«Ich predige nie darüber, was Menschen besser machen sollen»

Nadia Bolz-Weber leitet in Denver eine ungewöhnliche lutherische Gemeinde. Im Interview erklärt der US-Shootingstar, wie es dazu kam, und warum sie Gottes Gnade wichtiger als alles andere findet.

Viele Tatoos und grosse Visionen: Nadia Bolz-Weber (Bild: zVg/Courtney Perry)

Frau Bolz-Weber, Ihre Gemeinde heisst «Haus aller Sünder und Heiligen». Was bedeutet dieser Name?

Nadia Bolz-Weber: Ich wünschte, ich hätte ihn selbst erfunden! Das ist aber nicht so. Ich habe mich vom Reformator Martin Luther inspirieren lassen. Für ihn sind wir alle gleichzeitig Sünder und Heilige. Das bedeutet: wir tragen jederzeit das Gute und das Schlechte in uns. Niemand hat nur eines von beidem! Darum traue ich übrigens auch jenen Christen nicht, die ständig fröhlich sind.

 

Was verstehen Sie denn unter Sünde?

Sünde ist die menschliche Eigenschaft, Fehler zu machen. Wir sind wütend, eifersüchtig, denken nicht an unsere Nachbarn. Das alles geschieht aber nicht etwa, weil wir uns nicht genug anstrengen, sondern weil es zutiefst menschlich ist. Wir können nicht vermeiden, Sünder zu sein. Selbst wenn ich meinem Ehemann treu bin, nie stehle oder lüge, bleibe ich eine Sünderin, denn dann werde ich stolz und hochmütig. Es ist unausweichlich. Dafür brauchen wir uns nicht zu schämen.

 

Das klingt entmutigend. Sind wir zum sündigen Dasein verdammt?

Eben gerade nicht! Wir sind auf Gottes Gnade angewiesen. Natürlich hätten wir es lieber, wir könnten uns selbst aus der Sünde befreien, indem wir etwas Gutes tun. Aber das Evangelium sagt, dass nur die Gnade Gottes uns retten kann. Kein Gesetz vermag das, weder ein konservatives noch ein liberales. Die konservativen Kirchen stellen moralische Verhaltensvorschriften auf. Die liberalen Kirchen formulieren Ansprüche an soziale Gerechtigkeit: Wir sollen schön brav Abfall trennen und eine friedliche Sprache verwenden. Keines von beidem kann uns befreien. Die Gnade Gottes zeigt mir, dass meine Fehler und meine Unvollkommenheit nicht das letzte Wort sind.

 

«Wir sind eine Gemeinde von Erzeugern, nicht von Konsumenten. Keine Band, keine Lichtshow. Dafür gregorianische Gesänge – und zwar a capella.»

 

Ihre Gemeinde ist in den letzten Jahren gewachsen. Warum kommen die Menschen zu Ihnen?

Das müssten Sie diese fragen! Meine Vermutung ist: Die Menschen spüren, dass sie mit ihrer ganzen Existenz kommen können. Sie brauchen nicht so zu tun, als seien sie jemand anders. Sie müssen keinen Teil ihrer Persönlichkeit oder Lebensgeschichte verstecken. Genau dies ist in den meisten christlichen Kirchen leider der Fall. Übrigens auch in New Age-Kreisen. Auch dort gibt es, wie in den Kirchen, keinen Platz für die Schatten der Menschen.

 

Wie hat sich Ihre Gemeinde verändert, als Sie als Person bekannter wurden und sie ständig Zuwachs erfahren hat?

Am Anfang bestand die Gemeinde vor allem aus Leuten, die in keine andere Kirche passten. Junge, urbane Singles, Homosexuelle, Transsexuelle, Kriegsveteranen und einstige Alkoholiker. Sie machen immer noch den Grossteil unserer Mitglieder aus. Aber neu kommen auch Besucher mittleren Alters und Mütter aus den Vorstädten, die ein klassisches bürgerliches Leben führen. Auch diese Menschen, die ein scheinbar ganz normales Leben führen, haben sich in ihrer traditionellen Kirche nicht wohl gefühlt. Auch sie suchten einen Ort, an dem die Wahrheit über ihr Leben und ihre Existenz ausgesprochen wird. Anfänglich flippte ich aus, als sich meine Gemeinde veränderte. Ich fürchtete, dass die neuen Mitglieder unsere so schön verschrobene Gemeinschaft langweilig machen würden. Doch das Gegenteil geschah. Heute haben sich die unterschiedlichen Gruppen gerne – und das ist doch eigentlich noch viel verschrobener.

 

Wie läuft ein Gottesdienst in Ihrer Gemeinde ab?

Die Liturgie ist sehr traditionell, aber nicht konventionell. Wir halten uns stärker an die Tradition als die meisten lutherischen Kirchen. Im Gottesdienst sitzen wir in einer Runde. Der Altar ist in der Mitte. Als Pastorin teile ich mir die liturgischen Aufgaben mit den Gemeindemitgliedern. Wir haben weder Band noch Lichtshow noch Grossbildschirm, wie in vielen anderen US-Kirchen. Wir singen ausschliesslich gregorianische Gesänge – und zwar a capella, machen also Musik mit unseren Körpern. Wir sind eine Gemeinde von Erzeugern, nicht von Konsumenten. Aber die Sache, an der wir partizipieren, ist Jahrhunderte alt.

 

Sie bezeichnen sich als orthodoxe Theologin. Was an Ihnen ist orthodox und was ist neu?

In den USA gibt es liberale und konservative Kirche. Meine Gemeinde beschreitet einen dritten Weg: Wir sind sozial progressiv, denn ein Dritte der Gemeinde ist schwul, lesbisch oder transsexuell. Wir sind keine moralischen Sittenwächter unserer Mitglieder. Aber wir sind auch keine liberale Kirche, denn den Liberalen ist es beinahe peinlich, über Jesus, die Bibel oder gar die Sünde zu sprechen. Die dozieren lieber über die Bibel aus historisch-kritischer Sicht oder predigen über Texte des buddhistischen Lehrers Thich Nath Than. Meine Gemeinde ist aufs Evangelium ausgerichtet. Ich predige nie darüber, was Menschen besser machen sollen, sondern nur über Jesus.

 

Was ist die wichtigste Botschaft der Bibel für Sie?

Die Idee, dass unser Leben und unser menschliches Selbst nicht die letzte Wahrheit sind. Wir sind Teil einer grösseren Geschichte, die von Erlösung und Vergebung erzählt. Gott tut diese Dinge und ist aktiv in der Welt, auch wenn wir es nicht sehen. Wir sind mit ihm verbunden.

 

Zur Person

Nadia Bolz-Weber ist ordinierte Pastorin der Evangelical Lutheran Church of America. Sie wuchs in einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus auf und war Alkoholikerin, bevor sie Theologie studierte. Jüngst erschien auf Deutsch die Autobiografie über ihr gar nicht stromlinienförmiges Leben. Der bissige Bericht heisst im Original «Pastrix»: Mit diesem sexistisch gefärbten Begriff betitelten sie ihre Kritiker, die Wörter «Pastor» und «Dominatrix» (= Domina) kombinierend.

 

Das Buch: Nadia Bolz-Weber. «Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen.» Brendow Verlag, 2015

 

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Sabine Schüpbach/reformiert.info
Tilmann Zuber/Interkantonaler Kirchenbote