Wahlen in Grossbritannien

«Erstmals ist Optimismus spürbar»

Entgegen dem europäischen Trend haben die Briten mit Keir Starmer einen gemässigten Politiker zum neuen Premier gewählt. Hoffnung in die neue Führungspersönlichkeit setzt Manuel Zimmermann Grey, Pfarrer für die Swiss Church in London.

Gilt als volksnah: Der neue Premier Keir Starmer mit seiner Frau Victoria lässt sich von Labour-Anhängern feiern. (Bild: Hugo Philpott/ Keystone Newscom)

Herr Zimmermann Grey, die Briten haben ein neues Parlament gewählt. Wie erleben Sie die Stimmung nach den Wahlen? 
Heute Morgen in der U-Bahn sahen die Leute noch gleich aus. Im Gespräch mit den Menschen wird aber klar: Es wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Nach 14 Jahren, in denen die Tories regierten, verfliegt der Zynismus. Erstmals sind wieder Hoffnung und Optimismus spürbar. Die Stimmung ist überaus positiv.

Wie ist der Erdrutschsieg von Labour einzuordnen? 
Die Wählerinnen wollten nicht mehr weitermachen wie bisher. Der Wahlspruch von Labour ist «Change». Die Partei steht für Veränderung. Auch sie selbst hat sich verändert, sie ist von links ins Zentrum gerückt. Die extreme Rechte hat weniger Sitze geholt als befürchtet. Der neue Premier Keir Starmer ist das Gegenteil von dem, was Boris Johnson verkörperte. Johnson war ein Showman. Starmer steht dagegen für Ernsthaftigkeit und Verlässlichkeit. Er ist ein Vertreter der Arbeiterklasse und hat ein Gespür für die Alltagssorgen der Menschen. Interessant finde ich auch, dass sich Grossbritannien im europäischen Kontext antizyklisch verhält. In Deutschland, Frankreich und Italien erstarkt die Rechte. Den Briten könnte geopolitisch als moderate Stimme eine wichtige Rolle zukommen.

Welche Probleme muss Starmer Ihrer Ansicht nach prioritär lösen?
Ich hoffe, dass er in der Klimapolitik einen gesunden Menschenverstand hat, konkret: keine neuen Ölförderlizenzen in der Nordsee vergibt und in saubere Infrastruktur investiert. Zudem braucht es mehr bezahlbaren Wohnraum und ein Ende der Lebensunterhaltskrise. Das Land sehnt sich nach Führungspersönlichkeiten, die mit ihrem Verhalten beweisen, dass sie würdig sind, ein Land zu leiten. Das erwarte ich.

Zur Person

Manuel Zimmermann Grey hat an der Universität Bern evangelische Theologie studiert. Er war Barkeeper und ist Armeeseelsorger. Der 29-Jährige ist mit der britischen Theologin Carmody Grey verheiratet. Seit November 2023 lebt Zimmermann Grey mehrheitlich in der britischen Hauptstadt und «verfolgt die britische Politik intensiver als die Schweizer».

Zimmermann Grey übernimmt die Aufgabe als Pfarrer bei der Swiss Church offiziell im September 2024, wird aber schon von Carla Maurer eingearbeitet. Maurer war elf Jahre lang Pfarrerin für die Swiss Church in London. Sie ist offiziell noch bis Ende Juli 2024 angestellt und zieht im Sommer zurück in die Schweiz, wo sie als reformierte Pfarrerin in Adliswil im Zürcher Sihltal arbeiten wird.

Die Schweizer Kirche in London gilt als älteste Schweizer Kirche im Ausland. Die Swiss Church dient als Treffpunkt für Auslandsschweizerinnen. Im Vereinigten Königreich leben etwa 40’000 Menschen mit Schweizer Pass. (jow)

Sie arbeiten vorübergehend als Pfarrer in der Swiss Church in London. Welche Auswirkungen hat die Wahl auf Ihre Stelle?
Zu unseren Aufgaben gehört auch, Obdachlose zu unterstützen. Wir spüren bei diesen Programmen seit längerem eine deutlich steigende Nachfrage. Nun ist unsere Hoffnung, dass diese sinkt. Dazu soll die neue Regierung beitragen.

Welche Aufgaben möchten Sie als Erstes anpacken?
Ich möchte mich in die Kunst- und Diakonieprogramme der Swiss Church einbringen. Gleichzeitig werde ich mich um die Sonntagsgemeinde kümmern. Der Abschied von Carla Maurer ist eine grosse Veränderung. Damit sind wir aber vertraut, nur dank unserer Anpassungsfähigkeit gibt es uns bei der Swiss Church noch.

Zum Schluss eine sportliche Frage: Am Wochenende spielt die Schweizer Fussballnationalmannschaft an der Europameisterschaft gegen England. Wer gewinnt? 
Der Schweizer Botschafter in London hat auf ein 2:1 für die Schweiz getippt. Ich sage, es steht 1:1 nach der Verlängerung und geht dann in ein Penalty-Schiessen – das die Schweiz gewinnt.