«Der Tod ist in der Krise präsenter geworden»

In der Corona-Krise müsse die Kirche vor allem für die Menschen da sein, findet die Küsnachter Pfarrerin Judith Bennett. Während des Shutdowns hat sie in ihrer Kirchgemeinde deshalb eine telefonische Seelsorge gestartet. Das Fehlen sozialer Kontakte sei nicht nur für alte Menschen ein Problem, sagt sie im Interview.

Die reformierte Pfarrerin Judith Bennett hat seit Beginn der Krise rund 200 Seelsorge-Gespräche geführt. (Bild: ZVG)

Frau Bennett, die Corona-Pandemie hat auch Ihren Alltag als Seelsorgerin verändert. Wie erreichen Sie die Menschen, die nun Hilfe benötigen?
Es stimmt, der Shutdown hat meinen Alltag komplett umgekrempelt. Den Grossteil meines Arbeitstages verbringe ich nun mit Kopfhörern zuhause und telefoniere. Insbesondere Angehörige von Risikogruppen sind in der Krise sozial isoliert. Ich rufe sie an und biete ihnen ein Gespräch an. Bis heute habe ich rund 200 Telefonate geführt.

Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?
Ich habe mir überlegt, wer am dringendsten Hilfe benötigt. Dazu gehören vor allem die alten Menschen zuhause und in den Heimen. Ausserdem bin ich die Beerdigungen der letzten Jahre durchgegangen, um zu sehen, wer jetzt allein ist. Wichtig sind mir auch die Menschen, die während der Krise jemanden verloren haben und aufgrund der Schutzmassnahmen nicht mehr richtig Abschied nehmen konnten. Oder jüngere Menschen, von denen ich weiss, dass sie psychisch instabil sind.

Wie läuft so ein Gespräch ab?
Zuerst erkundige ich mich danach, wie es einer Person geht. Viele sagen dann, alles sei gut. Gerade alte Menschen haben ja oft das Gefühl, nicht klagen zu dürfen. Das hat sich in der Krise sogar noch verstärkt. Es ist deshalb wichtig, dass ich nachhake. Ich frage die Person dann zum Beispiel, ob ihr nicht die Decke auf den Kopf falle. Manchmal sind mehrere Gespräche nötig, bis sich jemand öffnet. Und das gemeinsame Lachen, auch am Telefon, kann so Vieles lösen und für einen Moment auflockern.

Alte Menschen müssen zurzeit auf soziale Kontakte verzichten. Wie stark belastet sie das?
Wie alte Menschen mit der Situation umgehen, ist sehr individuell. Einige haben mit der Isolation überhaupt kein Problem. Sie leben schon länger allein und sind entsprechend gut organisiert. Andere fühlen sich hingegen eingesperrt und haben Mühe damit, nicht mehr selbstständig einkaufen zu dürfen. Sie getrauen sich auch nicht mehr nach draussen, weil sie dort komisch angeschaut werden. Wieder andere achten bei ihrem täglichen Spaziergang darauf, nicht gesehen zu werden.

Fühlen sich alte Menschen in dieser Zeit einsam?
Ja, Einsamkeit kann ein Problem sein. Zum Beispiel habe ich Kontakt zu einer Frau, die ihren Mann im Altersheim nicht mehr besuchen darf. Vor der Krise hat sie ihn noch täglich gesehen. Die Umstellung belastet sie sehr. Plötzlich vom Partner abgeschnitten zu sein, löst ein starkes Gefühl der Ohnmacht aus. Schwer haben es auch Menschen, die ihren Partner erst kürzlich verloren haben und sich nun in der Krise aufs Alleinsein einstellen müssen.

Wie können Sie als Seelsorgerin helfen?
Für viele Menschen ist es wichtig zu merken, dass jemand für sie da ist. Als Seelsorgerin kann ich helfen, eine als unerträglich empfundene Situation zu benennen. Das ist dann oft der erste Schritt, um die Situation besser auszuhalten. Wenn ich merke, dass es einer Person schlecht geht, melde ich mich zudem regelmässig bei ihr.

Welche Rolle spielt die Angst vor Krankheit und Tod?
Auch das ist individuell. Die meisten alten Menschen fühlen sich zuhause sicher. Einige haben aber Angst davor, sich anzustecken und möglicherweise schwer zu erkranken. Allgemein ist der Tod präsenter als vor der Krise. Viele ältere Leute beschäftigen sich jetzt intensiver damit. Sie machen sich Gedanken über ihre Patientenverfügung oder darüber, ob sie beatmet werden wollen oder nicht. Eine Frau sagte mir kürzlich, sie habe den Wunsch, dass im Ernstfall eine jüngere Person an ihrer Stelle ans Beatmungsgerät dürfe.

Trifft die Krise auch andere Bevölkerungsgruppen, wie Familien oder jüngere Menschen?
Sicher leiden auch Menschen in anderen Bevölkerungsgruppen. Besonders betroffen sind Singles, Alleinerziehende und Asylsuchende. Zum Beispiel habe ich mit zwei Singlefrauen Kontakt, die darunter leiden, dass das Zusammenkommen mit Freunden wegfällt und sich nun für diese Zeit zu ihren Eltern zurückgezogen haben. Auch bin ich im Gespräch mit einer alleinerziehenden Mutter, die in dieser Situation noch mehr realisiert, dass sie alle Entscheidungen allein fällen und sich durchsetzen muss. Und dass die Gesprächspartner hauptsächlich ihre Kinder und keine Erwachsenen sind.

Mit der Telefonseelsorge erreichen Sie nicht alle Menschen in der Gemeinde. Was ist mit denen, die zu krank sind und nicht mehr selber telefonieren können?
Das ist ein Problem. Im Altersheim kenne ich eine Frau, die starke Schmerzen hat und deshalb nicht telefonieren kann. In solchen Fällen schreibe ich zum Beispiel eine Karte und wünsche viel Kraft.

Was kann die telefonische Seelsorge nicht leisten?
Die Telefonseelsorge kann die physische Nähe bei einem persönlichen Gespräch nicht ersetzen. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass man am Telefon nicht schweigen oder Pausen einlegen kann. Das wirkt irgendwie komisch. Ich spreche auch keine Gebete, erwähne aber manchmal, dass ich eine Person in mein Abendgebet einschliessen werde. Manchen Menschen fällt es zudem schwer, sich am Telefon zu öffnen und über ihre Gefühle zu reden.