Projekt Fellowship
«Wenn die Kirche relevant bleiben will, muss sie im Gespräch bleiben»
Das Grossmünster wagt ein Experiment: Per 2027 vergibt die Zürcher Altstadtkirche erstmals ein sogenanntes «Fellowship» (Stipendium). Personen aus Kunst, Literatur oder Wissenschaft können sich für einen rund dreimonatigen Aufenthalt in Zürich bewerben. Ziel ist es, frische Perspektiven in die Kirche zu holen und den Austausch mit der Stadtgesellschaft zu stärken.
«Ein Impuls von aussen, der uns in unseren eigenen Sphären weiterbringen soll», heisst es im Projektbeschrieb. Für Grossmünster-Pfarrer Christian Walti ist klar: Die Kirche muss sich stärker mit den drängenden Fragen der Gegenwart vernetzen. «Zwingli hat die Kirche als Ort verstanden, an dem gesellschaftliche Themen verhandelt werden. Daran möchten wir anknüpfen.»
Beobachten, reflektieren, diskutieren
Das Fellowship richtet sich bewusst an Personen ausserhalb des klassischen Kirchenkontexts und bevorzugt ausserhalb der Schweiz. Während rund drei Monaten soll der oder die «Fellow» das Leben in Zürich beobachten und die Eindrücke künstlerisch oder wissenschaftlich verarbeiten. Dies unter dem Motto: «Reformation never stops» (Reformation stoppt nie). Die Form ist frei. Walti zählt als Beispiele ein Kunstprojekt, ein literarischer Text, Musik oder eine Forschungsarbeit auf.
Zentral ist dabei der Dialog: Während des Aufenthalts sind drei öffentliche Veranstaltungen geplant, an denen die Arbeit des Fellows mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Kultur und Gesellschaft diskutiert werden soll. «Wir suchen Menschen, die bereit sind, sich auf Gespräche mit der Öffentlichkeit einzulassen.» Wer sich ausschliesslich im kirchlichen Rahmen bewegen wolle, erfülle den Anspruch des Programms nicht.
Neue Perspektiven gegen «Betriebsblindheit»
Mit dem Fellowship reagiert das Grossmünster auch auf die Gefahr, sich in vertrauten Strukturen zu verlieren. «Weil wir oft mit den gleichen Leuten über das Gleiche sprechen», sagt Walti. Externe Stimmen sollen helfen, diese «Betriebsblindheit» zu durchbrechen.
Die Idee dazu ist von Austauschformaten mit anderen Kirchen inspiriert. Laut Walti sei das Grossmünster aber die erste Zentrumskirche in Europa, die ein Fellowship mit Personen ausserhalb der Kirchenkreise anbiete.
Das Interesse am neuen Angebot ist bereits gross: Mehr als 40 Bewerbungen sind laut Walti schon eingegangen, die Frist läuft noch bis am 15. April. Die Ausschreibung wurde über universitäre Netzwerke, Kunstplattformen sowie kirchliche Organisationen verbreitet. Eine interdisziplinäre Jury wird im Sommer eine Person auswählen.
Teil eines grösseren Aufbruchs
Das Fellowship ist in eine Phase des Umbruchs eingebettet. Nach einem Generationenwechsel im Pfarrteam und in der Kirchenmusik formiert sich das Grossmünster neu. Die 2019 fusionierte Stadtzürcher Kirchgemeinde sei nun der Pilotphase entwachsen, sagt Walti. «Die Strukturen stehen, jetzt geht es ums Umsetzen.»
Bei vielen Kirchgemeinden sehe man zur Zeit Rückzugsreaktionen auf Herausforderungen wie Mitgliederschwund oder finanzielle Engpässe. Das Fellowship versteht Walti hingegen als bewussten Schritt nach vorne. «Es ist ein positiver Beitrag. Wir wollen nicht nur Probleme verwalten, sondern aktiv neue Verbindungen zu Kultur und Gesellschaft schaffen.»
Die Kirchgemeinde Zürich sei als Wolke von Punkten bereits sichtbar. «Aber es braucht nun mehr und mehr Linien, die diese Punkte verbinden, damit ein gesamtes Bild entsteht.» Das Fellowship soll eine solche Linie sein, zwischen Kirche, Wissenschaft, Kultur und Öffentlichkeit.
Ob sich das neue Format etabliert, wird sich zeigen. Für Walti ist jedoch klar: «Wenn die Kirche relevant bleiben will, muss sie im Gespräch bleiben.»