gefunden hat?
Vom Sozialamt wurde uns ein junger Mann aus Ghana zugewiesen. Er hatte eine Malerlehrer abgebrochen und wirkte sehr demotiviert. In der Streetchurch fand er Halt und blühte richtig auf. Später erhielt er von der katholischen Kirchgemeinde die Chance, eine KV-Lehre zu absolvieren, die er dann auch erfolgreich abschloss. Schliesslich erfuhr er, dass er in Ghana eine Schule geerbt hatte. Er kehrte zurück und engagiert sich heute unter anderem in Gefängnissen und für Strassenkinder.
Gibt es Jugendliche, denen Sie nicht weiterhelfen können?
Es gibt leider auch Jugendliche, die wir nicht in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln können. Drei Jahre nach der Teilnahme an einem Arbeitsintegrationsprogramm der Streetchurch sind etwa 55 Prozent arbeitstätig. Je länger jemand aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen ist, umso schwieriger wird die Rückkehr. Diese Jugendlichen haben ein erhöhtes Risiko in eine Abklärung der IV zu kommen.
Was müsste sich ändern, damit Jugendliche früher aufgefangen werden können?
Entscheidend ist das familiäre Umfeld. Die ersten Lebensjahre prägen die spätere Entwicklung stark. Wenn in dieser Zeit verlässliche Bezugspersonen fehlen, ist das bereits eine schwierige Ausgangslage. In den Schulen merkt man oft, wenn ein Kind in einem Umfeld aufwächst, das ihm nicht guttut. Intervention sind allerdings heikel, weil sie weitreichende Folgen bis zum Einschreiten der Kesb haben können. Dennoch würde ich mir mehr Mut wünschen, genau hinzuschauen und den wirklichen Lebensumständen des Kindes auf den Grund zu gehen.
Sie sind mittlerweile seit 23 Jahren in diesem Bereich tätig. Wie machen Sie den Jugendlichen Hoffnung?
Im Gespräch mit den Jugendlichen habe ich radikale Aufrichtigkeit gelernt. Es hilft nicht, wenn man eine Situation schönredet. Es geht darum, ehrlich wahrzunehmen, wenn es «beschissen» aussieht: wenn jemand keinen Schulabschluss hat und mit psychischen Problemen kämpft. Hoffnung entsteht, wenn man kleine realistische Ziele setzt, dran bleibt und diese gemeinsam erreicht.