Gedenk- und Erinnerungsort für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen
«Ein wichtiger symbolischer Akt»
Auf den ersten Blick sieht es wie ein Sternenhimmel aus, doch die Realität dahinter ist düster: Jeder der insgesamt 10‘826 Punkte auf den schwarzen Wänden steht für ein Einzelschicksal. So viele Menschen haben bis im Sommer 2024 vom Bund einen Solidaritätsbeitrag erhalten, weil sie als Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen Leid und Unrecht erfahren haben.
Die Installation ist Teil einer Ausstellung, mit der das Bernische Historische Museum auf das Schicksal Zehntausender, vielleicht Hundertausender Menschen aufmerksam machen möchte. Diese wurden in Heimen und Anstalten untergebracht, als Verdingkinder auf Bauernhöfen ausgebeutet oder zwangsadoptiert. Noch bis in die frühen 1980er Jahre hielt diese Praxis in der Schweiz an.
Im Vorfeld der Ausstellung hatten Betroffene an zwei Aktionstagen die Gelegenheit, ihren Namen neben die weissen Punkte zu schreiben. Bereits mehr als zweihundert Unterschriften stehen schon an den Wänden, wie Kuratorin Tanja Rietmann auf Anfrage von ref.ch berichtet. Für die Betroffenen sei es ein bewegender Moment gewesen. «Viele waren zu Tränen gerührt. Für sie war es ein wichtiger symbolischer Akt.»
Lange stiessen die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen auf Unglauben und Unverständnis. Erst 2010 entschuldigte sich die damalige Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf für das Leid, das den administrativ versorgten Personen angetan worden war. 2013 folgte die Entschuldigung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei allen Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Mit der Installation «Namen gegen das Vergessen» will das Historische Musem verhindern, dass diese Schicksale in Vergessenheit geraten. «Gemeinsam haben wir einen Gedenk- und Erinnerungsort geschaffen – der erste schweizweit», sagt Rietmann.
Die Wanderausstellung «Vom Glück vergessen – Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in der Schweiz» war bereits in verschiedenen Kantonen unterwegs und wurde nun für den Kanton Bern überarbeitet. Sie ist vom 20. Februar 2025 bis 11. Januar 2026 im Bernischen Historischen Museum zu sehen. Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen können sich weiterhin melden, um ihren Namen auf der Installation «Namen gegen das Vergessen» anzubringen. (no)
Am 20. Februar öffnet die Ausstellung ihre Türen für die Öffentlichkeit. Neben der Installation im Eingangsbereich können Besucherinnen unmittelbar in die Lebenswelten von fünf Betroffenen eintauchen. Deren Geschichten werden in Hörstücken vorgestellt. Dazu hat die Ostschweizer Szenographin Karin Bucher Räume aus Karton gestaltet, die ausgewählte Alltagssituationen zeigen – etwa eine Küche, Waschräume oder eine Strafzelle in einer Arbeitsanstalt. Ergänzend können die Besucher in Aktenstücken blättern.
Tanja Rietmann hofft, dass die Ausstellung dazu beiträgt, dieses düstere Kapitel Zeitgeschichte im kollektiven Gedächtnis zu verankern. «Wir haben zu lange geschwiegen und den Betroffenen dadurch einen wichtigen Teil ihrer Identität genommen», sagt sie.