Erdbeben in Kolumbien
«Menschen verweilen in einsturzgefährdeten Häusern»
Herr Stodolny, rund zehn Tage sind seit dem Beben in Kolumbien vergangen. Was wissen Sie inzwischen über das Ausmass der Schäden?
Einen vollständigen Überblick haben wir noch nicht. Sicher ist, dass die Zerstörung enorm ist. Vor allem die Infrastrukturschäden sind riesig. Landesweit sind schätzungsweise 140‘000 Gebäude beschädigt, davon wurden 30‘000 als zerstört bestätigt. Betroffen sind auch viele Agrarproduktionsstätten und Läden in den Städten. Das trifft die Lebensgrundlage vieler Menschen.
Zehntausende haben durch das Beben ihr Zuhause verloren. Wo finden sie Unterkunft?
Es gibt offizielle Unterkünfte, aber die Plätze sind begrenzt. Daneben sind informelle Camps entstanden, die aber in vielerlei Hinsicht defizitär sind. Dort sehen wir Menschen, die sich eine Matratze genommen haben und im Park schlafen. Andere haben seit Tagen nicht geduscht, weil es keine sanitären Einrichtungen gibt. Wir sehen Kinder, die ohne Kleidung herumlaufen und Menschen, die keinen Zugang zu ihren Medikamenten haben.
Wie kann Heks in dieser Situation helfen?
Wir sind auf zwei Ebenen aktiv. Zum einen versorgen wir die Menschen mit Hygienepaketen, Lebensmitteln und Wasser. Regionen wie der Bezirk El Chocó, wo wir ein Aussenbüro haben, sind sehr schwer zugänglich. Es ist eine marginalisierte Region, in der viele Afro-Kolumbianer und Indigene leben. Einige dieser Gemeinschaften sind nur über den Wasserweg erreichbar. In diese Ortschaften sind bisher weder staatliche Stellen noch humanitäre Organisationen gekommen. Gerade haben wir eine Mission auf dem Fluss San Juan in eine der abgelegensten Regionen im Süden gestartet. Dort herrschen regenwaldähnliche Bedingungen. Hinzu kommt die schwierige Sicherheitslage: Die Region ist seit Jahren von bewaffneten Auseinandersetzungen verschiedener Gruppierungen betroffen. Solche Operationen sind teuer und mit Risiken für unsere Mitarbeitenden verbunden.
Florian Stodolny ist ein humanitärer Fachmann mit Erfahrung in der internationalen Entwicklungs- und Nothilfe, insbesondere in Lateinamerika.
Er arbeitet als Heks-Landesdirektor in Kolumbien und engagiert sich für die Unterstützung vulnerabler Bevölkerungsgruppen sowie für humanitäre und nachhaltige Entwicklungsprojekte. (no)
Wie unterstützen Sie die Menschen noch?
Ich selbst bin derzeit im Departement Risaralda. Dort sind die Schäden an der Infrastruktur besonders gross. Momentan verweilen viele Menschen in einsturzgefährdeten Häusern. Unsere Fachleute geben ihnen eine technische Einschätzung: Ist es sicher, dort zu bleiben, oder sollten sie das Haus verlassen? Das kann Leben retten, denn immer noch stürzen Gebäude infolge von Nachbeben oder der vorhandenen Schäden ein. Die Menschen dazu zu bringen, ihre Häuser zu verlassen, ist jedoch anspruchsvoll.
Inwiefern?
In dieser Region haben die meisten Menschen keine Versicherung. Wenn das Haus einstürzt, ist ihr gesamter Besitz weg. Dazu kommt die Angst vor Diebstählen, wenn das Gebäude leer steht. Vielen fällt es deshalb schwer, ihr Haus zu verlassen.
Bisher ist von rund 300 Toten die Rede, ebenso viele Menschen werden vermisst. Wie gross ist die Hoffnung, jetzt noch Lebende zu finden?
Die Suche geht weiter, aber die Hoffnung schwindet. Nach so vielen Tagen noch Überlebende zu finden, würde an ein kleines Wunder grenzen. Das ist nur möglich, wenn die Verschütteten unter den Trümmern in irgendeiner Form Zugang zu Essen und Wasser hätten.
Zuerst das Erdbeben in Venezuela, nun die Katastrophe in Kolumbien: Kommt man als Hilfswerk irgendwann an die Grenzen des Machbaren?
Es ist tatsächlich eine Herausforderung. Als Hilfswerk sind wir auf externe Finanzierung angewiesen. Eine Häufung solcher Ereignisse schlägt sich aber in der geringeren Aufmerksamkeit und Spendenbereitschaft nieder. In dieser Situation müssen wir umso genauer überlegen, wie wir priorisieren und unsere Kapazitäten einsetzen. In Kolumbien konzentrieren wir uns deshalb auf die bedürftigsten Regionen sowie auf jene Gebiete, wo wir schon länger präsent sind.