«Ich sehe immer noch viel Positives in der Kirche»

Martin Stingelin gilt als einer der profiliertesten Kirchenpolitiker der Schweiz. Nun ist er als Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Landschaft zurückgetreten. Im Interview erzählt er, was die grössten Herausforderungen seiner Amtszeit waren und warum er der Kirche bis heute treu geblieben ist.

Freut sich, bald wieder mehr Zeit für eigenes theologisches Nachdenken zu haben: Martin Stingelin. (Bild: Oliver Hochstrasser)

Herr Stingelin, was haben Sie in den vergangenen zehn Jahren als Kirchenratspräsident erreicht?
Eine Riesenaufgabe war die Lücke in unserer Pensionskasse. Um diese zu decken, mussten wir unsere Ausgaben massiv senken, unter anderem durch Stellenabbau. Dass wir dies ohne grössere Konflikte oder gar Brüche gemeistert haben, gehört zu den grössten Erfolgen meiner Amtszeit. Es ist uns auch gelungen, offene Fragen zur Stellung der kirchlichen Mitarbeitenden zu klären. Dabei ging es zum Beispiel um die Frage, ob Pfarrpersonen in der Kirchenpflege stimmberechtigt sein sollten. Persönlich sehr befriedigend war, dass ich im Laufe meiner Amtszeit ein paar Leute einstellen durfte, die heute eine grossartige Arbeit leisten.

Gab es auch Enttäuschungen?
Auch wenn es unglaubwürdig klingt, aber innerhalb der Baselbieter Kirche habe ich kaum Enttäuschungen erlebt. Weniger erfolgreich war meine Arbeit auf nationaler Ebene. Es ist mir nicht gelungen, zu den dringend notwendigen Vereinfachungen beizutragen.

Jetzt stellen Sie Ihr Licht unter den Scheffel. Als Abgeordneter des Kirchenbundes haben Sie beispielsweise entscheidend bei dessen Verfassungsrevision mitgewirkt.
Ja, aber die Bündelung von Aufgaben beim Kirchenbund ist meines Erachtens noch viel zu wenig fortgeschritten. Nehmen wir das Beispiel Liturgie. Derzeit gibt es neben der Liturgiekommission des Kirchenbundes gesamtschweizerisch noch zwei weitere Stellen, die sich mit dem Thema befassen. Ich bin der Meinung, dass diese Aufgabe ganz beim Kirchenbund liegen müsste. Auch in Bereichen wie der Pfarrausbildung wäre eine einheitliche Lösung angesagt. Dass sich auf nationaler Ebene so wenig bewegt, hat mich immer wieder frustriert.

Was erwarten Sie diesbezüglich von der neuen Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS)?
Ich erwarte, dass der Kirchenbund ein Dienstleistungszentrum wird. Im Moment wird dort über Handlungsfelder nachgedacht, allerdings in erster Linie als Ort, wo Strategien zu den verschiedenen Bereichen erarbeitet werden. Die neue EKS sollte aber mindestens so sehr auch operativ die Kantonalkirchen in diesen Bereichen unterstützt. Sie muss mehr sein als einfach eine Denkfabrik.

Kehren wir zur Baselbieter Kirche zurück. Ist es etwas Besonderes, Präsident einer doch relativ kleinen Kirche zu sein?
Diese Frage möchte ich korrigieren. Es gibt nur sechs reformierte Kantonalkirchen, die grösser sind. Aber unsere Kirche ist die kleinste, die sich ein Präsidium als Vollamt leistet. Das bedeutete aber auch, dass die Leitung der Verwaltung zu meinen Aufgaben gehörte. Im Grunde war ich so etwas wie der CEO der Kirche, mit strategischen und operativen Aufgaben.

Zuvor waren Sie fünfzehn Jahre Gemeindepfarrer und fünf Jahre im Pfarramt für Industrie und Wirtschaft. Was reizte Sie daran, Kirchenratspräsident zu werden?
Mich faszinierte die Möglichkeit, die Räume mitzugestalten, in denen Menschen Kirche leben. Zudem konnte ich mir im Pfarramt für Industrie und Wirtschaft Kenntnisse aneignen, die mir als Kirchenratspräsident nützlich waren. Zum Beispiel im Finanzwesen und der Personalführung. Was mich ebenfalls interessierte, war die politische Dimension des Amtes. Ich bin ein politischer Mensch und engagierte mich beispielsweise schon während meines Theologiestudiums in der Studentenvertretung.

Sie gelten als besonnener Politiker. Sind Sie in Ihrer Jugend auch mal auf die Barrikaden gestiegen?
Schon in der Schulzeit musste ich mich immer äussern, wenn ich etwas als ungerecht empfand. Das führte dazu, dass ich häufig Konflikte mit den Lehrpersonen hatte und meine Leistungen darunter litten. Später war ich an den Wochenenden bei der Besetzung des AKW-Geländes in Kaiseraugst dabei.

War es eigentlich immer Ihr Wunsch, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe ursprünglich ja auch einen anderen Weg eingeschlagen und eine Lehre als Betriebsdisponent bei der SBB gemacht. Lange gearbeitet habe ich auf dem Beruf aber nicht. Mit Anfang 20 habe ich mir überlegt, was ich im Leben wollte. Vom Pfarrberuf dachte ich, dass er die zwei Dinge vereinen würde, die mir besonders wichtig waren: den Glauben und das soziale Engagement.

Der Glaube spielte in Ihrem Leben also schon früh eine Rolle?
Ja, durch meine Eltern bin ich früh mit dem christlichen Glauben in Kontakt gekommen. Sie waren beide in einer Freikirche engagiert. Dadurch verfügte ich über ein relativ breites Bibelwissen. Aus dieser Zeit stammt auch meine Überzeugung, dass in der reformierten Kirche unterschiedliche Formen von Frömmigkeit Platz haben. Das gilt auch für Evangelikale, sofern sie andere Meinungen stehen lassen können.

Hört man sich die Debatten zur Ehe für alle an, hat man diesen Eindruck nicht immer.
Wenn eine Gruppe Anspruch auf eine absolute Wahrheit erhebt, wird es problematisch. Solche Positionen kann ich nicht mehr akzeptieren. Ich habe auch meine Schwierigkeiten mit dem wörtlichen Bibelverständnis mancher Kreise. Wenn wir daran festhalten, müssen wir die Ehe immer noch wie im Alten Testament als Besitzverhältnis definieren.

Sie verbrachten praktisch Ihr ganzes Berufsleben in der Kirche. War die Privatwirtschaft nie eine Verlockung?
Doch, solche Momente gab es. Speziell im Pfarramt für Industrie und Wirtschaft habe ich mir überlegt, ob die Privatwirtschaft etwas für mich wäre.

Und?
Ich sehe immer noch zu viel Positives in der Kirche. Der Glaube und das Vertrauen in ein göttliches Gegenüber war für mich etwas Lebensspendendes. Auch in der Bevölkerung spüre ich immer noch viel Goodwill gegenüber der Kirche. Obwohl die Mitgliederzahlen sinken und die Gottesdienste schlechter besucht sind als früher, bin ich überzeugt, dass die reformierte Kirche eine Zukunft hat. Das hat mich von einem Wechsel abgehalten.

Die Universität Basel hat Ihnen nun die Ehrendoktorwürde verliehen. Was löst das in Ihnen aus?
Das war eine grosse Überraschung und hat mich sehr gefreut. Anscheinend machen wir in der Baselbieter Kirche nicht alles falsch. Ich sage «wir», weil ich diese Auszeichnung ohne meine Mitarbeitenden und die anderen Kirchenräte nicht bekommen hätte.

Sie werden Mitte Dezember offiziell aus Ihrem Amt verabschiedet. Können Sie loslassen?
Das hoffe ich, denn aus gesundheitlichen Gründen sollte ich etwas kürzer treten. Ein wenig weiterarbeiten möchte ich aber trotzdem. So könnte ich mir vorstellen, von Zeit zu Zeit Stellvertretungen im Pfarramt zu übernehmen. Daneben freue ich mich auf die Zeit, die ich mit theologischem Nachdenken oder auf Spaziergängen mit unserem Hundewelpen verbringen darf. Solche Dinge sind in den letzten Jahren zu kurz gekommen.