Venezuela
Verzweifelte Suche nach Erdbebenopfern
Unter widrigen und teils lebensgefährlichen Umständen suchen Menschen nach der Erdbebenkatastrophe in Venezuela verschüttete Angehörige in meterhohen Schutthaufen. Im Bundesstaat La Guaira im Norden des Landes sei die Lage besonders dramatisch, berichtete die Online-Plattform «Tal Cual».
Bilder von dort zeigen Gebäude, die komplett in Trümmern liegen. Es gebe keinen Strom, kein Wasser und es sei bereits zu Plünderungen von Geschäften gekommen.
Für die Sucharbeiten werde schweres Gerät benötigt – daran fehlt es aber bislang noch. «Alles von Hand zu machen, ist ziemlich mühsam», schilderte eine Bewohnerin der Stadt Catia La Mar nordwestlich von Caracas. «Falls noch jemand am Leben ist, hat er nicht mehr die Kraft, zu antworten.»
Mehr als 70'000 Familien betroffen
Nach Angaben von Innenminister Diosdado Cabello sind allein in dem Bundesstaat an der Karibikküste mehr als 70'000 Familien von den Folgen der Erdbebenkatastrophe betroffen. «Wir lassen euch nicht allein», versicherte Cabello bei einem Besuch in La Guaira. Er kündigte umfassende Rettungs- und Bergungsarbeiten sowie Wasserlieferungen und Lebensmittelhilfen für die Bevölkerung an.
Zwei schwere Beben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert – im Abstand von nur 39 Sekunden. Schwere Schäden gab es besonders in La Guaira, wo auch der internationale Flughafen und der wichtigste Seehafen des Landes liegen.
Dort wurden düstere Erinnerungen an eine andere Naturkatastrophe wach: Die Region hatte 1999 nach heftigen Regenfällen verheerende Überschwemmungen erlebt, die Tausende Menschen das Leben kostete.
Tausende Verschüttete befürchtet
Laut der venezolanischen Regierung wurden bislang 235 Tote gezählt. Mehr als 4300 Verletzte seien bisher in öffentlichen Krankenhäusern behandelt worden, sagte Gesundheitsminister Carlos Alvarado im Fernsehsender VTV.
Rund 200 weitere Menschen sollen noch immer unter den Trümmern verschüttet sein, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, sagte. Dabei dürfte es aber nur um diejenigen gehen, die bereits unter den Trümmern verortet wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Gesamtzahl der Verschütteten in die Tausende gehen könnte.
Unterdessen trafen Regierungsangaben nach erste internationale Hilfsteams ein. Im Vordergrund stehen die Bergung und Rettung verschütteter Menschen, für die Suche werden auch Hundestaffeln eingesetzt.
Katastrophe trifft ein ohnehin erschöpftes Land
Das Land an der Nordspitze Südamerikas befand sich schon vor der Erdbebenkatastrophe in einer prekären Lage. Trotz der grössten bekannten Erdölreserven der Welt leben viele Menschen in Armut. Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung funktionieren vielerorts ohnehin nur eingeschränkt. Bereits vor den Beben seien fast acht Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen, sagte UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher.
Auch politisch erlebt Venezuela turbulente Zeiten. Im Januar hatte das US-Militär den langjährigen Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht. Seine vorherige Stellvertreterin Delcy Rodríguez ist seither geschäftsführend im Amt. (sda/ jow)