Erdbeben in Venezuela

«Am wichtigsten sind jetzt Wasser, Essen und Obdach»

Das Erdbeben in Venezuela forderte bisher rund 1500 Todesopfer. Etwa 50’000 Menschen werden vermisst. Sechs Heks-Mitarbeiter sind ins Krisengebiet gereist. Rafael Mazarrasa spricht im Interview über seine ersten Eindrücke aus der zerstörten Küstenstadt La Guaira.
Mitarbeiter des Heks machen sich ein Bild der Zerstörung in der vom Erdbeben hart getroffenen venezolanischen Küstenregion La Guaira. (Bild: zVg Heks)

Herr Mazzarasa, wo erreichen wir Sie?
In einem Hotel in der Innenstadt von Caracas. Vor zwanzig Minuten (um 7 Uhr Ortszeit, die Redaktion) hat es ein Nachbeben gegeben. Das hat uns alle geweckt. Ich lief sofort zum Ausgang, wie alle hier. Die Menschen wissen aus den letzten Tagen, wie gefährlich es in den Gebäuden ist. Die meisten blieben vor dem Eingang stehen, weil sie nicht zu weit weg sein wollen von all den Sachen, die sie in der Hektik zurückgelassen haben.

Wie stark war das Nachbeben?
Das Gebäude zitterte etwas. Es heisst, es sei 5,4 auf der Richterskala. Das Beben richtete soweit keinen sichtbaren Schaden an. Aber viele Menschen sind trotzdem aufgeschreckt. Vor dem Hotel traf ich auf Menschen aus der schwer getroffenen Küstenstadt La Guaira, sie liegt 20 Kilometer nördlich von Caracas. Diese Menschen haben ihr Haus verloren und wurden hierhergebracht. Entsprechend geschockt waren sie vom erneuten Beben. Eine Frau hat gezittert, als ich mit ihr sprach.

Heks ist seit 2025 nicht mehr im Land präsent. Gelang Ihnen die Einreise aus Kolumbien problemlos?
Heks war seit 2019 in Venezuela aktiv und musste im letzten Jahr leider seine Aktivitäten pausieren, dies aufgrund von fehlenden internationalen Geldern. Wir haben aber unsere Registrierung im Land aufrechterhalten und eine Mindeststruktur, die es uns nun erlaubt, sehr schnell zu reagieren. Die Einreise ins Land erfolgte auf dem Landweg und kostete uns zwei ganze Tage. Wertvolle Zeit, die wir nicht vor Ort sein konnten. Kommerzielle Flüge werden nun erst wieder aufgenommen.

Am Sonntag waren Sie noch in La Guaira. Was waren Ihre ersten Eindrücke?
In der Stadt ist die Zerstörung enorm. Ich musste unweigerlich an Bilder aus dem Gazastreifen denken. Viele Menschen laufen ziellos umher, suchen nach Verwandten oder nach Wasser und Essen. Als wir als Teil eines humanitären Konvois durch die Strassen fuhren, wurden wir gebeten, den Motor abzustellen, weil die Rettungskräfte mit Sonargeräten nach Überlebenden oder Leichen suchten. Ich habe auch vereinzelt mit Betroffenen gesprochen, fragte, was sie am dringendsten brauchen. Doch es kam keine richtige Konversation zustande. Die Menschen stehen unter Schock. Die Situation ist äusserst kritisch, auch weil es 35 Grad heiss ist und Schattenplätze wegen der Zerstörung rar sind.

Zur Person

Rafael Mazarrasa ist technischer Leiter des Heks für Kolumbien und Venezuela. Der ausgebildete Ingenieur aus Spanien hat viele Jahre in Venezuela gelebt. Zuletzt war er in Kolumbien tätig. (eba)

Wie ist die Situation in der Metropole Caracas?
Caracas liegt hinter einer Gebirgskette auf einer durchschnittlichen Höhe von rund 900 Metern über dem Meeresspiegel. Ein grosser Teil der Stadt hat dem Erdbeben standgehalten, doch einige zentrale Stadtviertel wie Los Palos Grandes und Chacao wurden schwer getroffen. Glücklicherweise gehören diese Viertel zu den wohlhabendsten des Landes, weshalb die Rettungsarbeiten und die Räumung der Trümmer dort besser vorankommen als im besonders stark betroffenen Küstengebiet von La Guaira. Die soziale Ungleichheit, die die Stadt prägt, ist jedoch weiterhin deutlich sichtbar. Obwohl viele Geschäfte nur eingeschränkt geöffnet sind, wäre es bereits heute wieder möglich, in einem Luxusrestaurant zu Abend zu essen. Gleichzeitig entstehen in U-Bahn-Stationen, entlang von Hauptverkehrsstrassen und in Parks improvisierte Lager für Vertriebene. Dort halten sich Menschen auf, die durch das Erdbeben ihr Zuhause verloren haben und in der Nähe ihrer zerstörten Wohngebiete verbleiben.

Wie können Sie vor Ort helfen?
Wir arbeiten mit der lokalen Organisation «Fundación Maniapure» zusammen, die ärztliche Hilfe direkt im Krisengebiet leistet. Mit der kirchlichen Institution namens «SEC» prüfen wir ausserdem, was wir für die Menschen tun können. Am wichtigsten sind zurzeit sicherlich Wasser, Essen und Obdach für die Betroffenen sowie sanitäre Anlagen. Unser Plan ist, von zwei Orten nahe La Guaira aus Hilfe zu leisten: Dem Operationszentrum der Armee auf dem Golfkurs in Caraballeda sowie dem provisorischen Flüchtlingslager an der Universität in Catia la Mar.

Wo beginnen Sie?
Wir haben in Rekordzeit unser ehemaliges Fachpersonal aktiviert. Aktuell sind wir sechs Mitarbeiter in Caracas, am Ende der Woche werden es bereits über 10 sein. Dazu arbeiten wir mit unseren lokalen Partnern zusammen, dies sind noch einmal mehr als 50 Leute mit denen wir uns austauschen. Wir müssen zunächst die Lage überblicken und die Bedürfnisse der Menschen verstehen. Einige Kollegen kehren heute nach La Guaira zurück. Dort sind wir mit den lokalen Behörden im Kontakt, um die Versorgung eines Flüchtlingcamps mit 3000 Menschen zu übernehmen. Ich selbst will mich bei den Menschen in den Mini-Camps umhören, fragen, was ihre dringendsten Bedürfnisse sind. Wenn wir das wissen, können wir weitermachen. Der Plan ist, Essen und essentielle Güter wie Decken zu verteilen sowie Wassertanks zu bauen und sanitäre Anlagen zu reparieren. Die Gefahr einer Epidemie ist gross, weil es im unmittelbaren Krisengebiet derzeit keine Toiletten gibt.

Was können Menschen tun, die von der Schweiz aus helfen wollen?
Geld spenden. Denn es ist alles da, was die Menschen brauchen: Kleider, Essen, Wasser. Die grosse Aufgabe ist es zu koordinieren, damit diese Güter zu den Menschen gelangen. Wir werden Mitarbeiter einstellen müssen. Einerseits solche, die wie ich über technisches Know How verfügen, um etwa Wassertanks zu errichten oder sanitäre Anlagen zu reparieren. Andererseits brauchen wir Leute, die Güter verteilen. Weil das Heks lange in Caracas präsent war, verfügen wir glücklicherweise über viele Kontakte zu gut qualifizierten Leuten, denen wir vertrauen können.

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