Eine Stimme für die Menschen auf der Gasse
Das Leben auf der Strasse ist kein Zuckerschlecken, und den meisten dürfte es verborgen bleiben. Doch dank der Gassenzeitung können die Menschen auf der Gasse zumindest in Luzern einen kleinen Einblick in ihren Alltag und ihre Gedankenwelt geben – das seit mehr als 25 Jahren.
So zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe, die es in diesen Tagen auf der Strasse zu kaufen gibt. In dieser berichten Menschen über ihre Erfahrungen mit der Polizei: V. R. schreibt etwa: «Die sollen doch lieber die Grossen fangen als uns Kleine. Im Moment habe ich es schwierig mit der Polizei. Manchmal habe ich das Gefühl, sie haben einen persönlich auf dem Kicker».
O. B. hingegen berichtet Positives: «Ich erlebe die Polizei insgesamt freundlich und zuvorkommend. Ich wurde gefragt, ob sie mir einen Brief abgeben können. Und sie haben mir den extra gebracht». A. R. beschreibt eine ungerechtfertigte Kontrolle: «Im vollen Bus sind sie zugestiegen, haben mich rausgeholt, mit Handschuhen an die Wand gestellt und gefilzt. Warum? Keine Ahnung! Eine Passantin konnte es nicht fassen, wie ich behandelt wurde».
Am Samstag, dem 13. Mai, zwischen 10 und 15 Uhr, feiert die Gassenzeitung in der Peterskapelle Luzern mit einer Art Ausstellung ihr über 25-jähriges Jubiläum. Kunst von Gassenkünstler und Gassenkünstlerinnnen und Livemusik von Strasse und Gasse sorgen für Unterhaltung, dazu werden Kaffee und Kuchen serviert. Um zwölf Minuten nach 12 ist Raum für einen spirituellen Impuls in Wort und Musik. Eine Leseecke und «GasseZiitig»-Artikel vermitteln Einblicke in ausgewählte Themen rund ums Gassenleben. Der Jubiläumstag ist Teil der Veranstaltungsreihe «Willkommen in meiner Bubble» der Pfarrei St. Paul. Die Reihe thematisiert die unterschiedlichen Lebenswelten, in denen sich heutige Menschen bewegen, und was sie trotz aller Gegensätzlichkeit verbindet. Der Anlass entstand in Zusammenarbeit mit der Peterskapelle und dem Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern. www.gassenarbeit.ch (bat)
«Wir bringen grundsätzlich alles, was an uns getragen wird», sagt Roger Lütolf, der die sechsköpfige Redaktion leitet. Oft seien die Texte roh und direkt, es werde kein Blatt vor den Mund genommen. «Wir redigieren ein wenig. Es gibt nur zwei Regeln: Die Texte müssen lesbar sein, und sie dürfen keinen diskreditierenden Inhalt haben», sagt Lütolf.
Bargeld erwünscht
Die Gassenzeitung hat eine Auflage von 10'000 Exemplaren, Tendenz sinkend. Der Grund: Die Zeitung kann nur mit Bargeld bezahlt werden. Und immer weniger Menschen haben Noten und Münz bei sich, weil sie alles mit der Karte zahlen. «Das spüren die Menschen auf der Gasse extrem. Doch wir haben noch keine gute Lösung finden können», sagt Lütolf.
Die Zeitung wird für einen Franken gekauft und auf der Strasse für zwei Franken verkauft – plus einem erhofften Trinkgeld. Oft sind bis zu 50 Verkäuferinnen und Verkäufer unterwegs, die an guten Tagen pro Person mehr als 100 Zeitungen verkaufen.
Auch wenn oft traurige und ernste Themen in der Zeitung besprochen werden, findet Lütolf es wichtig, dass Humor und Klamauk nicht zu kurz kommen. «Das Leben auf der Gasse ist nicht nur schwer. Wir wollen auch die andere Seite zeigen.»
Geringere Lebenserwartung
Die Gassenzeitung ist nur einer der Aspekte der Luzerner Gassenarbeit. Neben der Publikation gibt es weitere Angebote wie die Gassenküche oder das Paradiesgässli, die den Menschen auf der Strasse Hilfe und Unterstützung bieten.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die seelsorgerische Gassenarbeit, die von dem Theologen Valentin Beck verantwortet wird. «Die Gassenzeitung hilft, Vorurteile abzubauen», sagt Beck, «sowohl durch den Verkauf und die Kontakte als auch durch die Themen, die in der Zeitung behandelt werden.»
Beck ist einer von 40 Mitarbeitern, die sich um die Bedürfnisse der Menschen kümmern. «Auf der Strasse sind die Verhältnisse oft prekär, und die Menschen werden oft mit existenziellen Fragen konfrontiert», sagt Beck. Die Lebenserwartung der Suchtkranken liege im Durchschnitt Jahrzehnte unter jener der Restbevölkerung. Das Thema Tod sei bei ihnen deshalb allgegenwärtig.
Beck arbeitet seit zwei Jahren in der Gassenarbeit. Wie es früher war, weiss er nur vom Hörensagen. «Was mir gesagt wird, ist, dass die Gassenarbeit heute von Bevölkerung und Politik deutlich besser akzeptiert als in den Anfangszeiten.» Das werde in Zukunft hoffentlich auch so bleiben.