Fürsorgerische Zwangsmassnahmen

Die verstossenen Kinder

Jahrzehntelang sind in der Schweiz Kinder im Namen der Fürsorge fremdplatziert worden. Die Illustratorin Simone Stolz nähert sich diesen Schicksalen in einer Graphic Novel auf feinfühlige Weise an.

Bis in die frühen 1980er-Jahre wurden in der Schweiz zehntausende Kinder auf behördliche Anordnung ihren Familien weggenommen und in Heimen untergebracht. Dort erwartete sie ein Leben voller Entbehrungen: Harte Arbeit, brutale Erziehungsmethoden und religiöser Drill gehörten zur Tagesordnung. Eine traumatische Erfahrung, die das Leben der Betroffenen prägte. Vielen Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen fällt es bis heute schwer, darüber zu sprechen.

Die Winterthurer Illustratorin Simone Stolz hat sich in einer Graphic Novel den Lebensgeschichten von fremdplatzierten Kindern angenähert. Dafür hat sie mit Betroffenen gesprochen und ehemalige Kinderheime besucht. «Dazwischen die Einsamkeit» dokumentiert Erinnerungen an den Heimalltag und verwebt sie mit Eindrücken von den heutigen Schauplätzen. Nur diese sind farbig gestaltet – die Erinnerungen hingegen erscheinen in monochromem Blau. Das Leben im Heim sei dunkel und eintönig gewesen, sagt MarieLies, eine der Betroffenen, deren Geschichten erzählt wird.

Die Zeichnungen sind zurückhaltend und vielleicht gerade deshalb berührend. Die tägliche Gewalt in den Heimen wird nur angedeutet. Stattdessen rückt die Perspektive der Kinder in den Mittelpunkt: Ihre Ängste, ihre Sehnsüchte und vor allem ihre Einsamkeit. «Ich war nicht nur alleine. Es war eine tiefe Verlassenheit und Verlorenheit», erzählt eine Betroffene. Manche von ihnen hofften noch jahrelang vergeblich darauf, dass ihre Eltern eines Tages zurückkehren und sie abholen würden.

Der Alltag in den Heimen war streng geregelt, es herrschte das Gebot «Beten und Arbeiten». Die Kinder wurden zur Landarbeit gezwungen, sie mussten Jäten, Putzen, Waschen. Verstösse wurden mit Schlägen, Essensentzug und Kahlrasur bestraft. Oder man sperrte die Kinder tagelang in den dunklen Estrich, zusammen mit Wanzen und anderem Ungeziefer.

Im Heim mussten die Kinder lernen, auf sich allein gestellt zu sein. Liebe, Trost oder Geborgenheit erfuhren sie nicht. Der Alltag war freudlos und liess für Spiel und Vergnügen keinen Raum. An manchen Orten herrschte ein Regime von «Zuckerbrot und Peitsche». Für zehn gejätete Pflanzen habe es jeweils ein «Zältli» gegeben, erinnert sich eine Betroffene im Buch – allerdings nur unter der Bedingung, dass die Kinder bis zu nächsten Morgen kein Wort mehr sprachen.

Viele Kinder und Jugendliche erlitten in den Heimen und Erziehungsanstalten sexuellen Missbrauch. Simone Stolz’ Bleistiftzeichnungen lassen den Horror erahnen, ohne ihn explizit zu zeigen. In der von katholischen Ordensmänner geleiteten Erziehungsanstalt Bad Knutwil im Kanton Luzern wurden die Jungen nachts aus ihren Zimmern geholt. Im Flur mussten sie sich vor dem Priester aufreihen, der in seiner Hand die Gebetskette drehte. «Noch heute höre ich den Rosenkranz», erinnert sich ein Betroffener.

Manche zerbrachen am Heimalltag und begingen Suizid. Gegen aussen wurde darüber ein Mantel des Schweigens gelegt. Andere suchten ihr Glück in der Flucht, wie etwa Mario, ein weiterer Protagonist im Buch. In der Bibliothek stiess er auf eine Ausgabe der berühmten Fluchtgeschichte «Papillon». Er tätowierte sich den Schmetterling als Symbol der Freiheit auf den Unterarm. «Wir schafften es bis Paris. Wie der Papillon», erinnert er sich. Dort aber endete die Flucht abrupt. Die beiden Knaben wurden geschnappt und zurück ins Heim gebracht.

Heute erinnert nicht mehr viel an das Leid in den Anstalten. Die Einrichtungen wurden längst geschlossen oder zu Schulen, Stiftungen und Jugenddörfern umfunktioniert. Beinahe idyllisch wirken die Gebäude in der blühenden Landschaft. «Dazwischen die Einsamkeit» trägt dazu bei, die Erinnerung daran wachzuhalten, was sich hinter diesen Mauern abgespielt hat. Und zu verhindern, dass die Betroffenen durch das Vergessen weiteres Unrecht erfahren.

Simone Stolz: «Dazwischen die Einsamkeit». Edition Clandestin, Biel 2025; 264 Seiten; 45 Franken.

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