Afghanistan
Als die Taliban die Buddhas von Bamiyan sprengten
Erst blitzt ein roter Feuerball auf, dann steigt eine graue Staubwolke empor. «Wie von Gott gewollt», rufen die Männer auf Arabisch hinter der Kamera. Auch 25 Jahre später wirken die Videoaufnahmen des Fernsehsenders «Al Jazeera» aus Afghanistan noch immer grotesk: Mit Panzern, Lenkflugkörpern und Sprengstoff trieben die radikal-islamistischen Taliban-Kämpfer die Zerstörung der weltweit grössten Buddha-Statuen voran. Etwa zwei Wochen dauert die Aktion Anfang März 2001. Am Ende waren von den rund 1500 Jahre alten Statuen «Salsal» und «Shahmama» nur noch deren leere Hüllen im Fels übrig.
Buddhistische Mönche hatten sie um das 6. Jahrhundert in blosser Handarbeit in eine Sandsteinwand des Bamiyan-Tals, rund 130 Kilometer nordwestlich von Kabul, gemeisselt. Sie waren rund 25 und 53 Meter hoch. Zusammen mit einem weitverzweigten Netz aus Treppen, Balkonen und kleinen Höhlen, in denen die Mönche lebten, bildeten die Statuen ein knapp zwei Kilometer langes und weltweit einzigartiges Felsenkloster. Es zeugt bis heute von der buddhistischen Vergangenheit der Region.
Rettungsversuche scheiterten
Die Zerstörung kam für viele überraschend: Noch im Jahr zuvor hatte der oberste Taliban-Führer Mullah Omar ausdrücklich erklärt, das vorislamische Kulturerbe Afghanistans schützen zu wollen. In letzter Minute versuchte die internationale Staatengemeinschaft 2001 dann verzweifelt, den Taliban-Führer umzustimmen: Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan reiste in die pakistanische Hauptstadt Islamabad, um den Taliban-Aussenminister Wakil Ahmed Mutawakil zu treffen. Das New Yorker Metropolitan Museum of Art machte den Taliban ein Angebot, die Statuen zu kaufen. Jedoch ohne Erfolg.
Die Gründe für den damaligen Sinneswandel des Taliban-Führers sind bis heute unklar. Kurz vor den Zerstörungen hatte er in einem Dekret angeordnet, alle Statuen und nicht islamischen Heiligtümer im ganzen Land zu zerstören. Es sollte verhindert werden, dass sie als Pilgerstätten für andere Religionen genutzt werden. Zugleich legen Recherchen von Experten, wie etwa der niederländischen Investigativjournalistin Bette Dam in ihrem Buch «Looking for the Enemy: Mullah Omar and the Unknown Taliban» nahe, dass er aus Frust über die fehlende internationale Anerkennung der Taliban-Regierung gehandelt haben könnte. Möglicherweise war er auch von der damals in Afghanistan aktiven Terrororganisation Al-Qaida beeinflusst worden.
Überreste der Statuen sind Touristenattraktion
Heute sind die Überreste der beiden Buddhas eine der wichtigsten Touristenattraktionen im Land, sagt Samiullah Yousufzai, Inhaber der Reiseagentur «Peace Hope Afghanistan» in Kabul. Der 27-Jährige führt jährlich mehrere Hundert internationale Touristen durch Afghanistan. «Fast alle wünschen sich, die Überreste zu sehen, die Höhlen zu besichtigen und zu verstehen, wie die Mönche einst dort lebten, gerade auch wegen der Geschichte der Zerstörung durch die Taliban.»
Das Felsenkloster um die ehemaligen Statuen in Bamiyan wird von Kämpfern der Taliban bewacht und kontrolliert. Während der Eintritt für afghanische Besucher frei sei, müssten ausländische Besucher ein Ticket für 1000 Afghani lösen, umgerechnet etwa 13 Euro, sagt Yousufzai.
Herbert Maeder war als Fotograf berühmt für seine Bilder aus den Bergen und dem Leben der Menschen. Nachdem er sich 1953, mit 23 Jahren, als Fotograf selbständig gemacht hatte, arbeitete er für Zeitungen und Magazine und veröffentlichte rund 40 Bildbände über die Ostschweiz, die Alpen und den Hindukusch in Afghanistan.
Die Aufnahmen im Bamiyan-Tal entstanden 1967 und 1968. Damals war gerade sein erfolgreichstes Buch «Die Berge der Schweiz» erschienen.
Maeder fotografierte auch die Greina-Hochebene im Kanton Graubünden. Er gilt als früher Beschützer des heutigen Naturschutzgebietes. Durch seine Popularität als Fotograf schaffte Maeder 1983 als Parteiloser ohne Erfahrung in einem politischen Amt den Sprung in den Nationalrat. Nach seinem Tod 2017 ging der Nachlass des Fotografen – zehntausende Dias und Negative – an die Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden. (dst)
Denn die Taliban, denen die kulturellen Relikte einst ein Dorn im Auge waren, haben diese längst als lukrative Einnahmequelle für das von einer Wirtschaftskrise geplagte Land erkannt. Seit ihrer erneuten Machtübernahme im Sommer 2021 bemüht sich die Regierung verstärkt um den internationalen Tourismus. So war die Zahl der ausländischen Besucher nach Angaben des Kultur- und Informationsministeriums in Kabul zuletzt auf rund 8000 Personen jährlich gestiegen.
Weltkulturerbe seit 2003
Die Unesco nahm den Komplex in Bamiyan als direkte Reaktion auf die Zerstörung 2003 offiziell in das Weltkulturerbe auf. Im Jahr 2005 wurde die Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen verabschiedet, die von 153 Staaten getragen wird und heute als eine Art Grundstein der internationalen Kulturpolitik gilt. Offizielle Wiederaufbaumassnahmen der Buddha-Statuen durch die UN-Organisation sind bisher aber weitgehend im Sande verlaufen. Lange Jahre herrschte Krieg in Afghanistan.
Möglicherweise wollen die Taliban die Bewahrung des kulturellen Erbes nun auch für den Versuch nutzen, ihr Ansehen auf internationaler Bühne zu verbessern. Der bis zum vergangenen Jahr amtierende afghanische Informations- und Kulturminister Khairullah Khairkhwa betonte öffentlich die Bedeutung des kulturellen Erbes für die Taliban-Regierung. Und er verwies auf die gemeinsame Verantwortung aller Nationen für dessen Schutz. Ob diese Strategie aufgeht, bleibt jedoch abzuwarten. Die radikal-islamistischen Taliban sind, vor allem wegen der massiven Einschränkungen der Rechte von Frauen und Mädchen, international bisher weitgehend isoliert und nur von Russland offiziell als Regierung anerkannt.