Schweiz

Von Beruf Provokateur: Jean Ziegler wird 90

Jean Ziegler kämpft für hungernde Kinder und gegen den Kapitalismus. Die Anhänger des Soziologen lieben seine harten Urteile, Kritiker werfen ihm Schnellschüsse vor.

Jean Ziegler setzte sich in seiner Zeit als UN-Sonderberichterstatter für die palästinensische Bevölkerung in Israel ein. (Bild: Laurent Gillieron/ Keystone)

Bis heute ist Jean Ziegler davon überzeugt, Ziel eines Mordanschlags gewesen zu sein. 2001 hörte der Soziologe auf der Fahrt in seine Heimatstadt Genf merkwürdige Geräusche seines Autos. Mechaniker fanden heraus: Der Motor war manipuliert worden. Wäre Ziegler weitergefahren, hätte er die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. «Das war versuchter Mord. Sehr, sehr beunruhigend.»

Jean Ziegler ist einer der bekanntesten Schweizer – seine Enthüllungsbücher werden in Deutschland, den USA und selbst in Korea verkauft. Am Freitag wird der Genfer Soziologe, Bestsellerautor, Globalisierungskritiker, Selbstdarsteller und frühere UN-Funktionär 90 Jahre alt.



In den vergangenen Jahren wurde es stiller um den Wissenschaftler, der höfliche Umgangsformen pflegt und elegante Kleidung liebt. Doch zu den grossen Krisen der Gegenwart nimmt er weiter Stellung. So fordert er einen sofortigen Waffenstillstand im Nahost-Krieg, um den hungernden Palästinensern zu helfen. Israel wirft er «Staatsterror» vor, er verurteilt aber auch scharf den Angriff der Hamas auf den jüdischen Staat. Bereits 2005 sorgte der frühere UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung für erbostes Kopfschütteln in Israel. Damals hatte Ziegler die israelische Besatzung des Gaza-Streifens mit einem «Konzentrationslager» verglichen.

Kritiker der Banken und Konzerne

Seinen ersten grossen Coup landete der frühere SP-Nationalrat 1976 mit seinem Buch «Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben». Ziegler sezierte, wie Schweizer Konzerne sich auf Kosten der Ärmsten im globalen Süden bereicherten. Viele seiner Landsleute reagierten empört – nicht über die Firmen, sondern über den Autor.

«Als einer der Ersten räumte Ziegler mit der Legende von der unschuldigen Schweiz auf.»


1990 legte er nach. In «Die Schweiz wäscht weisser» geisselte er die eidgenössischen Banken als «Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens». 1997 veröffentlichte Ziegler das Werk «Die Schweiz, das Gold und die Toten». Sätze wie «Hitler war ein Traumkunde für unsere Banken» brachten ihm endgültig den Ruf des Nestbeschmutzers ein. Als einer der Ersten räumte er mit der Legende von der unschuldigen Schweiz auf.

Neben seinem Heimatland widmet sich der Globalisierungskritiker immer wieder internationalen Konflikten und Machenschaften multinationaler Konzerne. Finanzmanager will der frühere Berater des UN-Menschenrechtsrates wegen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» vor Gericht sehen: «Ein Nürnberger Tribunal soll die Gauner verurteilen.»

Zuspitzen und Aufsehen erregen

Auch Ziegler weiss: Solche Forderungen kommen nicht durch. Aber die Medien greifen sie auf. So eilte er noch im Rentenalter lange von Interview zu Interview, schrieb Bücher im Abstand von zwei bis drei Jahren. Eines seiner letzten Werke trug den aufrüttelnden Titel: «Wir lassen sie verhungern». Darin schildert er seinen Kampf gegen die Lebensmittelnot in den Ländern des Südens. «Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das ist Massenmord.» Es sind genau diese harten und zugespitzten Urteile, die Zieglers Anhänger so lieben.

«Mit seinen Nachlässigkeiten macht Ziegler es seinen Gegnern fast schon zu einfach.»
NZZ


Das Schweizer Establishment aber spart nicht mit Kritik. «Mit seinen Nachlässigkeiten macht Ziegler es seinen Gegnern fast schon zu einfach», urteilte die «Neue Zürcher Zeitung». Andere beschuldigen ihn, er schiele vor allem auf die Auflage, rühre historische Halbwahrheiten und die Auswüchse seiner Fantasie gewieft zusammen.

Aus Hans wird Jean

Der Sohn eines Richters und Offiziers wurde am 19. April 1934 in Thun, Kanton Bern, geboren und nach seinem Vater auf den Namen Hans getauft. Nach dem Abitur kehrte er dem bürgerlich-protestantischen Elternhaus den Rücken und ging nach Paris. Inspiriert von nächtelangen Diskussionen in kommunistischen Zirkeln und Begegnungen mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre änderte Ziegler sein Leben.

Er wechselte das Studienfach, die Sprache, die politische Couleur und sogar den Namen: von der Jurisprudenz zur Soziologie, vom Deutschen zum Französischen, vom Gemässigten zum Sozialisten – und von Hans zu Jean.