«Für diese Menschen ist die Krise noch lange nicht vorbei»

Trotz staatlicher Hilfspakete und Lockerungen der Corona-Restriktionen bringt die aktuelle Situation einige Menschen in existentielle Schwierigkeiten. Vor allem Sans-Papiers sind betroffen, aber auch Prostituierte stehen ohne Einkommen vor dem Nichts. Einige Projekte leisten Nothilfe – mit Unterstützung der Kirchen.

In Genf stehen Menschen stundenlang für Essenspakete an. Viele davon sind Sans-Papiers. (Bild: Keystone/Stephan Torre)

Die Bilder überraschten: Unzählige Menschen standen in Genf stundenlang an, um Gratis-Lebensmittel zu ergattern. So grosse Armut, in der Schweiz? Doch gerade Sans-Papiers gerieten durch die Corona-Massnahmen in Bedrängnis, sagt Lisandro Nanzer von «Permanences volantes», einem Projekt von Heks in Genf. Die Organisation informiert seit zehn Jahren Sans-Papiers in der jeweiligen Muttersprache über ihre Rechte und Möglichkeiten. Die meisten ihrer Klienten stammten aus Südamerika, sagt Nanzer. Aber sie berieten auch viele Menschen aus der Mongolei und den Philippinen.

Auch Schweizer melden sich

Während der Corona-Pandemie hat «Permanences volantes» eine Telefonhotline eingerichtet. Diese lief schnell heiss, 80 bis 100 Anrufe bekämen er und sein Team jeden Tag, erzählt Nanzer. Denn ganz viele Menschen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung hätten ihre Jobs verloren und hätten keinen Zugang zu staatlicher Unterstützung. Die meisten verfügten auch über keine Ersparnisse, da Sans-Papiers oft wenig verdienen und ihrer Familie Geld schicken.

Zudem hätten sich plötzlich auch Menschen gemeldet, die eigentlich eine Aufenthaltsbewilligung oder sogar einen Schweizer Pass haben, berichtet Lisandro Nanzer. Diese Menschen fürchteten den Gang zum Sozialamt, weil dieser Prozess sehr bürokratisch sei und lange dauere. Oder sie hätten Angst um ihre Aufenthaltsbewilligung.

Mehr finanzielle Unterstützung

Auch Karin Jenni von der Sans-Papiers-Beratungsstelle in Bern hat eine Zunahme der Anfragen festgestellt. «Die Menschen waren kurz davor, ihre Wohnung zu verlieren, sie hatten kein Essen mehr», beschreibt sie die Situation. Deshalb habe die Beratung nicht mehr gereicht. «Wir mussten reagieren und haben Spenden gesucht. Damit können wir nun Nothilfe leisten».

In Bern sei die Not aber weniger sichtbar als in Genf. Dort lebten zum einen mehr Sans-Papiers, zum anderen sei der Umgang mit ihnen anders. Sans-Papiers seien in Genf einfach präsenter, glaubt Jenni.

Grosse Not auf der Langstrasse

Nathalie Dürmüller, Pfarrerin im Kirchenkreis zehn in Zürich, suchte einen Weg, wie sie und ihre Gemeinde diese Menschen in Not unterstützen können. Schliesslich kam in ihrem Team die Idee auf, mit Schwester Ariane Stöcklin zusammenzuarbeiten. Diese verteilt gemeinsam mit Freiwilligen Mahlzeiten und Lebensmitteltaschen auf der Langstrasse in Zürich.

Nun sammeln Dürmüller und ihre Kollegen in ihrer Gemeinde Esswaren. «In einer Woche haben wir schon um die 60 Taschen gesammelt. Das freut uns natürlich sehr.» Diese Unterstützung sei dringend nötig, denn am Anfang der Corona-Krise hätten Schwester Ariane und ihre Helfer 50 Mahlzeiten pro Tag ausgegeben, jetzt seien es schon 250. Die Zahl der verteilten Lebensmittelpakete sei von 70 pro Woche auf über 800 gestiegen.

«Man muss es selbst gesehen haben»

Die Pfarrerin hat Schwester Ariane einmal bei ihrem Einsatz begleitet. «Man muss es selbst gesehen haben. Ich konnte fast nicht glauben, dass so viele Leute bereit sind, so lange für eine Mahlzeit anzustehen.» Es seien viele Obdachlose und Prostituierte dabei, die oft von der Hand in den Mund gelebt hätten. Für diese Menschen werde die Krise immer schlimmer, je länger sie andaure. Denn viele könnten jetzt nicht einfach aufs Sozialamt gehen. Zudem dürften Sexarbeiterinnen noch nicht arbeiten.

Auch Lisandro Nanzer glaubt, dass die Krise gerade für die Sans-Papiers noch nicht ausgestanden ist. Denn die Lockerungen der Corona-Massnahmen erfolgten Schritt für Schritt, viele könnten nicht sofort zu ihrer Arbeitsstelle zurückkehren. Ihre Arbeitgeber würden noch abwarten. Ausserdem hätten sich viele Sans-Papiers verschuldet und müssten diese Kredite auch wieder zurückbezahlen.

Keine Lobby

Sans-Papiers, Obdachlose und Prostituierte brauchen deshalb wohl noch einige Zeit Unterstützung. Nathalie Dürmüller fragt sich dabei, warum hier nur private Initiativen einspringen. Der Sport und die Wirtschaft würden schliesslich auch Millionen erhalten. «Aber diese Menschen, die hier Essen holen müssen, sind wohl oft unsichtbar. Sie haben schlicht keine Lobby.»