Eine Pastorin fordert die sexuelle Reformation der Kirche

Viel zu lange habe die Kirche die Sexualität ihrer Mitglieder unterdrückt, schreibt Nadia Bolz-Weber in ihrem neuen Buch «Shameless». Für die 25-Jahr-Jubiläumsfeier der Offenen Kirche Elisabethen kommt die populäre US-Pastorin nun nach Basel.

Redet gerne Klartext: Die US-Pastorin Nadia-Bolz Weber. (Bild: zVg)

Von Tabus hält Nadia Bolz-Weber nicht viel. Vor allem nicht, wenn sie von der Kirche errichtet werden. Das beweist die populäre Pastorin aus Denver (USA) in ihrem neuen Buch «Shameless». Darin fordert sie eine «sexuelle Reformation» der Kirche – eine Enttabuisierung der Sexualität. Und fängt damit bei sich selbst an.

Im Buch spricht sie über ihre Entscheidung zu einer Abtreibung. Als junge Frau sei sie nach ihrer Alkoholsucht gerade zwei Jahre trocken gewesen und habe keinen richtigen Job gehabt. Die Entscheidung habe sie «eine Zeit lang kaputt gemacht». Doch noch heute sei sie überzeugt, dass sie richtig gewesen sei.

Alkohol, Sex und religiöse Sinnsuche

Bolz-Weber wurde 1969 geboren und wuchs in einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus auf, an dem sie sich stets gerieben hat. Nach viel Alkohol, Sex und religiöser Sinnsuche fand sie als Erwachsene zu ihrem Glauben und zu den Lutheranern. Sie wurde Pastorin.

Als solche hebt sie sich auch äusserlich deutlich ab von den übrigen Geistlichen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, der grössten lutherischen Kirche Nordamerikas. Kaum ein Artikel über Bolz-Weber erscheint ohne Hinweis auf ihre bunten Tattoos mit teilweise biblischen Motiven.

2008 gründete sie in den USA das lutherische «House for All Sinners and Saints» («Haus für alle Sünder und Heiligen»). In ihren Predigten legt sie häufig den Fokus auf die Vielfalt und Individualität der Menschen.

Heute ist Bolz-Weber Mutter zweier Kinder, ihre Ehe mit einem Pastor ist inzwischen geschieden. Ihre Gemeinde verliess sie im Sommer 2018 in beiderseitigem Einvernehmen. Sie wolle schreiben und Vorträge halten, die Botschaft des Evangeliums weiter verbreiten, wie sie sagt.

Besessen von Geboten zur Sexualität

Die Bestseller-Autorin und international bekannte Rednerin ist überzeugt, kirchliche Ge- und Verbote zum Thema Sex hätten zahllose Menschen verletzt und ihnen Schamgefühle eingeredet.

In ihrem Buch schildert sie auch eine Situation mit ihrer 18-jährigen Tochter, als diese sie fragt, ob sie bei ihrem festen Freund übernachten dürfe. Es sei schwer, die Sexualität der eigenen Kinder zu akzeptieren. Und doch habe sie ihrer Tochter erlaubt, über Nacht bei ihrem Freund zu bleiben, weil sie ihr vertraue.

«Shameless» habe sie geschrieben, «für alle, die sich jemals wegen ihrer sexuellen Beschaffenheit geschämt haben», sagt Bolz-Weber. Für alle, die ihr Liebesleben verstecken müssten, für alle, die sich vom Christentum entfernt haben, insgeheim Jesus aber noch immer lieben. Und für alle, die sich einmal gefragt haben, warum die Kirche «so besessen» sei von Geboten zur Sexualität.

Scham bei der Masturbation

In «Shameless» kommen Gemeindemitglieder zu Wort, die unter der kirchlichen Sexualmoral gelitten haben. Zum Beispiel erzählt ein junges Ehepaar, ihnen habe die Kirche vorgeschrieben, vor der Hochzeit beim Sexuellen «nicht zu weit» zu gehen. «Man hat mir immer erzählt, Gott sei allgegenwärtig und würde sehen, wie ich masturbiere, so dass ich mich schämen müsste», erzählt der Ehemann.

Nach Ansicht von Bolz-Weber ist es «schlechte Theologie», zu lehren, dass Gott nur mit einem «bestimmten Menschentyp» zufrieden sei. Denn Gott habe die Menschheit in einer «atemberaubenden Vielfalt» erschaffen – auch in sexueller Hinsicht.

Besser mehr Scham als weniger?

Man müsse in der Kirche offen über Sex reden, ohne Schuldgefühle und Scham zu verbreiten. Als Pastorin habe sie festgestellt, dass religiöse Vorschriften zur Kontrolle sexueller Wünsche das emotionale, sexuelle und spirituelle Wachstum behinderten. «Wenn deine sexuellen Sehnsüchte nicht auf Minderjährige ausgerichtet sind oder Tiere, oder wenn dein sexuelles Verhalten dir selber nicht schadet oder Menschen, die du liebst», müsse man Sehnsüchte nicht unterdrücken, sagt Bolz-Weber.

In «Shameless» schreibt Bolz-Weber wie gewohnt humorvoll und gleichzeitig provozierend. Manchen Kritikern geht die «Bolz-Weber-Show» aber offenbar auf die Nerven. Die Pastorin tue so, als sei Scham grundsätzlich schlecht, klagte die Sprecherin eines Anti-Pornografieverbandes in der Online-Zeitschrift «Christian Post». In der heutigen Welt, in der oft die Orientierung fehle, brauche man eher mehr als weniger Scham, erklärte sie. (epd/vbu)

Nadia Bolz-Weber wird im Rahmen der 25-Jahr-Feier der Offenen Kirche Elisabethen Gast in Basel sein. Am Freitag, 26. April, hält sie das Auftaktreferat der Tagung «frisch und weise» (Referat auf Englisch, Flüsterübersetzung auf Deutsch in einem Teil des Raumes). Sie wird am Samstag, 27. April, Gebete halten und am Sonntag, 28. April, an der urbanen Jodelmesse «Hallelu-JO!» predigen. Mehr Informationen zum Jubiläumsprogramm gibt es unter: jubilaeum.offenekirche.ch