Abdankung

Der Pazifist, der Kissenschlachten liebte

In Genf ist der Soziologe und Politiker Jean Ziegler unter grosser Anteilnahme beigesetzt worden. Politikerinnen sprachen von «einem Giganten», seine Familie rückte das Persönliche ins Zentrum.
In der Genfer Kathedrale St. Peter nahmen Angehörige, Politikerinnen und Freunde Abschied von Jean Ziegler. (Bild: Martial Trezzini/ Keystone)

Bei der Abdankungsfeier für Jean Ziegler in Genf waren alle Bänke bis auf den letzten Platz gefüllt. Zum ersten Mal wurde in der Kathedrale St. Peter «Die Internationale» gespielt, um den früheren Nationalrat und Soziologen zu ehren. Das Lied wurde an einer Orgel gespielt und von einem Chor mitgesungen.

Die gesamte Genfer Linke, aber auch Vertreter der UNO und Staatsangehörige anderer Länder nahmen an der Abdankung teil. «Die Abdankung wird so lang sein wie eine Rede von Fidel Castro, aber hoffentlich weniger langweilig», sagte Pfarrer Emmanuel Rolland. Er hatte recht: Zweieinhalb Stunden lang folgten Würdigungen und Lieder von Aktivisten aufeinander, bei denen die Handys wie bei einem Konzert in die Höhe gehalten wurden.

Säcke voller Beileidsbekundungen eingetroffen

«Genf verliert eines seiner grössten Gewissen», sagte die Genfer SP-Bürgermeisterin Christina Kitsos. «Jean Ziegler war bekannt und wurde bewundert», fügte die ehemalige SP-Bundesrätin und Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey an.

Sie ging auf die Vorwürfe des Verrats ein, die gegen ihn erhoben wurden, als er die Schweizer Banken kritisierte. « Nichts könnte falscher sein. Jean liebte die Schweiz, aber diese Liebe machte ihn fordernd», fügte Calmy-Rey hinzu, bevor sie ihm, den Tränen nahe, dankte.

Der Ruf des Sozialisten reichte weit über die Landesgrenzen hinaus. Seit seinem Tod vor gut einer Woche sind ganze Säcke voller Beileidsbekundungen aus aller Welt im Familienhaus auf dem Land bei Genf eingetroffen.

Chilenen aus der Schweiz, Kongolesen aus der Schweiz, Palästinenser, Iraner oder Sahrauis hoben während der Zeremonie die Bedeutung des Verstorbenen auf der internationalen Bühne hervor.

Tiefe Spiritualität

Für alle Experten des Menschenrechtssystems der UNO war Jean Ziegler «ein Gigant», erklärte die Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, in einem Brief.

Die Familie sprach anschliessend über den weniger bekannten Jean Ziegler, einen Menschen voller Liebe, wie seine Ehefrau Erica, sein Sohn Dominique und sein Enkel Théo ihn beschrieben. Der Aktivist war auch ein Vertrauter und Mittelpunkt, in seiner Begeisterung «ein bisschen anhänglich». Und der Pazifist scheute sich nicht vor einer Kissenschlacht oder Schiessereien mit Plastikpistolen.

Jean Ziegler wird auf dem Friedhof Les Rois in Genf beigesetzt werden. Der Genfer Soziologe und ehemalige SP-Nationalrat starb am 10. Juni mit 92 Jahren in seiner Wahlheimat Genf.

Sein Leben lang galt der gebürtige Thuner als Rebell und Vertreter der Menschen aus der Dritten Welt. Der zweisprachige Ziegler war für den Kanton Genf zweimal im Nationalrat. Sein erstes Mandat hielt er von 1967 bis 1983, das zweite von 1987 bis 1999.

Ziegler war reformiert, konvertierte jedoch zum Katholizismus. «Ich bin mir sicher: Dass ich hier bin, ist kein Zufall. Ich bin mir sicher: Wenn ich sterbe, werde ich erwartet. Die Auferstehung, in welcher Form auch immer, steht für mich ausser Zweifel.» (sda/ jow)

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