Wenn die Seele mehr als Sorgen hat
Angefangen habe alles vor zwei Jahren, erzählt Mirjam*. Zunächst fühlte es sich an wie normale Nervosität. Doch dann schnürte sich die Brust zu, ein Kribbeln breitete sich von dort bis in Arme und Hände aus. «Schliesslich war es, als ob ich nicht mehr atmen kann», sagt die 15-jährige Gymnasiastin. Aus einer Angstattacke wurden bei Mirjam mit der Zeit immer mehr.
Damit ist sie kein Einzelfall. 30 Prozent der Sekundarschülerinnen in der Stadt Zürich weisen Anzeichen einer Angststörung auf, wie kürzlich bekannt wurde. Das heisst, sie leiden regelmässig an solchen Symptomen. Doch das Problem ist nicht auf Zürich beschränkt. Psychische Probleme nehmen bei jungen Menschen in der ganzen Schweiz zu. Pro Juventute etwa verzeichnet seit 2019 immer mehr und immer längere Beratungen. Die Organisation betreibt eine Hotline für Kinder und Jugendliche mit Sorgen (siehe Infobox). Rund die Hälfte der Anrufe beträfen Ängste, Depressionen und Suizidgedanken.
Nadja Boeck zeigt sich von solchen Meldungen kaum überrascht. Seit sechzehn Jahren betreut die Pfarrerin Kinder und Jugendliche. «Ich erlebe es häufiger als früher, dass Jugendliche auf mich zukommen und um ein Gespräch bitten», sagt Boeck. Viele seien aufgrund der Weltlage verunsichert. Die Corona-Pandemie habe diesen Trend verstärkt. Hinzu kämen aber auch Probleme, die es schon immer gab, etwa Schwierigkeiten mit der Familie oder der Leistungsdruck in der Schule oder der Ausbildung.
Ob Jugendliche heute tatsächlich mehr psychische Probleme haben, oder bloss häufiger darüber reden, kann Boeck zwar mit Sicherheit beantworten – sie vermutet aber ersteres. «Im Unterschied zu früher gibt es fast auf jeder Schulstufe Jugendliche, die bereits Klinikaufenthalte hinter sich haben», sagt sie. Das deute auf mehr Notfälle hin. Und jeder Notfall bedeute, dass zu lange damit gewartet worden sei, Hilfe zu holen. Laut Boeck seien es vor allem Mädchen, die zum Beispiel an Panikattacken oder Essstörungen litten. Schon Kinder auf Primarstufe seien davon betroffen.
Familiäre Probleme als Auslöser
Mirjam Ängste standen in Zusammenhang mit den Alkoholproblemen ihrer Mutter. Nach einem Rückfall spitzten sich die Attacken zu, häufig begannen sie schon morgens auf dem Weg zur Schule. Den Tiefpunkt erreichte sie kurz vor dem Konfirmationslager, als sie auf der Suche nach einem neuen Therapeuten war. Realitäts- und Wahrnehmungsstörungen drohten, sie aus der Bahn zu werfen. «Es war, als ob ich alles durch eine Kamera sehen würde», sagt Mirjam. Als ob ein Baum nur das Bild eines Baums wäre und auch sie selbst nur eine Einbildung.
Im Lager suchte die Schülerin das Gespräch mit der Pfarrerin. «Sie ist eine sehr warmherzige Person und hat professionell reagiert», sagt Mirjam. Die beiden beschlossen, dass die Konfirmandin das Lager vorzeitig verlässt. Danach setzte Mirjam ihre Behandlung fort. Mittlerweile gehe es ihr besser, wie sie sagt. Seit dem Sommer habe sich ihre Situation stabilisiert. Mit der Pfarrerin hatte sie seit dem Lager noch ab und zu telefonisch Kontakt.
Auch Susanne Walitza, Professorin an der Universität Zürich und Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, spricht von mehr psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. «Wir verzeichnen den Anstieg seit 2012, während der Pandemie hat er sich akzentuiert.» Während manche Diagnosen wie ADHS sich auf konstantem Niveau bewegten, würden beispielsweise emotionale und depressive Störungen ansteigen. Auch der Schweregrad der Erkrankungen nehme zu.
Eine wichtige Rolle spielt laut ihr die Digitalisierung. Die ständige Verfügbarkeit und die Vergleiche mit anderen Menschen erhöhten den Druck zur Selbstoptimierung. Auch Mobbing entfalte im digitalen Raum eine zusätzliche Wirkung. Eine Studie aus Deutschland habe zudem gezeigt, dass Jugendliche sich Sorgen über die Polarisierung in der Gesellschaft machen.
Das Behandlungsangebot für Jugendliche variiert gemäss Walitza von Kanton zu Kanton. Die Notfallversorgung sei grundsätzlich überall gewährleistet, Wartezeiten gebe es bei den ambulanten Therapien. In diesem Zusammenhang sei die Stärkung von Präventionsangeboten besonders wichtig. Dazu zählt Walitza auch die Jugendarbeit und die Seelsorge. (pef)
Für Pfarrpersonen bedeutet das Thema psychische Gesundheit eine zusätzliche Herausforderung bei der Betreuung junger Menschen. Sie müssen im Gespräch mit ihnen einschätzen, ob es um gewöhnliche Sorgen oder psychische Probleme geht. Braucht es professionelle Hilfe, gebe sie den Jugendlichen jeweils die Telefonnummer von Therapeutinnen auf den Weg, erzählt Boeck.
Doch da wartet bereits das nächste Problem. «Häufig erhalte ich die Rückmeldung, dass die Therapeutinnen ausgelastet sind.» Die Wartezeiten für ambulante Behandlungen betragen teilweise mehrere Monate. Dann bleibe ihr nichts anderes übrig, als den Jugendlichen für Notfälle die Nummer der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste zu geben – dort nehme immer jemand ab.
Nicht die erste Anlaufstelle
Dass Jugendliche mit Pfarrpersonen über ihre psychischen Probleme sprechen, scheint allerdings eher die Ausnahme zu sein. Mehrere Jugendpfarrpersonen teilen auf Anfrage die Beobachtung, dass die psychischen Probleme unter Jugendlichen zunehmen. Allerdings hätten sie kaum die Erfahrung gemacht, dass sich die Jugendlichen deswegen häufiger an sie gewandt hätten. Allgemein falle es den Jugendlichen nicht immer leicht, über ihre Gefühle zu sprechen – und wenn, dann täten sie es am ehesten mit Gleichaltrigen, so die Erfahrung.
Über Ängste, Depressionen oder Suizidgedanken zu reden, hilft. Verschiedene Organisationen wie die Dargebotene Hand oder Pro Juventute sind rund um die Uhr erreichbar – per Telefon, Chat oder E-Mail.
Telefonnummer Dargebotene Hand: 143
Telefonnummer Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): 147
Auch Boeck bestätigt, dass sie nicht die erste Anlaufstelle für Jugendliche bei psychischen Problemen ist. Viele Schulen verfügten bereits über eigene Angebote in diesem Bereich. Dass sich trotzdem vermehrt Jugendliche an sie wenden, erklärt sie sich damit, dass sie bereits seit zehn Jahren in ihrer aktuellen Kirchgemeinde tätig ist. «Viele Jugendliche, die zu mir kommen, kennen mich schon lange», sagt sie.
Hilfreich sei auch, dass bei der Seelsorge um ein ergebnisoffenes Angebot handle, wie sie sagt. «Sowohl in der Schule als auch in der Therapie geht es immer um Ziele», sagt Boeck. Sie habe Zeit und höre einfach mal zu. Das könne dazu beitragen, dass Jugendliche überhaupt erst ihre Sorgen ansprechen – auch wenn die Seelsorge keine Therapie ersetzen könne, wie Boeck betont.
*Name der Redaktion bekannt