«Gewalt gegen Sexarbeiterinnen hat in der Illegalität zugenommen»

Nach dem ersten Corona-Lockdown im vergangenen Jahr suchten viele Sexarbeiterinnen Hilfe bei der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). Sie habe in der Pandemie viel menschliches Leid, aber auch eine grosse Solidarität der Gesellschaft miterlebt, sagt Geschäftsführerin Lelia Hunziker.

Lelia Hunziker leitet die Zürcher Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). (Bild: ZVG)

Frau Hunziker, eine Abteilung Ihrer Fachstelle musste 2020 fast doppelt so viele Menschen beraten wie im Jahr zuvor. Viele davon waren Sexarbeiterinnen. Wie ist es diesen Frauen im Coronajahr ergangen?
Die Pandemie hat viele Sexarbeiterinnen an den Rand der Existenz gedrängt. Viele dieser Frauen leben ohnehin oft in prekären Verhältnissen und haben weder Erspartes noch Bekannte, die ihnen helfen könnten. Der erste Lockdown im März und das damit verbundene Arbeitsverbot trafen sie deshalb mit voller Wucht. Von einem Tag auf den anderen standen sie ohne Arbeit da. Hinzu kam die Sorge um die eigene Gesundheit und die der Familienangehörigen. Die Verunsicherung war riesig.

Wie reagierten die Frauen auf diese Situation?
An staatliche Hilfe wie Erwerbsausfallsersatz oder Sozialhilfe zu kommen, war für die meisten Frauen mit Hürden verbunden. Denn viele wohnen nur temporär in der Schweiz und arbeiten im 90-Tage-Meldeverfahren. Manche haben keine Bewilligung. Aber selbst wo Anspruch auf Sozialhilfe bestand, scheuten sie oft den Gang aufs Sozialamt, weil dies ausländerrechtliche Konsequenzen haben kann. So können die Behörden unter Umständen die Niederlassungsbewilligung auf eine Aufenthaltsbewilligung zurückstufen, oder die Aufenthaltsbewilligung nicht verlängern, wegen Sozialhilfeabhängigkeit. Damit verlieren die Menschen ihr Recht, in der Schweiz zu leben. Zudem wollten sich die Frauen in ihrer Gemeinde nicht als Sexarbeitende outen, weil dies immer noch mit Stigmatisierung verbunden ist.

Welche Alternativen hatten die Frauen?
Einige reisten zurück in ihr Herkunftsland, sobald dies wieder möglich war. Denn zeitweise waren die Grenzen ja geschlossen. Für andere war aber auch das keine Lösung, weil sie ja in die Schweiz gekommen sind, um ihre Familien zuhause zu unterstützen. Für sie blieb oft nur der Ausweg, in der Illegalität weiterzuarbeiten – mit all den damit verbundenen Risiken.

«Während Dienstleistungen wie Massage oder Physiotherapie erlaubt waren, wurde die Sexarbeit in einigen Kantonen verboten. Hier wurde ideologisch und moralisch argumentiert.»

Welche sind das?
Illegalität erhöht das Risiko von Gewalt und Ausbeutung der Sexarbeitenden massiv. Eine Person, die illegal arbeitet, ist gegenüber dem Kunden in einer schlechten Verhandlungsposition. Das kann ausgenutzt werden, um den Preis zu drücken oder ungeschützten Verkehr zu verlangen. Aus einem Bericht unserer Dachorganisation Procore wissen wir, dass in Kantonen mit einem Verbot von Sexarbeit die Zahl der Schwangerschaften und der sexuell übertragbaren Krankheiten angestiegen ist. Auch Gewalt und Aggressionen haben zugenommen.

War es falsch, die Sexarbeit zu verbieten?
Die Pandemie muss eingedämmt werden und Massnahmen sind nötig. So war es nachvollziehbar, dass im ersten Lockdown neben allen Dienstleistungen mit engem Körperkontakt auch die Sexarbeit verboten wurde. Als in der zweiten Welle im Herbst die Kantone die Regie über die Massnahmen übernahmen, kam es jedoch zu einer krassen Ungleichbehandlung. Während Dienstleistungen wie Massage, Physiotherapie oder Kosmetik erlaubt waren, wurde die Sexarbeit in einigen Kantonen verboten. Das war nicht faktenbasiert, sondern es wurde ideologisch und moralisch argumentiert.

Ist das Risiko, sich beim Sex mit dem Coronavirus zu infizieren, nicht höher als bei der Maniküre?
Es gibt keinerlei Belege oder Daten dafür, dass Sexarbeit ein Treiber der Pandemie ist. Zudem existiert für die Erotikbranche ein Schutzkonzept, das auch eingehalten wird, solange Sexarbeit legal ist, die Sexarbeitenden selbstbestimmt arbeiten können und Kontrollen durch die Behörden möglich sind.

«Die Öffentlichkeit hat wahrgenommen, dass Sexarbeit eine Arbeit ist und viele Existenzen daran hängen – nicht nur die der Sexarbeitenden selbst, sondern auch jene ihrer Familien.»

Wie konnte die Fachstelle den betroffenen Sexarbeiterinnen in der Krise konkret helfen?
Zum einen haben wir sie darüber informiert, welche staatlichen Unterstützungsleistungen ihnen zustehen. Als die Sexarbeit im Juni wieder erlaubt wurde, mussten wir sie zudem über die Handhabung der Schutzmassnahmen informieren. In der zweiten Welle riefen uns dann viele Sexarbeitende an, weil sie nicht wussten, welche Bestimmungen in welchem Kanton galten. Das war ein regelrechter Flickenteppich. Als Kantonsrätin bin ich eigentlich vertraut mit amtlichen Bestimmungen. Aber selbst für mich war es eine Herausforderung, den Durchblick zu behalten.

Die FIZ

Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) setzt sich für die Rechte von Migrantinnen ein, die von Gewalt und Ausbeutung betroffen sind. Laut Jahresbericht meldeten sich in der Beratungsstelle für Migrantinnen, einem der drei Bereiche der FIZ, im Coronajahr 2020 über 700 Ratsuchende – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Neben der Beratungsstelle unterhält die FIZ zudem die Bereiche Opferschutz Menschenhandel sowie Fachwissen und Advocacy. Die FIZ wird massgeblich von der Reformierten Kirche Kanton Zürich, der katholischen Landeskirche des Kantons Zürich und dem Katholischen Stadtverband Zürich unterstützt. (no)

Leistete die Fachstelle auch finanzielle Hilfe?
Zu Beginn der Pandemie haben wir eine Nothilfe eingerichtet und niederschwellig kleinere Beträge zwischen 200 und 500 Franken ausgezahlt. Es wurde aber schnell klar, dass wir die Situation nicht allein auffangen konnten. In Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen haben wir daher Anfang April des vergangenen Jahres eine vom Bundesamt für Gesundheit unterstützte nationale Koordinationsstelle ins Leben gerufen. Dabei haben wir eine schweizweite Spendenaktion lanciert, um einen Notfonds einzurichten. Zudem bekamen wir Unterstützung von der Glückskette. So konnten wir in den letzten Monaten zahlreiche Sexarbeitende mit Nothilfe, Beratungen, Lebensmitteln, Medikamenten und Notunterkünften unterstützen.

Hat sich die Wahrnehmung der Sexarbeit durch die Pandemie verändert?
Ja, diesen Eindruck habe ich. Bei unserem Spendenaufruf haben wir gespürt, dass die gesellschaftliche Solidarität gross ist. Gefreut hat mich speziell, dass die Sexarbeit in der Berichterstattung oft im Zusammenhang mit anderen von der Pandemie betroffenen Branchen wie der Gastrobranche erwähnt wurde. Die Öffentlichkeit hat wahrgenommen, dass Sexarbeit eine Arbeit ist und viele Existenzen daran hängen – nicht nur die der Sexarbeitenden selbst, sondern auch jene ihrer Familien. Die Solidarität stärkte uns auch darin, die Rechte der Sexarbeiterinnen einzufordern, statt mit Verboten die Prekarität zu erhöhen.