EKS-Synode
Reformierte initiieren möglicherweise doch eine Missbrauchsstudie
Ja, nein, vielleicht, oder doch alles ganz anders? Noch vor einem Jahr hatten sich die Delegierten der reformierten Landeskirchen an der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) gegen die Durchführung einer nationalen Dunkelfeldstudie zu Missbrauch ausgesprochen (ref.ch berichtete). Sie setzten damals allerdings eine Arbeitsgruppe ein, die das Thema vertiefen sollte.
Nun könnte es doch eine reformierte Studie geben, die beleuchtet, ob und in welchem Rahmen es in der reformierten Kirchenlandschaft zu Missbrauch gekommen ist. Die Arbeitsgruppe sei zum Schluss gekommen, dass es angebracht sei, eine eigene, partizipative Studie zu initiieren, sagte EKS-Präsidentin Rita Famos anlässlich der Sommersynode in St. Gallen.
Synode entscheidet im November
Das Ziel sei, eine möglichst grosse Teilnahme kirchlicher Akteure zu erreichen und ein vertieftes Verständnis zu gewinnen über die Dynamiken und Strukturen, die sexuellen, körperlichen oder spirituellen Missbrauch ermöglichten oder verhinderten. «Im November wollen wir der Synode den entsprechenden Projektantrag vorlegen», sagte Famos. Neben dem Studiendesign soll der Antrag auch einen Kostenrahmen und Zeitplan enthalten.
Weiter will die EKS laut Famos in Zusammenarbeit mit den Opferberatungsstellen eine nationale, unabhängige Anlaufstelle schaffen. Zudem soll es kantonal übergreifende Richtlinien zu möglichen Entschädigungen für Missbrauchsopfer geben, damit Betroffene «fair und möglichst einheitlich» behandelt werden.
Famos: Kulturwandel leben
Die Delegierten der Landeskirchen sprachen sich darüberhinaus einstimmig aus für den Beschluss, dass Grundlagen und Standards zum Schutz der persönlichen Integrität für die EKS und die Mitgliedskirchen gelten und dort auch umgesetzt werden sollen. Der Rat soll innert drei Jahren einen Bericht dazu erarbeiten.
«Wenn Menschen mit unserer Kirche in Kontakt kommen, bringen sie Vertrauen mit und zeigen sich verletzlich. Sie rechnen mit Schutz und Wohlwollen», sagte Famos. Der Kulturwandel habe längst begonnen. Er werde aber nur wirksam, wenn er gelebt werde, sagte Famos. «Es braucht gemeinsame Standards, damit der Schutz nicht vom Zufall abhängt.»
Missbrauch sei kein Randphänomen, sagte Evelyn Borer, Synodalratspräsidentin der reformierten Kirche im Kanton Solothurn und ehemalige EKS-Synodepräsidentin. «Kirchliche Arbeit lebt von Beziehungen. Nähe ist eine Qualität und Herausforderung zugleich», sagte Borer. Wiederhole sich Machtmissbrauch, sei nicht nur das Individuum, sondern auch die Organisation in der Pflicht. «Schutzkonzepte müssen mehr sein als Papiere. Sie müssen gelebt und umgesetzt werden.»
Mehr als «eine Frage der Transparenz»
Ebenfalls einstimmig angenommen wurde an der Synode der Antrag, jährlich zu erfassen, wie viele Verletzungen der körperlichen, sexuellen und spirituellen Integrität es bei den Mitgliedskirchen gibt. Auch dazu soll ein Bericht erstellt werden.
Die Frage nach der Anzahl an mutmasslichen Verletzungen der sexuellen, körperlichen oder spirituellen Integrität betreffe nicht nur die Statistik, sagte Rita Famos. «Das betrifft Menschen.»
- Der Rechenschaftsbericht und die Jahresrechnung wurden genehmigt.
Die Decharge wurde erteilt. - Barbara Hefti wurde zur Vizepräsidentin der Synode gewählt.
Neues GPK-Mitglied ist Raphael Bodenmüller.
Mit einem jährlichen Bericht mache die Kirche sichtbar, dass sie bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. «Für Betroffene ist es zentral, dass das, was sie erlebt haben, nicht verschwiegen bleibt. Es ist nicht nur eine Frage der Transparenz, sondern ein Akt der Anerkennung», sagte Famos.
Resolution verabschiedet
Kurzfristig wurde eine dringliche Resolution zum Krieg im Nahen Osten auf die Traktandenliste gesetzt. Die Kirche dürfe zur Situation in Israel und im Gazastreifen nicht schweigen, hiess es in der Begründung. Die Resolution ist ein Appell an den Bundesrat, die terroristischen Anschläge der Hamas aufs Schärfste zu verurteilen.
Weiter enthält sie die Forderung nach einer sofortigen Freilassung der Geiseln. Zudem soll die Internationale Hilfe Zugang zu den Menschen im Gazastreifen erhalten. Ausserdem soll sich der Bundesrat in der Schweiz für die die Sicherheit jüdischer und muslimischer Menschen im öffentlichen Raum, an Universitäten und in Schulen einsetzen.