Erdbeben in Venezuela
«Ganze Hochhäuser sind eingestürzt»
Herr Filliger, wie haben Sie die ersten Stunden nach dem Erdbeben erlebt?
Gleich nach dem Erdbeben habe ich meine Kontakte in Venezuela angeschrieben. Wir arbeiten seit Jahren mit Partnerorganisationen zusammen. Sie berichteten von Nachbeben und einer grossen Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung. Andere schickten mir Fotos von eingestürzten Häusern oder erzählten, dass die Strassen unpassierbar seien. Von einer Person habe ich bis heute keine Antwort erhalten. Ich weiss nicht, ob sie noch am Leben ist.
Die Hilfsorganisation Caritas Schweiz stellt 100’000 Franken für die Soforthilfe nach dem Erdbeben in Venezuela bereit. Gemeinsam mit der lokalen Caritas und dem internationalen Caritas-Netzwerks werden derzeit die ersten Hilfsmassnahmen koordiniert, wie es in einer Mitteilung heisst.
Am dringendsten benötigt werden demnach Trinkwasser, Nahrungsmittel, medizinische Versorgung und Notunterkünfte. Caritas Schweiz ruft ausserdem zu Spenden für die Betroffenen aus. (no)
Welche Gebiete in Venezuela sind besonders betroffen?
Am stärksten betroffen sind die Hauptstadt Caracas und der Bundesstaat La Guaira. In dieser Region ist ein ganzer Wohnkomplex mit 16 Hochhäusern eingestürzt. Auch der Flughafen wurde beschädigt und ist nicht mehr betriebsbereit. Das ganze Ausmass der Katastrophe wird erst allmählich sichtbar. Die desolate wirtschaftliche Lage des Landes verschärft die Situation zusätzlich. Die Infrastruktur wurde über Jahre nicht unterhalten, was nun auch die Katastrophenhilfe erschwert.
Was brauchen die Menschen am dringendsten?
Momentan geht es vor allem um schnelle erste Hilfe. Wir von Caritas haben Verteilstellen eingerichtet, wo wir die Menschen mit dem Nötigsten wie Lebensmittel, Trinkwasser, medizinische Güter und Kleidung versorgen. Gleichzeitig bieten wir psychologische Unterstützung in den Quartieren an. Im Moment geht es vor allem darum, herauszufinden, wo die Not am grössten ist und welche Hilfe am dringendsten gebraucht wird.
Rafael Filliger ist seit vier Jahren bei Caritas Schweiz für das humanitäre Programm der Venezuelakrise zuständig. Er hat einen Master in Wirtschafts- uns Sozialwissenschaften sowie mehrere Jahre Berufserfahrung im Bereich der Humanitären Hilfe. Filliger hat zehn Jahre in der Region der Grossen Seen (Ostkongo, Burundi) gelebt und gearbeitet. (no)
Viele Menschen haben durch das Erdbeben ihr Zuhause verloren. Was geschieht jetzt mit Ihnen?
Internationale Hilfe ist unterwegs und sollte bald eintreffen. Dann sollen erste Zeltlager entstehen, um den Menschen eine provisorische Unterkunft zu verschaffen. Viele finden auch bei Verwandten und Freunden Unterschlupf und teilen sich zu 10 oder 15 eine Wohnung. Andere haben diese Möglichkeit nicht und müssen im Freien ausharren.
Offiziell bestätigt wurden bislang rund 668 Tote, Tausende Menschen werden vermisst. Mit wie vielen Opfer muss gerechnet werden?
Das lässt sich im Moment nicht sagen. Klar ist nur, dass es das verheerendste Erdbeben seit Jahrzehnten war. Da es abends passierte, als viele Menschen noch in den Büros arbeiteten, ist mit vielen weiteren Opfern zu rechnen. Die Überlebenschancen in den Trümmern schwinden leider mit jeder Stunde.