Erinnerungen an 9/11
Wenn man Zeuge wird von etwas, das die Welt verändert
«Beginn meiner interreligiösen Arbeit»
Christoph Sigrist, Theologe: «Ich machte an diesem Tag einen Tauf-Besuch in St. Gallen. Als ich in die Stube trat, starrten die Eltern des Kindes in den Fernseher. Das Taufkind lag auf dem Sofa. ‹Hoi Christoph, schau mal›, begrüsste mich der Vater, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. Ich suchte einen Platz auf dem Sofa. Noch heute spüre ich, wie die Nackenmuskeln sich bei mir zusammenzogen, als wir live das zweite Flugzeug in den Südturm donnern sahen. Ich glaubte nicht, was ich sah. Wir bekamen Angst. Wir wurden zum Schicksalskollektiv ohne Boden unter den Füssen. Plötzlich ragte die Frage wie ein Trümmerteil in die Stube: An was können wir uns halten, wenn alles zusammenbricht? Diese Frage würde ich beim Taufgottesdienst wieder aufnehmen.
Nach den Anschlägen fand ich zur interreligiösen Arbeit in den Bereichen Seelsorge, Diakonie, Gottesdienst und Unterricht. Ich begann, meine christliche Existenz im interreligiösen Resonanzraum zu entdecken. Die Reibung, die durch die ‹Achse des Bösen› im eigentlich friedlichen Zusammenleben zwischen jüdischen, muslimischen, christlichen, buddhistischen, hinduistischen Menschen entstand, setzte etwas in Gang. Meine Berufung als Diener am göttlichen Ort führte mich in den öffentlichen Raum genauso wie in die private Stube. Bis heute erklingt meine Stimme, wenn Antisemitismus und islamophober Rassismus Menschen ausgrenzt, diffamiert, verletzt und tötet. Für mich hat sich die Zeit am 11. September gewendet.»
«Ich verstand nicht, was los war»
Ruth Armbruster, Leserin: «Ich war 18 Jahre alt und hatte an diesem Tag meine Führerscheinprüfung absolviert. Die Prüfung war eine grosse Hürde für mich und ich war überglücklich, als ich bestanden hatte. Ich kam am Nachmittag nach Hause und stellte den Sekt kalt. Ich wollte abends mit meiner Familie anstossen. Dann schaltete ich den Fernseher ein, um eine Serie zu schauen. Die kam aber nicht. Ich war genervt und wechselte den Sender. Aber auch da kamen nur Nachrichten. Ich sah die Bilder von brennenden Hochhäusern und verstand nicht, was da los war. Dann klingelte das Telefon. Eine Freundin erzählte mir aufgeregt, wie furchtbar es sei, was da in New York gerade passiere. Langsam verstand ich nun, warum die Nachmittagsserien nicht liefen. Ich sass gebannt vor dem Bildschirm und realisierte, was das für ein Unglück war. Als meine Familie nach Hause kam, waren wir vor dem Fernseher zusammengerückt und die Freude über meine bestandene Fahrprüfung war in den Hintergrund gerückt.»
«Ich erinnere mich an den Schock: Eine Grenze war überschritten worden»
Heimito Nollé, Redaktor ref.ch: «Manche Bilder historischer Ereignisse brennen sich für immer ins Gedächtnis ein. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören die Aufnahmen des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der 1977 von RAF-Terroristen entführt und ermordet wurde. In Fernsehbildern war Schleyer mit düsterer Miene und einem Pappschild mit der Aufschrift ‹Gefangener der R.A.F.› zu sehen. Damals war ich sieben Jahre alt, und die Bilder verfolgten mich bis in meine Träume.
Später kamen weitere solche Bilder hinzu. Nur selten handelten sie von hoffnungsvollen Entwicklungen, wie etwa dem Mauerfall. Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center krachten, sass ich in einem Grossraumbüro in Zürich. Ich erinnere mich an den Schock und an das Gefühl, dass hier etwas geschah, das niemand für möglich gehalten hatte. Eine Grenze war überschritten worden. Hatten uns nicht eben noch Politologen versichert, die liberalen Demokratien hätten für immer gesiegt und das ‹Ende der Geschichte› sei gekommen? Mit den Zwillingstürmen gingen auch dieses Vertrauen, dieses Gefühl von Sicherheit in die Brüche. Die Welt war nicht mehr dieselbe.»
«Ui nei, in Amerika sind sie in Hochhäuser geflogen!»
Jonas Gabrieli, Redaktor ref.ch: «Die Mutter meines Schulkollegen war eine zurückhaltende Frau, bei der stets Ordnung zu herrschen hatte. Kurze Haare, oft ein kariertes Hemd, dazu stets ein freundliches Lächeln, das nie ganz ungezwungen wirkte. Von ihrem Innenleben drang nichts Unkontrolliertes nach draussen. Am Nachmittag des 11. Septembers 2001 war sie aber sichtlich aufgewühlt. Wir zehn- und elfjährigen Buben hatten uns gerade vor ihrem Haus verabschiedet, ich fuhr auf dem Velo los, da kam die Mutter rausgerannt und rief mir nach: ‹Ui nei, in Amerika sind sie in Hochhäuser geflogen!› Was sie da gerade gesagt hatte, dämmerte mir erst, als ich einige Minuten später zuhause eintraf. In der Stube lief der Fernseher, im Bild die rauchenden Türme.»
Frieden stiften im Religionsunterricht
Hanna Götte, Leserin: «Am 11. September 2001 war ich am Nachmittag im Rahmen eines Tauschkreises bei einer älteren Frau im Garten an der Arbeit. Da kam sie bewegt und aufgewühlt zu mir und erzählte von einem schweren Flugzeugunglück in New York. Ich solle ins Haus kommen und die Bilder am TV anschauen. Ich blieb aber im Garten und führte meine Arbeit zu Ende. Die Nachrichten über das Unglück in New York würde ich ja am Abend in der Tagesschau sehen können. Ich sass dann bis über Mitternacht hinaus vor dem Fernseher, war erschüttert und konnte lange einschlafen.
Zwei Tage später hatte ich Religionsunterricht mit einer 4. Primarklasse. Den besuchten muslimische, katholische, reformierte und orthodoxe Kinder. Nach dem Terrorakt war meine Hauptaufgabe, zu deeskalieren. Den muslimischen Kindern wurde vorgeworfen, auf der Seite des al Qaida-Führers Bin Laden zu stehen. Ich dachte an ein Bild von Dorothee Sölle: Ein Kreis, in der Mitte ein Punkt, der Gott, Allah und Jahwe symbolisiert; auf der Kreislinie sitzen die Christen, die Muslime, die Buddhisten, die Hinduisten und beten zur Kreismitte hin. 9/11 war in den nächsten Religionsstunden das Hauptthema. Ich staunte, wie viel Infos die Kinder von zuhause mitbrachten und wie gut wir darüber reden konnten.»
Sorge um den Bruder in Manhattan
Pascale Huber, Theologin und Geschäftsführerin Reformierte Medien: «Wenn ich an 9/11 denke, sehe ich zuerst Geranien an alten Berner Holzhäusern. Ich war als junge Pfarrerin mit Seniorinnen und Senioren auf dem jährlichen Ausflug. Mit dem Car an den Hängen hoch über dem Thuner See. Als wir nach der Zvieri-Pause wieder eingestiegen waren, lief das Radio leise und der Carchauffeur sagte mehr zu sich selber als zu mir: ‹Die spinnen doch, die Amerikaner.› Ich hab mir nicht viel dabei gedacht. Abends zurück im Pfarrhaus lief der Fernseher, was total unüblich war. Mein Mann sass steif davor und sagte nur: ‹Deinem Bruder geht es gut, er konnte deine Eltern informieren, bevor die wussten, was geschehen ist. Jetzt sind die Telefonnetze in Manhattan zusammengebrochen, du kannst ihn nicht anrufen.› Noch unwirklicher als die Bilder der einstürzenden Türme war nur das Entsetzen in seinem Gesicht.»
«Ich verlor meinen Ausbildungsplatz»
Johanna Wedl, Reaktionsleiterin ref.ch: «Das erste Bild, an das ich mich im Zusammenhang mit 9/11 erinnere, zeigt im Fernsehen einen brennenden Turm, Flammen, Rauch. Ich war damals erst 17 und zu jung, um das Ausmass der Terroranschläge sofort zu begreifen. Bald aber sollten mich die Ereignisse einholen und unmittelbar betreffen, sie veränderten auch die Luftfahrt: Ich arbeitete als Lernende für die SAirGroup. Mit dem Grounding der Swissair am 2. Oktober 2001 und dem Zusammenbruch des Konzerns verlor ich meinen Ausbildungsplatz. Blicke ich heute zurück, scheinen mir die Ereignisse und Emotionen unwirklich weit weg. Unerwartet holen sie mich aber immer wieder einmal ein. Wie unlängst auf einer Flugreise. Gedankenverloren bat ich, die Landung aus dem Cockpit mitverfolgen zu dürfen. Unzählige Male hatte ich das zu Lehrzeiten getan. Das, sagte die Flugbegleiterin kopfschüttelnd und stirnrunzelnd, sei schon Jahrzehnte nicht mehr möglich. ‹Sicherheitsgründe. Sie wissen ja, 9/11.›»
«Nie werde ich das Bild des Mannes vergessen, der sich aus einem der brennenden Türme stürzte.»
Barbara Schmutz, Redaktionsleiterin bref magazin: «‹In Manhattan soll ein Flugzeug in einen der Twin Towers geflogen sein!›, rief der Redaktionskollege ins Grossraumbüro und wetzte zum Sitzungszimmer, wo er den Fernseher einschaltete: Eben krachte auch in den zweiten Turm eine Maschine. Die Stille, die danach eintrat, schien ewig zu dauern. Nie werde ich das Gesicht der Redaktionskollegin vergessen, die kreidebleich vor dem Fernseher stand, die Hände zu Fäusten geballt vor ihrem Mund, als wolle sie den Schrei ersticken, der ihr entwich. Nie werde ich das Bild des Mannes vergessen, der sich aus einem der brennenden Türme stürzte. Jetzt, in diesem Moment.»
«Ich erlebte eine seelische Wende»
Susanne Vögeli, Leserin: «Es war ein Tag wie jeder andere. Die Kinder kehrten aus der Schule heim und mein Sohn meinte aufgeregt: ‹Mami, stell den Fernseher an, es ist etwas ganz Unfassbares geschehen!› Damals stand ich in der Ausbildung zur Katechetin. Unsere Ausbildnerin, eine Theologin, gab uns einen zentralen Tipp mit in unsere berufliche Tätigkeit: ‹Pfarrpersonen und Katechetinnen müssen nach solchen Brüchen im Leben oder nach Todesfällen Worte finden.› Sie gestaltete mit uns ein Kerzen-Ritual und jeder der Auszubildenden hatte viel Raum, um die eigene Befindlichkeit auszudrücken. Wir nahmen uns einen Morgen lang Zeit. Als Abschluss beteten wir gemeinsam das ‹Unser Vater›. Dieses Ritual nahmen wir mit in unsere Unterrichtsklassen. Ich gehöre der Babyboomer-Generation an, die kaum gelernt hat, Traumatisches aufzuarbeiten und damit umzugehen. Damals fand ich endlich Worte und Rituale dafür. Es war für mich eine ‹seelische Wende›, die mich befähigte, Schwieriges zu benennen und anderen Raum zu geben, Unfassbares auszudrücken.»
«Mein erster Gedanke war: Jetzt geht der dritte Weltkrieg los»
Vera Rüttimann, Journalistin und Fotografin: «Am 11. September 2001 lebte ich in Berlin und befand ich mich auf dem Weg ins Büro. Vor dem Eingang traf ich eine Kollegin. ‹Mir ist schlecht. Ich muss auf die Toilette›, sagte sie. Da war schon eines der Passagierflugzeuge in einen der Türme des World Centers geflogen.
Als ich ins Office kam, standen alle um einen klobigen Fernseher herum. Still. Fassungslos. Ich ging auf die Strasse. Vor dem Fernseher in einem Dönerladen wurde die Menschentraube immer grösser. Das zweite Flugzeug flog in das WTC. Dann sah ich es auf dem Bildschirm: Diese riesigen Löcher. Die fallenden Menschen. Dieser gigantische Staub. Jetzt geht der dritte Weltkrieg los, war mein erster Gedanke.
An Wochenende darauf läuteten in Berlin die Glocken aller grossen Kirchen. Das Brandenburger Tor war schwarz eingehüllt. Dort fand eine grosse Demonstration für die Opfer des Terroranschlages statt. Berlin war nach 9/11 nie mehr dieselbe Stadt. Weg war der lässige Flow des New Berlins. Das Lebensgefühl und der Glaube, dass die Welt nach dem Mauerfall 1989 dauerhaft friedlicher werde, bekamen einen Riss.»