Im Ausland ausgebeutet, in der Schweiz schutzlos

Opfer von Menschenhandel im Asylbereich erhalten in der Schweiz nur eingeschränkten Zugang zum Opferschutz. Ein Projekt der Zürcher Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration soll dies nun ändern.

Frauen, die im Ausland sexuell ausgebeutet wurden und in der Schweiz Zuflucht suchen, erhalten oft keine angemessene Hilfe. (Symbolbild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Die Geschichte von Ayana (Name geändert) ist typisch für Opfer von Menschenhandel. Am Anfang steht meist ein Versprechen. Bei Ayana war es ein Bekannter in ihrem Herkunftsland Äthiopien, der ihr einen Job in Europa in Aussicht stellte. Die junge Frau, die ein Kind zu ernähren und ihre Eltern zu unterstützen hatte, willigte ein.

Auf dem Luftweg wurde Ayana nach Mailand geschleust. Dort erlebte sie eine böse Überraschung. Die Männer, die sie in Empfang nahmen, zwangen sie, auf dem Strassenstrich anzuschaffen. Der Vorwand: Sie müsse die Schulden für die Reisekosten abarbeiten. Als Ayana sich weigerte, schlugen und vergewaltigten sie sie. Schliesslich gelang ihr die Flucht in die Schweiz.

Die Leidensgeschichte von Frauen wie Ayana ist damit aber meist nicht zu Ende. Betroffene von Menschenhandel, die hierzulande Zuflucht suchen, geniessen nur eingeschränkten Opferschutz. Der Grund: Das Opferhilfegesetz sieht nur dann eine Unterstützung vor, wenn die Tat in der Schweiz passiert ist.

Die Schweiz handelt damit gegen die Konvention des Europarats gegen Menschenhandel. Diese sieht vor, dass ein Staat alle Opfer von Menschenhandel angemessen schützen muss – unabhängig davon, wo die Ausbeutung stattgefunden hat. Besonders schwierig ist die Situation für Betroffene, die über ein Dublin-Land in die Schweiz gelangt sind. Ihnen droht gemäss Dublin-Verfahren die baldige Überstellung in das Erstaufnahmeland – und damit nicht selten zurück in die Hände ihrer Peiniger.

Lücke in der Opferhilfe schliessen

Diesen Misstand will die Zürcher Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) beseitigen. Die Organisation setzt sich für Menschen ein, die in der Schweiz oder im Ausland Ausbeutung erfahren haben.

Finanziert von den beiden Zürcher Landeskirchen hat die Fachstelle nun ein Projekt aufgegleist, das einen umfassenden Schutz auch für Betroffene im Asylbereich sicherstellen soll. Ziel ist es unter anderem, die Lücke im Opferhilfegesetz zu schliessen. So sollen Betroffene, die im Ausland ausgebeutet wurden und sich in der Schweiz in einem Asylverfahren befinden, künftig vollen Zugang zum Opferschutz haben.

Ausgebeutete Frauen wie Ayana seien oft schwer traumatisiert, sagt Doro Winkler von der FIZ. Sie benötigten Schutz und eine intensive medizinische und psychologische Betreuung. Dies könne jedoch nur unvollständig geleistet werden, solange die Frauen im Asylverfahren seien. «Derzeit werden den Betroffenen da noch viele Hürden in den Weg gestellt», sagt Winkler. So sei es vorgekommen, dass Opfer bereits wieder ausgeschafft worden seien, bevor sie die nötige Hilfe erhalten hätten.

Betreuung im Eilverfahren

Die Fachstelle fordert deshalb unter anderem, dass Opfer von Menschenhandel im Asylverfahren denselben Opferschutz erhalten wie andere Betroffene. «Dazu gehört unter anderem eine dreissigtägige Zeitspanne, in der sich das Opfer erholen und stabilisieren kann, und zwar mithilfe von spezialisierter Unterstützung», sagt Winkler.

Sie kritisiert, dass der Bund das Asylverfahren prioritär behandelt, statt auf die Menschenrechtsverletzung angemessen zu reagieren. Das am 1. März in Kraft getretene beschleunigte Asylverfahren erschwere die Betreuung der Betroffenen zusätzlich. «Die kurzen Fristen machen eine Unterstützung sehr schwierig», sagt Winkler. Eine Betreuung sei aufwendig. «Die betroffenen Frauen brauchen Zeit, um Vertrauen aufzubauen und ihre Geschichte zu erzählen».

Zudem sei es wichtig, die Gefahrenlage abzuklären und zum Beispiel herauszufinden, ob Familienangehörige im Herkunftsland bedroht würden. Bei Dublin-Fällen müsse ausserdem sichergestellt werden, dass die Betroffenen nach ihrer Ausschaffung nicht gleich wieder in der Ausbeutung landeten.

Kantone sollen zahlen

In der Schweiz sind die Kantone für den Opferschutz zuständig. Sie sollen künftig auch für die Betreuungskosten von Opfern aus dem Asylbereich aufkommen, fordert die Fachstelle. «Wir haben es mit zwei Hürden zu tun: Zum einen handhabt der Bund das Asylverfahren sehr strikt, und zum andern sind die Kantone nicht bereit, für die Betreuungskosten zu zahlen, wenn der Ausbeutungstatort im Ausland liegt», sagt Winkler.

Bei der Äthiopierin Ayana konnte die Fachstelle zwar die Unterbringung in eine ihrer Schutzwohnungen erwirken. Die Kosten dafür musste die FIZ aber selbst berappen. Dank dem neuen Projekt konnte sie das. «Auf unsere Anfrage beim Kanton sagte man, die Frau könne doch auch im Asylzentrum wohnen bleiben», so Winkler.

Bund will tätig werden

Immerhin: Bund und Kantone suchen inzwischen nach Möglichkeiten, ihren internationalen Verpflichtungen nachzukommen. Im Rahmen seines nationalen Aktionsplans gegen Menschenhandel will der Bund unter anderem auch den Opferschutz im Asylbereich verbessern.

Auch bei der Sozialdirektorenkonferenz der Kantone bemüht man sich um eine Lösung. So sollen bis 2022 Strategien entwickelt werden, um im Ausland ausgebeutete Opfer von Menschenhandel besser zu unterstützen. Für Frauen wie Ayana, die sich derzeit im Dublin-Verfahren befinden, dürften diese Massnahmen aber zu spät kommen.