Selbstversuch

Eine Schwellen­­er­fah­rung

Wie ist das, alleine eine Nacht im Zürcher Grossmünster zu verbringen? Die Toten und die Lebenden kommen sich nah, findet unsere Autorin.

Nachts verschiebt sich die Wahrnehmung. Das Bild zeigt ein vom deutschen Maler und Fotografen Sigmar Polke gestaltetes Kirchenfenster im Zürcher Grossmünster. (Bild: Walter Bieri/ Keystone)

Eine Nacht im Grossmünster, in der Stille und der Kälte. Es werde mein One-Night-Stand mit der Zwinglikirche, scherzte ich nur wenige Stunden zuvor mit Bekannten. Vielleicht auch, um meinen Respekt zu überspielen. Schliesslich ging ich ein Wagnis ein, allein eine Nacht in Zürichs Wahrzeichen zu verbringen. Bislang kannte ich es nur von aussen. Ein an sich peinliches Versäumnis.

Meine lange Januarnacht beginnt um 23.30 Uhr. Der Kirchenraum entleert sich. Eben noch sassen über hundert Besucher schweigend in den Bänken. Nur ich bleibe nach der meditativen Abendführung zurück. Pfarrer Christoph Sigrist, seit zwanzig Jahren in dieser Kirche, führt mich durch ihre verschiedenen Räume und zeigt mir die Tür, durch die ich sie jederzeit verlassen kann. Das Grossmünster habe eine transformative Kraft, meint er. Beim Abschied wünscht er mir, dass ich sie spüre.

«Gerne würde ich mich auf stumm stellen, als ich das Kirchenschiff erkunde.»

0.15 Uhr Nun bin ich endlich allein. Ich setze mich auf die Treppe zum Chor und überblicke das unstete Flackern der Kerzen im Kirchenschiff. Still ist es nicht. Das Holz stöhnt, als löse es sich langsam von der Last seiner Besucher. Der Raum gehört mir. Ich könnte singen, ich könnte im Chor wie auf einer Bühne tanzen, ich könnte beten. Auch fluchen wäre möglich. Ich tue nichts davon. Es ist schön, nichts zu tun. Die Kirchenglocke klingt unerwartet gedämpft.

0.30 Uhr Der Hall, der Geruch und die Wärme der Menschen haben sich verloren. Ein kühler Luftzug streift meinen Nacken. Ein weiterer Glockenschlag.

0.45 Uhr Mein anfängliches Gefühl der Ruhe weicht zurück. Ich stehe auf, nähere mich den Fresken an den Wänden des Chors und erkenne die Umrisse verblasster, mir unvertrauter Heiliger.

Langsam erkunde ich das Kirchenschiff. Gerne würde ich mich dabei auf stumm stellen. So sehr ich auch versuche, leise zu sein, jede einzelne Bewegung hört sich so unnötig wie ungehörig an. Mit der Taschenlampe des Mobiltelefons suche ich dunkle Stellen ab. Ein Fleck Licht fällt auf das bekannte Kaiserrelief auf dem Kapitell eines Pfeilers. Es zeigt Karl den Grossen, der Legende nach Erbauer des Grossmünsters, dessen Pferd an der Stelle des Grabes von Felix und Regula auf die Knie sinkt.

«Mit meinem Körper geschieht Seltsames.»

Wo heute die WC-Anlagen sind, lagen jahrhundertelang die verehrten Knochen der zwei Stadtheiligen. Mit dem Kopf unter den Arm geklemmt, sollen die beiden nach ihrer Enthauptung in die Stadt Zürich und bis hierher spaziert sein. Wunder des Glaubens.

Einst Ausgangspunkt der Reformation, heute Touristenmagnet

Das Zürcher Grossmünster besuchen jährlich rund eine halbe Million Menschen. Der «Freundeskreis Grossmünster» ist ein loses Forum, das Interessierte an Anlässe unterschiedlicher Art einlädt. Am 21. März ist Bundesrat Guy Parmelin zu Gast im Grossmünster, er spricht mit Pfarrer Christoph Sigrist über «Gott und die Welt, Höhen und Tiefen des Lebens». Der Anlass begint um 18.30 Uhr. (jow)

Auch mit meinem Körper geschieht Seltsames. Bei jeder Bewegung löst sich mein Schatten mehr von mir ab, tanzt mir voraus, zieht, zerrt, und klappt schliesslich in sich zusammen. Mein Herz klopft, meine Schritte führen ein Eigenleben. Ihr Hall kommt mir aus allen Richtungen entgegen. Um mich zu beruhigen, kontrolliere ich die Schrittzahl, die mein Handy registriert: Seit Mitternacht 399. Ich vermute, dass ich auf mehr als dieser profanen Ebene unterwegs bin.

1 Uhr Ich besteige die Kanzel. Von hier aus predigten die Nachfolger Zwinglis. Der Raum, der im Dunkel unter mir Gestalt annimmt, ist viel älter als die Reformation und ihre Zentralperspektive. Ein katholischer Bau, gemacht für die Liturgie und ihren Gesang. Und für das Geheimnis. Das Ende des Kirchenschiffes, die Ecken und Nischen liegen im Verborgenen.

Scheu. Anders als mit diesem altertümlichen Wort kann ich die dumpfe Schwere, die sich an meinen Brustkorb hängt, nicht beschreiben. Ich fühle mich ausgesetzt an diesem tiefen alten Ort, der mir seine Fremdheit enthüllt, seine Sedimente an Geschichte und Vergangenheit, die ich nur erahnen kann, die sich mir entziehen.

Und die mich umso mehr einnehmen: Zwei Nächte zuvor hatte ich einen Traum, der mir nun wieder einfällt. Da war eine Bühne, alles war bereit für einen Auftritt, nur wusste ich bis im letzten Moment nicht, dass auch ich selbst ins Scheinwerferlicht treten würde – mit dem Kostüm einer Totentänzerin. Beim unmittelbaren Aufwachen dachte ich an Harald Naegelis Grafittis im Glockenturm, die ich mit dem Grossmünster assoziiere. Nun interpretiere ich den Traum als Vorwegnahme des diffusen Zustands, in den ich hier gerate.

«Ich liege mit hochgezogenen Beinen im Schlafsack: ein Embryo im Schoss der Krypta.»

1.15 Uhr Ich bin ausser mir. Finde ich je wieder zurück? In der Mitte des Chors lege ich mich auf den Boden, schliesse die Augen und versuche, mich an den Tag zuvor zu erinnern: Die frühmorgendliche Umarmung meines Sohnes, als wir uns noch halb im Schlaf vor dem Badezimmer kreuzen. Das Arbeitsmail, das ich zu schreiben aufschiebe. Der Anruf eines Freundes, der das Verhalten seiner Ex-Freundin nicht versteht. Der Ärger über die Heizung, die schon wieder aussteigt. Die Pasta, die ich mit meinen Mitbewohnern esse. Die Brocken des profanen Alltags, die ich aus dem Gedächtnis streue, machen den Boden unter meinen Füssen wieder etwas fester. Ich spüre Müdigkeit. Es wird Zeit, mich hinzulegen.

1.45 Uhr Ich steige hinab in die Krypta unterhalb des Chors. Bis jetzt habe ich sie mir aufgespart: Der älteste Ort der Kirche, ihr Unbewusstes. Hier will ich bis in die Morgenstunden bleiben. Das Gewölbe empfängt mich wie der Bauch eines unbekannten Tiers. Am Ende des Raums, zu den Fensternischen hin, breite ich meinen Schlafsack über einer grossen Steinplatte aus. Wer liegt wohl darunter?

Karl der Grosse gilt als Begründer des Grossmünsters, seine Statue wacht innen und aussen am Gebäude. (Bild: Claude Schildknecht/ Flickr)

2.45 Uhr Im Kirchenraum über mir vervielfältigen und verzerren die Echos die betrunkenen Schreie und das Gelächter des nächtlichen Niederdorfs. Von weiter her kommt unbestimmtes Dröhnen, Quietschen, Klappern, Pfeifen und Rumoren, ganz so, als läge ich tief im Verdauungsapparat der Stadt. Die Kirchenglocke schlägt die Viertelstunden und die Vollen. Meine Füsse sind kalt.

So wache ich über den alten Knochen, die unter mir ruhen, während am vorderen Ende des Raums die übergrosse Statue Karls des Grossen mit seinem Zepter über mich gebietet. Die Lichtfetzen, die die Kerze zu seinen Füssen um sich schleudert, versetzen ihn in Bewegung. Ich bin zu erschöpft, um Karl im Blick zu behalten. Ich vertraue darauf, dass er mir gewogen ist.

Irgendwann nach 4.15 Uhr kommt alles zur Ruhe. Selbst das Holz der Kirchenbänke hat genug geächzt. Ich liege mit hochgezogenen Beinen im Schlafsack: ein Embryo im Schoss der Krypta. Endlich kommt der Schlaf über mich. Mir ist, als versänken wir, Kirche und ich, Mutter und Kind, in einen Traum. Darin überblicken wir eine grüne Wiese und einen Fluss. Nichts passiert. Womöglich kehren wir zurück in die unbestimmte Vorzeit des Grossmünsters, lange bevor sie hier nahe am Ufer der Limmat stehen wird. Oder schauen wir auf das Eden, nach dem die Seelen sich sehnen, deren Gebeine unter mir liegen?

In einer letzten Szene sehe ich mich selbst in der Krypta knien und beten. Im Übergang zum Aufwachen nehme ich Abschied von der seltsamen Empfindung, den Traum mit diesem Ort geteilt zu haben, der mich in sich barg.

«Die Knochen der Toten und mein lebendes Fleisch kamen sich nah.»

8 Uhr Die Glocken schlagen. Ich öffne die Augen. Fahles Licht fällt durch die kleinen Fenster. Ich verspüre ein grandioses Gefühl der Verbundenheit und tue, was ich sonst nie tue. Ich singe. Es fühlt sich gut an, meine Stimme zu hören:

«Dreams are like angels
They keep bad at bay,
Love is the light
Scaring darkness away.»

Die Gemäuer singen zurück. Sie scheinen Frankie goes to Hollywood zu mögen. Ich falte den Schlafsack zusammen und verlasse die Krypta.

In der Zwölfbotenkappelle liegt das Taufbecken. (Bild: Susanne Leuenberger)

Licht fällt durch die grossen Chorfenster, die Augusto Giacometti gestaltete. Sein Jesus leuchtet in der Menschwerdung im tiefsten Blau. Zum Abschied steige ich hinab in den gedrungenen Raum der Zwölfbotenkapelle seitlich des Chors. Im Taufbecken entzünde ich eine schwimmende Kerze und schaue zu, wie sie im Wasser treibt, während ich zu begreifen versuche, was diese Nacht mit mir gemacht hat: In diesen neun Stunden bewegte ich mich auf ganz schön vielen Ebenen. Oben und unten, innen und aussen sind durcheinandergeraten. 

Die Religionsphänomenologie nennt das eine Schwellenerfahrung. Ich bezweifle, dass der Schrittzähler meines Mobiltelefons, der 737 Schritte dokumentiert, die wirkliche Reise, die ich in dieser Nacht zurücklegte, abzubilden vermag. Die Steine, mein Atem, das Holz, die Kerzen, die Knochen der Toten und mein lebendes Fleisch kamen sich nah. Das Hell und das Dunkel, Traum und Wirklichkeit hielten sich umschlungen in einem seltsamen Tanz. Die Kerze im Taufbecken kreist weiter, als ich den Raum und das Münster verlasse. Dieser One-Night-Stand hat mich aufgewühlt.

Als ich am Morgen danach das Grossmünster bei Tageslicht verlasse, bereue ich nicht, dieses Wagnis eingegangen zu sein.