«Die Menschen erwarten noch etwas von der Kirche»

Am 30. August haben die evangelisch-reformierten Kirchen der beiden Basel (ERKBL und ERKBS) gemeinsam eine Synode zum Thema «Wir brauchen eine neue Reformation. Zurückschauen, um vorwärts zu schauen» abgehalten. Fragen an Martin Stingelin, Präsident der ERKBL und Leiter des Workshops «Wege in die Zukunft».

Martin Stingelin, Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Baselland, an der Aussprachesynode vom 30. August.
Martin Stingelin, Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Baselland, an der Aussprachesynode vom 30. August. (Bild: ERK BL/Damaris Stoltz)

Herr Stingelin, warum brauchen wir eine neue Reformation?
Wir stellen fest: Viele Menschen, auch Verantwortliche in der Kirche, erwarten einen neuen geistigen Input. Es fehlt ihnen etwas im Leben. Auf der anderen Seite sind wir gezwungen, die Kirchenstrukturen anzupassen. Und dann vermischt man das eine mit dem anderen, die inhaltlichen Unklarheiten und die Unzufriedenheit mit den Strukturen. Daraus erwächst dann der Ruf nach etwas Neuem.

Geschieht dieser Ruf nicht auch einfach aus Angst vor dem Verschwinden?
Die Angst vor dem Bedeutungsverlust sehe ich durchaus. Die Kirchen in Westeuropa werden kleiner, wir werden zu einer Minderheit. Aber es gilt nach meiner Meinung, diese Angst auszuhalten und sie nicht bestimmend für unser Handeln werden zu lassen. Wir sollten uns eher fragen: Was war eigentlich das Ziel der Reformation und was sind unsere Ziele heute?

Und die wären?
Ein verbindendes Ziel von damals und heute: das Evangelium den Menschen zugänglich und verständlich zu machen. Den Reformatoren ist das so gut gelungen, dass die Sprache der Reformation im deutschsprachigen Raum auf die Alltagssprache abgefärbt hat. Davon sind wir heute weit entfernt. Wir müssen unsere Sprache und unsere Bilder so anpassen, dass die Menschen uns verstehen.

In der Reformation haben die Leute etwas von der Kirche erwartet. Wie ist das heute?
Heute erwarten Menschen schon noch etwas von der Kirche, zum Glück. Es gibt sicher Menschen, die ohne Glauben und ohne Kirche gut durch ihr Leben kommen. Aber ich sehe auch ganz neue Nöte bei den Menschen. Heutzutage muss man zum Beispiel ständig Entscheidungen treffen, es ist nichts mehr vorgegeben. Das überfordert viele Menschen, vor allem die Schwächeren.

Suchen diese Menschen dann wirklich Beistand bei der Kirche?
Nicht alle, aber es gibt sie. Sie erwarten vom Glauben und von uns als Kirche Hilfe. Sie suchen Wegweiser, Orientierungspunkte.

Wie kann die Kirche darauf aufmerksam machen, dass sie da interessante Angebote hat?
Das heutige Angebot richtet sich oft an die immer gleichen Leute. Wir müssen aber den Menschen da begegnen, wo sie sind, in ihre Veranstaltungen gehen, auf ihre Fragen hören. Das öffnet dann plötzlich wieder viele Leute für die Kirche, von denen man es gar nicht gedacht hätte.

Gibt es auch Erwartungen, die von aussen an die Kirche herangetragen werden?
O ja, die gibt es. Die Wirtschaft erwartet zum Beispiel von der Kirche ganz klar eine gesellschaftsstabilisierende moralische Richtschnur. Auch die Politik erwartet, dass die Kirche die Gesellschaft mitträgt und auf sozialem Niveau für den Zusammenhalt der Gesellschaft sorgt. Die Frage ist nur: Wollen und können wir das alles leisten? Wir müssen die Leute auch manchmal enttäuschen.

Inwiefern?
In der Reformationszeit bestimmte nicht nur in Basel die Regierung über die Kirche. Die heutige Kirche muss dagegen ein kritisches Gegenüber zum Staat und zur Wirtschaft sein. Wir dürfen uns nicht instrumentalisieren lassen. Nach meinem Verständnis haben wir ein Menschenbild einzubringen, welches von der bedingungslosen Würde ausgeht. Ich beobachte heute ein starkes Handeln rein nach wirtschaftlichen Interessen. Aber es geht doch um mehr als nur materiellen Wohlstand!

Wo sehen Sie die Kirche in 30 Jahren?
Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Aber die Reformatoren haben ja auch nicht gewusst, wo sie in 30 Jahren stehen werden. Was die Form angeht, wird es wahrscheinlich noch schwieriger werden. Aber das kriegen wir hin, das hat die Kirche bisher immer geschafft. Viel wichtiger ist für mich die Frage, wie wir die Botschaft weitergeben, dieses Vertrauen, dass da ein Gott ist, der uns begleitet, und dass Menschen erfahren, dass ihnen das in ihrem Leben hilft.